Der Gutsbesitzer und Schriftsteller Achim von Arnim heiratete 1811 die kapriziöse Bettine Brentano. In dem Buch „Bettine und Achim von Arnim“ erzählt Hildegard Baumgart nun „die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe“. Es ist ein reichhaltiges Buch, das zu Herzen geht und sogar Romantikkenner mit Neuigkeiten versorgt, meint Otto A. Böhmer.

Bettine und Achim von Arnim

Eine große Liebesgeschichte

„Romantik“, heißt es eher unromantisch im Sachwörterbuch zur deutschen Literatur, ist „im Rahmen der deutschen Literaturgeschichte“ ein „Epochenbegriff für den Zeitraum von etwa 1795 bis 1830/40“. Ein vergleichsweise kleiner Zeitraum mit großer Wirkung, wie wir heute wissen, da uns das Romantische zusehends abhanden kommt und um so verführerischer erscheint, je mehr wir geneigt sind, uns an „versunknen schönen Tagen“ zu wärmen, für die der realistischste unter den romantischen Autoren, Joseph von Eichendorff, manch poetische Rückholaktion startete. Die Romantik entstand, als sich die Meinung durchsetzte, dass die Aufklärung genug Aufklärung gebracht hatte. Gab es nicht noch etwas anderes als ehrenwerte Vernunftprogramme – die Abgründe des Ich beispielsweise, seine Träume und Zumutungen, oder das (inzwischen ramponierte) Herrliche in der Natur, das über Gott und die Welt mehr verrät als ein Pflichtbesuch in der Kirche? Friedrich von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis (der „Neuland-Besteller“) nannte, lieferte eine grundlegende Arbeitsplatzbeschreibung des Romantikers: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Aussehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, romantisiere ich es …“ Und Achim von Arnim, unter den Romantikern nicht ganz so bekannt wie der Kollege Novalis, fügte hinzu: „Ja, wer nur einmal im Tanze sich verloren und vergessen, wer einen Luftball ruhig wie die Sonne emporziehen sah, den letzten Gruß der Menschen darin empfing …, alles Dinge, die uns umgeben, uns begegnen, der muß an eine höhere Darstellung des Lebens, an eine höhere Kunst glauben, als die uns umgibt und begegnet, an einen Sonntag nach sieben Werktagen, den jeder fühlt.“ Genau diesem Achim von Arnim, der es als mittelständischer Adeliger nicht leicht hatte im Leben, war eine große Liebesgeschichte vergönnt, die auch in der Ehe vergleichsweise unangefochten blieb. Arnim heiratete die kapriziöse Bettine Brentano, die, als ihre Zeit kam, berühmter wurde als ihr Mann, den das aber nicht mehr irritieren musste, weil er früh, zu früh verstarb. In dem Buch Bettine und Achim von Arnim erzählt Hildegard Baumgart die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe; – es ist, um es vorwegzunehmen, ein überaus reichhaltiges, kunstvoll durchkomponiertes Buch, das zu Herzen geht und sogar (selbsternannte) Romantikkenner mit Neuigkeiten versorgt.

Zum ganz großen Dichter der Romantik langte es bei Arnim nur deshalb nicht, weil er sich in der Pflicht sah: „Arnims Berufsstand war Gutsbesitzer. Doch war sein eigentlicher Beruf – seine Berufung, wie er es empfand – das Schreiben. ‚Beruf: Dichter’, hätte er ohne die Scheu gesagt, die wir heute vor dieser anspruchsvollen Bezeichnung haben. All die Rechnungen hin und her, die lästigen Briefe, die tausend Gedanken an unbezahlte Wechsel – all das war nur ‚Geschäft’.“ Ein Geschäft allerdings, mit dem, ebenfalls nach heutigem Verständnis, kein Geschäft zu machen war: Arnim hätte sich liebend gern für die Dichtkunst entschieden, aber die brachte, damals wie heute, nichts ein, und so musste er, kaum je von Erholungsphasen entlastet, dem Schuldendienst zuarbeiten, der sich am Erwartungshorizont aufgebaut hatte. Dass er nicht in anhaltende Depressionen verfiel, war Bettine zu verdanken, die er, ohne davon Aufhebens zu machen, am 11. März 1811 in Frankfurt am Main geheiratet hatte. Bettine, eine der Schwestern des genialischen Clemens Brentano, mit dem Achim anfangs eng, später dann nicht mehr ganz so eng befreundet war, wurde zu seiner Stütze; sie leistete, nicht nur als Mutter von sieben Kindern, Beträchtliches, war Seelentrösterin und Ratgeberin, die den Dichter, der als Gutsherr nicht mehr so recht zum dichten kam, aufmunterte und mit Zuspruch versah.

Die Liebe wird störanfällig

Die „Stammgüter“ der Arnims lagen in der Uckermarck und waren, milde gesagt, in einem Zustand, den zu beschreiben nur in einem Tonfall gespielter Verzweiflung gelang: „Man hält die Zimmer für Treibhäuser, weyl allerlei Grünes, als Brennesseln und Kletten darin aufgeschossen …ich sehe kein Haus, das nicht will geflickt seyn, keinen Menschen, der nicht irgend einen heimlichen offenen Schaden hat …“ Anfangs kann das die Arnims nicht wirklich erschüttern, auch wohl, weil sich Kinderglück einstellt: Als der erste Sohn geboren wird, der, nachdem man sich anfangs mit der Namensuche schwer tut, schließlich Freimund genannt wird, ist nicht nur der Vater begeistert, obwohl er sich sogleich zu realistischer Kommentierung anhält: „Er ist gerade gewachsen, eher lang als dick zu nennen. Er ist gescheidt, und lacht schon sehr bestimmt nach den ersten acht Tagen. Schreit er, so macht er ein ganz verteufeltes Gesicht. Pissen ist seine beste Kunst, besonders wenn er ausgebundelt wird, macht er die kunstreichsten Springbrunnen.“ Weitere Söhne kommen zur Welt; schließlich noch drei Töchter, die allesamt so anmutig geraten, dass es an Bewerbern, die sich in eindeutiger Absicht nähern, später nicht mangeln wird. Da leben die Arnims dann schon in zwei Hausständen: Arnim überwiegend auf Schloss Wiepersdorf, das damals arg reperaturanfällig ist, heute jedoch als gepflegte Sehenswürdigkeit bewundert werden kann; Bettine in Berlin, wo sie sich langsam, aber sicher in einer aufblühenden Geselligkeit einnistet, aus der sie später kaum mehr wegzudenken ist. Die Liebe, über die Entfernung gepflegt, bleibt, wird indes störanfällig. Auch damals schon ist der Alltag Hauptfeind aller Liebenden; man muss ihn nicht mögen, kommt aber nicht um ihn herum. Manchmal lässt er sich auch nur an Äußerlichkeiten festmachen: Achim, in jungen Jahren fast immer als auffällig attraktiver Mann beschrieben, heißt es, sei „stärker“ geworden, was nichts anderes bedeutet, als dass er dick wird; ein Vorgang, der Ehemännern, die es sich in beruhigter Leidenschaft bequem gemacht haben, auch heute noch widerfährt.

Überhaupt versteht sich Hildegard Baumgart darauf, das Allgemeinmenschliche von Lebens- und Liebesbemühungen aufzuzeigen, die sich, bei genauerem Hinsehen, keineswegs als überholt erweisen, sondern auch uns Nachrückern noch nahegehen. Das gilt nicht zuletzt für Arnims Tod, der im Januar 1830 ohne Vorwarnung, wenngleich nicht aus heiterem Himmel erfolgt. Nur mühsam vermag sich Bettine danach wieder zu fangen, wobei ihr die Familie hilft; dennoch ist sie mit ihrem Schmerz erst einmal allein: „ein grausames Wühlen in offener Wunde, es mag noch so gut gemeint seyn, mag zu Menschen oder zu Gott hinweisen, zum wahren Troste kann nur jeder durch sich gelangen.“ Die Erfolgsgeschichte der Bettine von Arnim, die ihren Mann um satte achtundzwanzig Jahre überlebt, verläuft erst gradlinig, stürzt dann wieder ab, um sich schließlich in einem Ruhm einzurichten, der keinen Nachschub braucht: „Sie schrieb sechs Bücher, deren Erfolg von Buch zu Buch abnahm. Goethes Briefwechsel mit einem Kinde wurde 1835 sofort hochberühmt. Man hat den Erfolg mit dem des Werther verglichen, während von den Dämonen, ihrem letzten Werk, das 1852 erschien, vier Jahre später noch nicht ein einziges Exemplar verkauft war. Die schönsten Bücher sind die drei, in denen sie die ungehobenen Schätze ihres Lebens vor der Ehe verarbeitete. Sie haben eigentlich jeweils zwei Autoren: Bettine und Goethe, Bettine und Karoline von Günderode, Bettine und Clemens Brentano. Aber es war Bettines Zauber, ihre Begeisterung für das ‚kindliche’, für unbefangene Zumutungen, für den Zauber des Beginnens, die sie selbst und ihre Gegenüber in ein neues Leben führten.“ Das hat der Dichterin Bettine von Arnim nicht nur Freunde gemacht; sie konnte auch gehörig nerven, wovon, allen voran, der von ihr rücksichtslos verehrte Goethe ein brummig Lied zu singen wusste; er, der sich anfänglich für ihren Charme noch durchaus empfänglich gezeigt hatte, wollte von der reifen Bettine, die abnehmende Reize mit zunehmendem Mitteilungsdrang kompensierte, nichts mehr wissen; er kappte den Schriftverkehr mit ihr und ließ sich, wenn sie ihn, oft auch unangemeldet, besuchte, nur zu gern verleugnen. Auch das wird in Hildegard Baumgarts Buch, das uneingeschränkt zu empfehlen ist, nicht verschwiegen, im Gegenteil; am Schluss erfreut die Autorin den Leser sogar noch mit einem Fundstück, für das ihr ein Sonderlob gebührt: „wer schlecht gelaunt ist, wird sich von Peter Hacks verstanden fühlen, der einmal im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf bei Matsch und Regen diese erstaunlichen Worte gefunden hat: Zwei Stiefel bin ich, die durch Pfützen patschen, / Aus jedem Busch hör ich Bettine quatschen.“

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erstellt am 03.2.2017

Bettine von Arnim
Bettine von Arnim

Hildegard Baumgart
Bettine und Achim von Arnim
Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe
Gebunden, 750 Seiten
ISBN: 978-3-458-17661-9
Insel Verlag, Berlin 2016

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Achim von Arnim
Achim von Arnim, Gemälde von Peter Eduard Ströhling, Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum