Die Stärke des Lyrikers Paul-Henri Campbell, sowohl in den USA als auch in Deutschland sozialisiert, sei das Langgedicht mit seinen Motivketten und seriellen Ordnungssystemen, meint Kurt Drawert. Dessen in ihrem Rhythmus, ihrem Sound und ihrer Bildlichkeit unverwechselbare Dichtung sei dem Leben „abgerungen“.

Der Dichter und Übersetzer Paul-Henri Campbell

Eine Kerze, die von beiden Seiten brennt

Von Kurt Drawert

Wer länger in Amerika war, versteht sicher besser, warum die amerikanische Lyrik narrativer ist, stofflich oft ausschwingender als die europäische und vor allem die deutsche. Damit verbunden sind keine Qualitätskriterien, sondern andere poetische Dispositionen, die anderen Systemen von Wahrnehmung folgen. Schon in den 1960er Jahren hat es in Deutschland die Gespräche über das kurze und das lange Gedicht gegeben, wie sie etwa Karl Krolow mit Walter Höllerer führte, und auch in der zeitgenössischen Lyrik herrscht alles andere als Tendenzgleichheit vor. Die Lakonie, ihre enorme Komprimierung und Assoziationsfähigkeit, ist dabei eine Möglichkeit, Sprache lyrisch zu verwenden. Der Langvers, der die Vorgänge des Gedichtes in eine tiefere Bewegung führt und seine Nähe zur Prosa immer wieder auflösen muss, ist eine andere. Paul-Henri Campbell, ein junger deutsch-amerikanischer Lyriker, der, nach einem Studium in klassischer Philologie und katholischer Theologie, heute in Frankfurt am Main lebt, beherrscht beide Tonlagen. Vor allem aber das Langgedicht, das sich über Motivketten und einem seriellen Ordnungssystem aus sich selbst heraus entfaltet, ist seine Stärke. Man kann spekulieren, ob es die Herkunft – geboren 1982 in Boston – ist, die auch zu einer literarischen Prägung wurde. Denn Primärerfahrung und poetischer Text reagieren stets aufeinander oder sind sogar koinzident. Entscheidend aber ist das ästhetische Ding, das Gedicht, ob es oder ob es nicht gelungen ist. Und Campbell, der leider noch zu wenig bekannt ist, schreibt geradezu atemberaubende, in ihrem Rhythmus, ihrem Sound, ihrer Bildlichkeit unverwechselbar eigene, soll heißen: dem Leben „abgerungene“ Gedichte.

Es sind Körpertexte, Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Welt, die sich, einem Möbiusband gleich, notorisch ineinander verschieben und ihre Perspektiven, ihre Orte des Anschauens, wechseln. Das Subjekt im Gedicht wird so zu einem Allgemeinen, wie das Allgemeine im Subjekt erscheint. Wenn das die Kondition ist, die Form, dann füllt sie sich natürlich mit Stoff, mit Geschichte und Konflikt. Objekt und Metapher zugleich sind immer wieder die Technik oder das technizitäre Vermächtnis einer Zivilisation, die im Begriff ist, sich selbst abzuschaffen. In einer Neuauflage der Gedichtsammlung „space race“ (Lyrik-Edition 2000, München 2015) werden fast schon beschwörend und mit dem Mut zum Pathos die Dispositive beschrieben, die unsere Errungenschaften unabänderlich begleiten. Das jedoch mündet nie in absoluter Negation oder einer Lust an der Zerstörung dessen, das über zerstörerische Kräfte verfügt. Im Gegenteil, es ist reines dialektisches Denken und nimmt poetisch auf, was die Erfolgsgeschichte in sich selbst nicht mehr spiegelt. – „die verschleppte rache / der schlachten, die im wechselspiel kalter schultern / verschlungene wege der schuld vergelten. // diese seltsame periode, darin in jeder aggression/ eine notwehr trauert, hilflos vor angst (…).“ Das ist im expressiven O-Menschheits-Ton vielleicht nicht ganz so modern, wenn man die oft sprachverspielten und in sich selbst versunkenen Poetiken anderer Autorinnen und Autoren seiner Generation dagegenhält, die sich manchmal an Harmlosigkeit noch überbieten. Aber es ist, in eben dieser Unterscheidung, überhaupt ein Ton, eine Stimme, eine Haltung.

Partikel des Singulären im Universalen

Es mag an meinem Alter liegen, dass ich wie das Huhn über dem Kochtopf hängend die digitale Welt mehr erleide als verstehe und deren Reflexe in der Literatur eben darum auch nicht oder eben nur schlecht lesen kann. Aber es erschreckt mich zutiefst, wenn das sowieso schon bis zur Auslöschung zerstreute Subjekt auch von denen aufgegeben wird, die es zu bewahren und sprachlich neu zu organisieren hätten – den Schriftstellern nämlich, und im besonderen den Dichtern. Die Reproduktionen von Leere, wie sie sich in der Montage (von Abfall) vollzieht (und ohne dass in ihr eine Form der Kritik implementiert ist) erzeugt noch keine Fülle, keinen Sinn, wie ich es einem Autor aus gegebenem Anlass kürzlich leider sagen musste. Vor diesem Hintergrund – der ja nun auch eine Art von Überanpassung an die Gegebenheiten des Marktes darstellt und vom Kritiker am Bestehenden eben das abzieht, was ihn vom Konsumenten unterscheidet: die Kritik nämlich – ist Campbells lyrische Stimme, seine Antimode, aufs höchste modern! Und es gibt, zu den Gedichten in „space race“, die im Universalen die Partikel des Singulären suchen, auch eine Gegenfigur, eine Art semantischen Chiasmus: und das ist der (eigene) Körper und seine fortwährende Überschreibung von den Texten der Macht. In einem Zyklus, der „nach den narkosen“ heißt, wird der Körper zerschnitten, permutiert, überformt, ist Projektionsfläche für medizinische Allmachtsphantasien wie Objekt gleichermaßen. Auch diese Fixierung, wenn man sie auf der Ebene der Literaturgeschichte denkt, ist mit dem frühen Gottfried Benn und jener Ästhetik des Hässlichen, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblich war, durchaus bekannt.

Nur hat sie deshalb nicht aufgehört, thematisch von Belang zu sein, weil die psychosozialen Verhältnisse, in denen der einzelne steht, heute keine wesentlich anderen sind. Eher erschreckend also wäre, wenn es nur eine technologische, nie aber eine gesellschaftliche, moralische, kulturelle Revolution gegeben hat. Hier frage ich nicht weiter, sondern zitiere Campbell: „wie axthieb wie hindurch wie brustbein/ wie ein kalter nasser schmerz wie krass/ wie im erwachen wie ohne wie mit naht/ der nacht (…)/ und auskehrend wieder o atem/ und er geht fort (…)/ jener/ komplize des skalpells der offen sah dich/ dir ins herz“. Würde er die Verse laut lesen, könnten wir seinem hastigen Gestus folgen, seiner Geschwindigkeit, mit der er denkt, lebt und handelt. Es ist, als hätte einer niemals Zeit, auch wenn er Zeit hat. In diesem Zyklus nämlich geht es um Leben und Tod, denn Paul-Henri Campbell muss mit einer schweren Herzkrankheit leben, und er lebt so immer auch in einem Bewusstsein von der Endlichkeit. Und wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt, beschleunigt sie auch seine Zeit, seine Dichtung, seine kluge, hellwache Art, die Welt sich verständlich zu denken.

Zuerst erschienen in OSTRAGEHEGE – Zeitschrift für Literatur und Kunst

Kurt Drawert, geboren 1956 in Hennigsdorf bei Berlin, lebt als Autor von Lyrik, Prosa, Dramatik und Essays in Darmstadt. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband „Der Körper meiner Zeit“.

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erstellt am 03.2.2017

Paul-Henri Campbell
Paul-Henri Campbell

Paul-Henri Campbell
space race
Gedichte
Paperback, 112 Seiten
ISBN: 978-3-86906-740-7
Allitera Verlag, München 2015

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