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2015 ist in England die Monographie „Dramaturgy in the Making“ erschienen. Es ist eine umfassende Darstellung der verschiedenen Aspekte der Dramaturgie, die für den Theaterliebhaber ebenso interessant sind wie für den Theaterpraktiker. Thomas Rothschild stellt das Buch im Vergleich mit einer jüngeren Veröffentlichung von Evelyn Deutsch-Schreiner vor.

Buch

Was man über Dramaturgie wissen sollte

Auf nachtkritik.de habe ich das Buch „Theaterdramaturgien von der Aufklärung bis zur Gegenwart“ von Evelyn Deutsch-Schreiner rezensiert. Ich wurde gefragt, ob es stimme, „dass Deutsch-Schreiner und (ich) sich seinerzeit um dieselbe Universitätsstelle beworben haben, die dann Deutsch-Schreiner bekam“. Ja, das stimmt. Wenngleich „bekommen“ das falsche Verb ist. Evelyn Deutsch-Schreiner hat sich als Zweitgereihte die Stelle erschwindelt – übrigens gegen das ursprüngliche Votum nicht nur der Universitätsgremien, sondern auch der Gleichstellungsbeauftragten –, durch Intrigen und mit der Unterstützung des damaligen Ministers, dessen Vater Gottfried von Einem den umstrittenen Kurt Waldheim einst gegen gemeinsame „Gegner“, nämlich gegen „jüdische Organisationen“, verteidigt hatte und der sich mittlerweile als Befürworter einer möglichen Koalition der SPÖ mit der FPÖ Heinz-Christian Straches geoutet hat. Wenn es nicht so pathetisch klänge, müsste ich sagen: Evelyn Deutsch-Schreiner hat mein Leben zerstört. Was, wenn nicht dies, berechtigte mich zu Ressentiments? Ich kenne unzählige Frauen und Männer, die klüger sind als ich, mehr wissen und schärfer denken können. Wäre eine oder einer von ihnen mir vorgezogen worden – ich hätte es verkraftet, dass ich ausgetrickst und um die Rückkehr in meine Heimat sowie um die Anderen gewährten Chancen betrogen wurde. Aber eine Deutsch-Schreiner, die noch in keinem ihrer bisherigen Berufe etwas Erwähnenswertes geleistet hat und die sich – wohlgemerkt: als Betreuerin akademischer Abschlussarbeiten – mit der Grammatik herumschlägt, als wäre sie Penthesilea und die deutsche Sprache Achill? Oder muss man sich die Grammatik doch eher als Herakles vorstellen? Jedenfalls wird Deutsch-Schreiner von ehemaligen Arbeitskolleginnen „die Schlange“ genannt.

Eine faire Beurteilung ist möglich

Das Wort „Hass“ wird gemeinhin fast mechanisch mit dem Epitheton „blind“ versehen. Aber es gibt auch begründeten Hass, wie es blinde Zuneigung gibt, und das Gebot, seinen Feind zu lieben, verhöhnt nur die Unterlegenen, schützt die Täter und verlängert das Unrecht. Es trifft zu, dass ich für Evelyn Deutsch-Schreiner keine Sympathie empfinde. Aber meine Abneigung gegen die Person hindert mich nicht an einer fairen Beurteilung ihres Ergebnisses von mehr als fünfzehn Jahren Forschung. Sie verlangt mir nicht mehr Befangenheit ab, als Rezensenten empfinden, die Autoren schätzen oder gar mit ihnen befreundet sind. In ihrem Buch rügt Deutsch-Schreiner Lessing und Schiller wegen ihrer harschen Kritik an den Schauspielern, mit denen diese arbeiten mussten. Das „Netzwerk“ tut genau das, was Deutsch-Schreiner bei Lessing und Schiller vermisst: Es opfert die Redlichkeit der Kumpanei.

Was ist falsch in meiner Rezension? Kommen die zitierten Sätze im Buch nicht vor? Ist die Struktur unrichtig beschrieben? Sind die Konzepte der gewiss bewundernswerten Stefanie Carp prototypischer für die Entwicklung des Berufs als, sagen wir, jene von Wolfgang Wiens, Renate Klett oder Marie Zimmermann? Wenn man mir Fehler nachweisen kann, will ich gerne Buße tun. Die Wahrheit ist: da ich den erwartbaren Verdacht der Voreingenommenheit entkräften wollte, habe ich das Buch deutlich freundlicher besprochen, als ich es bei jedem anderen Autor getan hätte. Ich habe darauf verzichtet, zu erwähnen, dass es sich um eine bloße Materialsammlung mit Inhaltsangaben in der Tradition der Kindermann-Schule handelt, die keine These, keinen eigenen Gedanken enthält. Zahlreiche Fußnoten suggerieren Wissenschaftlichkeit und belegen doch nur die hirnlose archivarische Ausbeutung fremden Fleißes. Ich habe nicht angesprochen, dass der Amplitudenkniff „von der Aufklärung bis zur Gegenwart“ nur funktioniert, weil Deutsch-Schreiner mit einem unscharfen Dramaturgie-Begriff arbeitet, der lediglich dem Wortlaut, nicht der Bedeutung nach Lessing und Schiller mit Kipphardt, Sturm, Carp und Beil verbindet. Diese haben, weil das nicht zu ihren Aufgaben gehört, weder eine „Hamburgische (oder Berliner, oder Wiener) Dramaturgie“, noch eine programmatische Rede wie „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ geschrieben, die Deutsch-Schreiner aus dem Internet von einer Seite mit letztem Zugriff vom 21.11.2016, acht Monate nach Erscheinen des Buchs, zitiert. (Von Stefanie Carp gibt es immerhin eine Sammlung von Texten, die man mit zwei zugedrückten Augen den genannten Schriften vergleichen kann.) Was sie als Dramaturgen vollbringen, verhält sich zum Werk von Lessing und Schiller wie die Arbeit eines klugen Lektors zu Gottscheds „Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen“. Der Unterschied betrifft nicht den Wert, sondern den Charakter der Leistungen. Man kann das alles Dramaturgie nennen und den Aufbau eines Dramas gleich dazu, aber für die Klärung eines Tatbestands ist das wenig hilfreich. Ich habe mir, angesichts der dürftigen Sprache zwischen den Zitaten, die Bemerkung verkniffen, dass „glasklar“, beispielsweise, zu den dämlichsten Adverbien zählt, die der Jargon von Erstsemesterstudenten zur Verfügung stellt. Auch dass die Bibliographie aus der Nachtkritik-Redakteurin Esther Slevogt eine Selvogt macht, habe ich großzügig verschwiegen. Taktvoll übergangen habe ich die wiederholten Klagen über die Geringschätzung der Dramaturgie, die, nach bewährtem Muster, lediglich der Aufwertung des eigenen Zuständigkeitsbereichs dienen sollen, und über den angeblich fehlenden Konnex von Theorie und Praxis, den man in Gießen oder Hildesheim längst hergestellt hat. Dies trage ich nun nach, als Nachweis dafür, was ich mir verkniffen habe, um dem Vorwurf der Voreingenommenheit zu entgehen.

Für Theaterliebhaber und Theaterpraktiker interessant

Fast genau ein Jahr vor dem Buch von Evelyn Deutsch-Schreiner ist in England eine Monographie mit dem Titel „Dramaturgy in the Making“ erschienen. Autorin ist die aus Budapest stammende Londoner Dramaturgin Katalin Trencsényi. Bei Deutsch-Schreiner wird sie nicht erwähnt. Anders als diese, geht Trencsény systematisch, nicht chronologisch vor. Dennoch, und obwohl sie sich, mit einer soliden kontinentalen Ausbildung, eher auf Beispiele aus dem englischen als dem deutschen Sprachraum bezieht, kommt Lessing, ebenso wie Brecht, auch bei ihr vor. Durch ihn, den die Autorin ausdrücklich als „Vorläufer“ bezeichnet, wurde, nach Trencsényi, „die Rolle des Dramaturgen (die Verbindung von Theorie und Praxis der Dramaturgie) etabliert“. Mit den Worten von Anthony Meech: „Er war einzigartig darin, kritischen Verstand der höchsten Ordnung zu kombinieren mit einer Fähigkeit und der Bereitschaft, fremdsprachige Texte mit dem Talent eines Dramatikers und einem scharfen Bewusstsein für die Erfordernisse der Bühnenumsetzung im Original zu lesen.“

Der Untertitel von Trencsényis Buch suggeriert zwar, dass es auf die Praxis zielt, aber es ist weit mehr als ein „Benutzerhandbuch“, eine „Gebrauchsanleitung“. Es ist eine umfassende Darstellung der verschiedenen Aspekte der Dramaturgie, die für den Theaterliebhaber ebenso interessant sind wie für den Theaterpraktiker im Allgemeinen und den Dramaturgen im Besonderen. Die praktische Orientierung ist aufbewahrt in der Ersetzung der Frage „Was ist ein Dramaturg“ durch die Frage „Wie arbeitet ein Dramaturg“. Womit es der Dramaturg zu tun hat, benennt Katalin Trencsényi in ihrem Vorwort so: „Dramaturgie ist die Tätigkeit, durch welche Bedeutung mittels der Erfassung und des Arrangements von Mustern erzeugt wird.“ Diese Definition ist offensichtlich zu weit. Sie deckt Tätigkeiten ab, die mit dem Theater nichts im Sinn haben, und trifft auf die Arbeit eines Gartenarchitekten ebenso zu wie auf die eines Layouters. Der Eingrenzung und Konkretisierung dieser Definition dient Trencsényis Buch. Dabei stützt sie sich auf zahlreiche Interviews mit Dramaturgen unserer Tage, darunter etwa auch den Dramaturgen der Berliner Schaubühne, die sie, durchaus dramaturgisch, komplementär oder kontrastiv auswertet und „arrangiert“. Mit anderen Worten: sie geht induktiv, nicht deduktiv vor. Sie beschreibt nicht, was Dramaturgen tun sollen, sondern was sie tatsächlich tun. Stellenweise nimmt ihr Buch den Charakter einer Reportage oder eines Arbeitsjournals an.

Breiten Raum beansprucht die Erläuterung einer traditionellen Aufgabe, der Spielplangestaltung – Trencsényi benützt den bei uns eher im Zusammenhang des Ausstellungsmanagements gebräuchlichen Begriff des „Kuratierens“. Dabei erweist es sich, dass sich bei allen lokalen und regionalen Besonderheiten über die Ländergrenzen hinweg starke Übereinstimmungen herausgebildet haben, die in den gemeinsamen Entwicklungen der Medien und der Öffentlichkeit begründet sind.

An zwei Beispielen aus dem National Theatre und dem Royal Court demonstriert Trencsényi ausführlich, in welcher Weise die Dramaturgen an der Erstellung von Übersetzungen fremdsprachiger Stücke beteiligt sind und unter welchen Alternativen sie zu wählen haben. Nebenbei: diese Aufgabe wird den Dramaturgen in Deutschland erleichtert, wo mehr als 12 Prozent der veröffentlichten Bücher Übersetzungen sind – gegenüber nur 2-6 Prozent in Großbritannien, wovon wiederum nur ein Fünftel dem fiktionalen Sektor zugerechnet werden können. Dramen in Übersetzung stammen auf englischen Bühnen vorwiegend von „Klassikern“ wie Euripides, Ibsen oder Tschechow. Ein Umstand, der dem durchschnittlichen Engländer oder Amerikaner wohl weniger auffällt als der in Ungarn sozialisierten Autorin.

Aufwertung des Dramaturgenberufs

An fünf weiteren Beispielen aus England, Kanada und den USA exemplifiziert Katalin Trencsényi die Möglichkeiten, die sich dem „New Drama Development“ eröffnen. Zwei Inszenierungen aus Amsterdam und Budapest fungieren als Material für eine Diskussion der Arbeit von eng mit der Regie zusammenarbeitenden Produktionsdramaturgen. Diese Umverteilung der Verantwortung, auch im deutschen Theater, hat zu einer Aufwertung des Dramaturgenberufs geführt. Nicht immer freilich beherzigen Dramaturgen Katalin Trencsényis Mahnung: „Kreation ist solch ein delikater Prozess, man muss sehr vorsichtig sein, wann und wie man sich einmischt, und es ist wichtig, dass wir Dramaturgen wissen, wann wir anwesend sein, aber schweigen sollen.“

Im folgenden Kapitel liefert Katalin Trencsényi Beispiele für eine Spielart der Produktionsdramaturgie, die sie „prozessgeleitet“ – im Gegensatz zu „produktgeleitet“ – nennt.

Schon Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts meinte Ivan Nagel, damals Kulturkorrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in New York, das Interessanteste auf dem Gebiet des Theaters finde im Tanztheater statt. Es ist also nur logisch, wenn Katalin Trencsényi den dritten Teil ihres aus drei Teilen bestehenden Buchs der Tanzdramaturgie widmet und damit die Scheuklappen denunziert, die viele Theaterwissenschaftler daran hindern, die szenischen Künste, auch den Film und die Musik, in ihrem Zusammenhang zu begreifen oder auch nur wahrzunehmen. Peter Handke, Yvonne Rainer und John Cage in einem Atem zu nennen, gehört leider nicht zu den Gepflogenheiten der Kulturpublizistik. Dass Pina Bausch und ihr Dramaturg Raimund Hoghe in diesem Kapitel eine zentrale Stellung einnehmen, wird kaum überraschen.

Katalin Trencsényi kommt in ihrem Schlusskapitel zu einer sympathischen, weil bescheidenen Erkenntnis: „Ein Dramaturg darf nicht vergessen, dass, obwohl er eine kreative Rolle spielt, es stets eine sekundäre ist: Unser Beruf ist nicht, Entscheidungen zu fällen, sondern Entscheidungen zu erleichtern und die Wahlmöglichkeiten und die Implikationen der möglichen Entscheidungen aufzuzeigen. Die Methode eines Dramaturgen ist Befragung, nicht Behauptung.“

Kommentar:

Ich habe geschrieben, meine Abneigung gegen Evelyn Deutsch-Schreiner verlange „mir nicht mehr Befangenheit ab, als Rezensenten empfinden, die Autoren schätzen oder gar mit ihnen befreundet sind“. Wie weit die Unbefangenheit reichen kann, habe ich selbst nicht geahnt. Das Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien, an dem Deutsch-Schreiner gearbeitet hat, ehe sie nach Graz berufen wurde, betreibt im Internet ein Rezensionsjournal. Dieses führt mehr als 150 RezensentInnen auf. Offenbar wollte keine und keiner von ihnen Deutsch-Schreiners Buch besprechen. Also übernahm die polnische Theaterwissenschaftlerin Malgorzata Leyko diese Aufgabe. Malgorzata Leyko hat noch nie zuvor in dem Journal veröffentlicht. Zur Rezensentin in diesem speziellen Fall hat sie sich dadurch qualifiziert, dass sie zusammen mit Evelyn Deutsch-Schreiner ein anderes Buch herausgegeben hat. Entsprechend fällt auch ihre apologetische Rezension, angereichert mit der wenig überzeugenden Behauptung, der Beruf des Dramaturgen sei „typisch deutsch“, aus. Man sieht: die Schamlosigkeit treibt die Unbefangenheit ins Grenzenlose. Und wir warten darauf, dass Evelyn Deutsch-Schreiner das nächste Buch von Malgorzata Leyko bespricht. Zur Not tut's auch eine Einladung zu einer Konferenz.

Thomas Rothschild, im August 2017

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erstellt am 03.2.2017

Katalin Trencsényi
Dramaturgy in the Making
352 Seiten
ISBN-13: 9781408155653
Blooomsbury Publishing, 2015

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Evelyn Deutsch-Schreiner
Theaterdramaturgien von der Aufklärung bis zur Gegenwart
Broschiert, 351 Seiten
ISBN-13: 9783205202608
Böhlau Verlag, Wien 2016

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