Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Thomas Rothschild berichtet über den neuen Provinzialismus des Stuttgarter Theaters, der dazu führt, dass das Publikum nur sich selbst begegnet, anstatt in die Welt zu schauen.

Kontrapunkt

Es ist provinziell

Wenn jemand – nennen wir ihn Engländer – der Ansicht ist, dass ihn England mehr angehe als Europa und dass er Entscheidungen, die in London fallen, besser beurteilen könne als solche, die in Brüssel getroffen werden, bricht in den übrigen Ländern Europas der nationale Notstand aus. Ganz anders auf dem Gebiet des Theaters. An zwei aufeinanderfolgenden Abenden hat sich das Schauspiel Stuttgart in der näheren Umgebung umgesehen. Jan Neumann, der sich in seinen vorausgegangenen „Stückentwicklungen“ als thematisch wie literarisch anspruchsvoller Autor, Regisseur und Teamplayer bewährt hat, reiht unter dem Titel „E. Bauers Sammelsurium der unsterblichen Sterblichen“ mehr oder weniger skurrile Biographien von „Töchtern und Söhnen der Stadt“ aneinander, während gegenüber, im Haupthaus, „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“ von Eduard Mörike zu einer Bühnenexistenz avaciert.

Als Armin Petras nach Stuttgart kam, sah er sich offenbar genötigt, unter Beweis zu stellen, dass nicht etwa Berlin an seinen Schuhsohlen klebe und dass er am Neckar eine neue Heimat gefunden habe. Politiker und Journalisten haben ihn in dieser Überzeugung bestärkt und ihm erklärt, er müsse sich in der Region umsehen und sie auf dem kürzesten Weg auf die Bühne bringen. Sie setzten ihn unter Rechtfertigungsdruck.

Nun mag das ja durchaus seine guten Gründe haben. Nur: will man wirklich, dass die Stuttgarter im Theater nur sich selbst begegnen, dass sie jauchzen, wenn das Wort „Degerloch“ fällt oder wenn Schwäbisch gesprochen wird? Das heißt nicht, seine eig‘ne Sach‘ betreiben, sondern Provinzialismus. Es ist provinziell, wie Gesinnungstheater für Gleichgesinnte, wie Ausländertheater für Ausländer, wie Frauentheater für Frauen. Dem gegenüber könnte das Theater leisten, was die Provinz verhindert: den Blick zu öffnen auf die Welt, auf das Unbekannte, das ganz Andere. Die Beschränkung auf die Region, auf das Wiedererkennen des Vertrauten bedeutet einen Rückfall hinter die Konzeption, die Goethe mit dem Begriff „Weltliteratur“ angedeutet hat.

Die Abkehr von der Vorstellung, dass die Menschen, die Ereignisse, die Konflikte in Moskau und in Tokio, in Rom und in Oslo, aus dem 17. und aus dem 21. Jahrhundert die Schwaben weniger angingen als das Stuttgarter Hutzelmännlein oder ein Cannstatter Schuster ist umso absurder, als sich die Theaterbesucher, wenn sie daheim vor dem Fernseher sitzen, an amerikanischen Serien erfreuen, die von Degerloch und Möhringen wo weit entfernt sind wie George Clooney von einem Stuttgarter Schauspielschüler. Die Wahrheit ist doch, dass in unserem Zeitalter der sekundären Wirklichkeiten den meisten Stuttgartern Manhattan vertrauter ist als Regensburg oder gar Bratislava. Der Stallgeruch, der gelegentlich von der Theaterbühne herabweht, ist dem globalen TV mit all seinen Stärken und Schwächen längst abhanden gekommen. Es soll keineswegs für eine Ersetzung des Provinziellen durch das US-Amerikanische plädiert werden. Dessen aggressiver Kulturkolonialismus ist ein Übel für sich. Aber es gibt zwischen dem Fernsehturm und Times Square noch allerlei, wofür die Bühne offen sein sollte: die Welt eben.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 24.1.2017