Eine Sammlung von Erich Kästners Berliner Beobachtungen ist unter dem Titel „Sonderbares vom Kurfürstendamm“ erschienen. In Kästners Texten und Gedichten machen sich oft die Kleinbürger über Kleinbürger lustig. Dahinter steckt häufig das Ressentiment, meint Martin Lüdke.

Erich Kästners Berliner Beobachtungen

Seinesgleichen mag er nicht

Der Witz war harmlos. Er kursierte damals unter uns Jugendlichen, die bestenfalls Fahrrad fuhren. Ein Typ schlendert über die Frankfurter Hauptwache und reißt, wie wir es nannten, Mädchen auf, problemlos, wie es schien. Sein Freund, neidisch geworden, fragt ihn, wie er das mache. Ganz einfach, ich schlenkere mit einem vermeintlichen Mercedes-Schlüssel hin und her. Der Freund leiht sich den Schlüssel und versucht das Gleiche. Schon nach kurzer Zeit kommt er zurück. Sein Erfolg: zwei Ohrfeigen und ein Rat: wenn er es nochmal versuchen sollte, müsse er zuerst die Fahrradklammern von seinen Hosen lösen. Der Witz ist harmlos, denn er kommt ohne Häme aus.

Anders die Gedichte und Texte von Erich Kästner, wo sich, allzu oft, die Kleinbürger über Kleinbürger lustig machen. Etwa in dem

Besuch vom Lande

Sie stehen verstört am Potsdamer Platz.
Und finden Berlin zu laut. (…)

Sie machen vor Angst die Beine krumm.
Und machen alles verkehrt.
Sie lächeln bestürzt. Und sie warten dumm.
Und stehen auf dem Potsdamer Platz herum,
bis man sie überfährt.

Oder, in einem anderen Gedicht lässt uns Kästner an dem „Gemurmel eines Kellners“ teilhaben, der sich über einen Gast mokiert, der vermutlich mit seinem geringen Ressourcen sparsam umgehen muss, um 10 Uhr einen Tee bestellt und um eins nach „Roastbeef“ fragt, dann aber doch nur „fünf Zigaretten“ nimmt, worauf der Kellner sich wünscht:

Man möchte manchmal solchen Herrn
Was auf die Hose gießen.
O diese Sorte hab ich gern!
Man sollte sie erschießen!

Klar, möchte man. Der Kellner hat hier seinesgleichen vor sich. Doch nicht Solidarität zeigt sich, sondern das Ressentiment, das bei Kästner so häufig durchschlägt. Am deutlichsten vielleicht in dem „Anjebot ohne Nachfrache“. Eine Prostituierte hat einen vermeintlichen Freier ausgemacht und präsentiert ihm ihr komplettes Angebot und zum Schluss bietet sie ihm an:

Macht dirs Spaß, könn wir och baden.
Zwanzig Emm zu dreien.
Wa? Du hast keen Jeld im Laden?
Mensch, wat fällt dir ein!
Erst da kommste, wenn ick winke,
und dann haste keene Pinke?
Scher dir fort, du Schwein!

Man sieht den begossenen Pudel vor sich stehen. Und lacht, schmunzelt wenigstens, und zwar, wohl kalkuliert, auf die Kosten des „Schweins“, das heißt: des armen Schweins. Das erste Mal war mir das hier durchschlagende Ressentiment in Kästners in der Beschreibung eines kümmerlichen Studienrats durch seinen großbürgerlichen Schüler aufgefallen. Dann las ich, zum Glück, den feinsinnig scharfen, kleinen Essay von Walter Benjamin über die „Linke Melancholie“. Benjamin zeigt, dass Kästners „Hass“ auf das Kleinbürgertum selbst einen „kleinbürgerlichen“ und zwar „allzu intimen Einschlag“ hat. Der Dichter sei unzufrieden, ja sogar schwermütig. Doch: „Seine Schwermut kommt aus der Routine.“ Und: „Routiniert sind die Anmerkungen, mit denen Kästner seine Gedichte einbeult, um diesen lackierten Kinderbällchen das Ansehen von Rugbybällen zu geben. Und nichts ist routinierter als die Ironie, die den gerührten Teig der Privatmeinung aufgehen läßt wie ein Backmittel.“

Ich erinnere mich, dass ich vor langen Jahren schon einmal meine Vorbehalte gegen Erich Kästner deutlich artikuliert hatte und daraufhin einen ‚kräftigen Anschiss’ meines Freundes und Nachbarn Robert Gernhardt einstecken musste. Gernhardt, auch eine Art Kästner-Erbe, war auf diesem Ohr (über)empfindlich. Ich bin es, dank meiner kleinbürgerlichen Herkunft, in anderer Weise auch. Deshalb lache ich gerne mal über die Korinthenkacker und Erbsenzähler mit ihren Ärmelschonern, um mich dann gelegentlich zu fragen, was ich von meiner Schadenfreude zu halten habe. Genau das sollten die Leser des immer noch populären Erich Kästner auch mal tun.

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erstellt am 28.1.2017

Erich Kästner
Sonderbares vom Kurfürstendamm
Berliner Beobachtungen
Gebunden, 207 Seiten
ISBN-13: 9783855354139
Atrium Verlag, Zürich 2015

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