Der Schriftsteller und Journalist Helmut Rizy hat kürzlich eine Studie über die österreichische Nachkriegsliteraturgeschichte vorgelegt. Darin lässt er Autoren des Exils, des inneren Widerstands und der Nachkriegsjahre zu Wort kommen, ohne die Namen der NS-Kollaborateure zu verschweigen. Thomas Rothschild hat Rizys Studie gelesen.

Österreichische Literatur

Bloß nicht in Fraktur

Es gehört zu den Klischees der öffentlichen Meinung, dass die Kirchen und die Schriftsteller moralische Instanzen seien, denen bedenkenlos Respekt gebühre. Bei den Kirchen ist man vorsichtiger geworden, seit islamistische „Hassprediger“ für Schlagzeilen sorgen. An der moralischen Autorität der christlichen Kirchen freilich darf nur zweifeln, wer bereit ist, sich seinerseits dem Zweifel an seiner Redlichkeit und seiner Moral auszusetzen. Kurios ist das schon. Weder die Inquisition, noch Hexenverbrennungen, weder Luthers Antisemitismus, noch sein Appell, die aufständischen Bauern totzuschlagen wie einen tollen Hund, weder das Konkordat des Vatikans mit Hitler, noch von Priestern betriebene Konzentrationslager in Kroatien, weder der slowakische Priester und Kriegsverbrecher Tiso, noch die Fluchthilfe für Naziverbrecher nach 1945 über den sogenannten „Rattenpfad“, weder die Belieferung der lateinamerikanischen Todesschwadronen mit Waffen durch Opus Dei, noch der Kindesmissbrauch durch Geistliche mindern die Anerkennung der Kirche als moralische Instanz.

Und die Schriftsteller? In Ungarn steht das PEN-Zentrum geradezu aggressiv hinter der autoritären Politik Viktor Orbáns. Die Parallelen zur Ergebenheitsadresse des gleichgeschalteten deutschen PEN im Jahr 1933 und zu dessen Stellungnahme beim internationalen Kongress in Dubrovnik sind erschreckend. Dort weigerten sich die deutschen Delegierten, die Frage des Generalsekretärs Hermon Ould zu beantworten, ob das deutsche PEN-Zentrum gegen die Misshandlung deutscher Intellektueller und gegen die Bücherverbrennungen protestiert hätten.

Auch in Österreich machten sich namhafte Schriftsteller, zum Teil nicht erst seit dem Anschluss im Jahr 1938, zu Kollaborateuren der Nationalsozialisten. Max Mell, Richard Billinger, Bruno Brehm, Mirko Jelusich, Franz Karl Ginzkey, Paul Grogger, Franz Nabl, Josef Friedrich Perkonig, Friedrich Schreyvogl, Karl Springenschmid, Franz Spunda, Franz Tumler, Karl Heinrich Waggerl, Josef Weinheber: Der österreichische Journalist und Schriftsteller Helmut Rizy nennt sie in seinem schmalen Büchlein über „Exil | Front | Widerstand. Das Ende des zweiten Weltkriegs in der österreichischen Literatur“ beim Namen. Dass, wenn nicht die Gesinnung, so zumindest der Opportunismus alles vergessen ließ, was zur Beglaubigung als moralische Instanz berechtigte, ist schlimm genug. Schlimmer noch erscheint, dass ein großer Teil dieser Namen nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im österreichischen Literaturleben weiterhin den Ton angab. Es fällt schwer, zwischen diesem historischen Umstand und der Tatsache, dass fast die Hälfte der österreichischen Wähler im Jahr 2016 einen Deutschnationalen zum Bundespräsidenten machen wollte, keinen – wenn nicht kausalen, so doch strukturellen – Zusammenhang zu sehen.

Verstaubte Zitate

Rizys Bestreben freilich ist es, daran zu erinnern, dass es auch eine andere Nachkriegsliteraturgeschichte gibt als jene, die er – Jahrgang 1943 – und ein Jahr jünger als der Rezensent, in der Schule vermittelt bekam, von Lehrern meist, die ihrerseits von den Jahren des Klerikalfaschismus und des Nationalsozialismus geprägt waren. Damit schlägt er in die selbe Kerbe wie Erich Hackl oder Karl-Markus Gauß, die sich seit Jahren um den Nachweis bemühen, dass Brechts Verzweiflung darüber, „wenn da nur Unrecht war und keine Empörung“, unbegründet sei. Hackl, einer der interessantesten und couragiertesten österreichischen Schriftsteller seiner Generation, geht so weit zu behaupten, dass es eine „verhohlen nazistische These“ sein soll, „wonach Österreich in erster Linie nicht als Ziel der nationalsozialistischen Aggression anzusehen ist, sondern als Landstrich, dessen Bewohner sich die Naziverbrechen zu eigen gemacht haben“. Hätte Hackl recht, müssten sich die Nazi-Gegner in Österreich wenigstens heute größerer Beliebtheit erfreuen als Waggerl und Weinheber. Das ist offenkundig nicht der Fall. Hackl macht den Boten für die Botschaft verantwortlich. Rizy hat seiner Korrektur immerhin das Negativbild vorangestellt, statt es zu leugnen und jene, die es bescheinigen, zu denunzieren. Die Autorinnen und Autoren, die dem Standpunkt von Hackl oder Gauß Plausibilität zu verleihen scheinen und deren Schriften Helmut Rizy gesichtet hat und ausführlich zitiert, sind mittlerweile zum Teil, wie etwa Friedrich Torberg, Robert Neumann, Theodor Kramer, Ilse Aichinger, Albert Drach, Johannes Mario Simmel, Ingeborg Bachmann, Erich Fried, allgemein renommiert, zum Teil, wie etwa Marie Frischauf, Eva Priester, Arthur West, Franz Kain, nur wenigen Spezialisten bekannt.

Einige vergessene Autoren des Exils, des (geringen) inneren Widerstands und der Nachkriegsjahre, auch solche, die den neuen Diskriminierungen des Kalten Krieges zum Opfer fielen, wurden mit großer Verzögerung wiederentdeckt, neu aufgelegt und in einzelnen Fällen, wie etwa Hans Leberts „Wolfshaut“, von Autorinnen und Autoren der jüngeren Generation propagiert. Für einige kommt Rizys Versuch einer Ehrenrettung zu spät, um eine Lektüre ihrer Werke zu stimulieren. Denn jenseits der politischen Problematik eröffnet sich eine ästhetische. Die Zitate in Rizys Schrift wirken teilweise entmutigend verstaubt. In ihrem Pathos und ihrer blumigen Metaphorik ähneln sie formal bisweilen den Arbeiten ihrer politischen Kontrahenten. Der Moderne, auch jener Jahre, in denen die Gedichte und Romane entstanden, gehört kaum eines an. Gelegentlich findet man Spuren eines auch damals bereits überholten Expressionismus. In einem Nachtrag verweist Rizy auf eine bemerkenswerte Ausnahme: eine Anthologie, die H.C. Artmann 1950 herausgeben sollte. Artmann verweigerte die Druckgenehmigung, weil der Verlag das Buch in Fraktur gesetzt hatte. 1994 ist es dann im Klagenfurter Wieser Verlag doch erschienen. Neu gesetzt.

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erstellt am 28.1.2017

Helmut Rizy
Exil | Front | Widerstand
Das Ende des zweiten Weltkriegs in der österreichischen Literatur
Essay
Softcover, 113 Seiten
ISBN 978-3-902864-57-4
Edition Art Science, St. Wolfgang 2016

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