Das Leben des deutsch-jüdischen Malers Felix Nussbaum (1904-1944) ist vor allem eine Geschichte von Flucht, Verfolgung und Krieg. Der belgische Journalist und Autor Mark Schaevers erzählt sie in dem nun auf Deutsch vorliegenden Band „Orgelmann“. Eugen El hat das Buch gelesen und erinnert an das Leben und das künstlerische Werk Nussbaums.

Der Maler Felix Nussbaum

Ein Ausdruck der Zeit

„Ein gehetzter Flüchtling“ sei er, schreibt Felix Nussbaum im Jahr 1938. Seit 1935 lebt der gebürtige Osnabrücker in Belgien – zuerst eine kurze Zeit in Ostende, dann, bis 1944, in Brüssel. Ein Blick zurück. Anfang der dreißiger Jahre ist Nussbaum ein, wie man heute sagen würde, upcoming artist. In Berlin feiert der deutsch-jüdische Maler erste Erfolge. Zeitgleich mit dem späteren Nazi-Staatskünstler Arno Breker lebt und arbeitet Nussbaum einige Monate in der Villa Massimo in Rom. Dort erfährt er von der Machtergreifung der Nationalsozialisten. An eine Rückkehr nach Deutschland ist nicht mehr zu denken. Nach Belgien kommt Nussbaum mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Felka Platek, und „einem großen Fragezeichen im Koffer“.

Felix Nussbaums Leben ist vor allem eine Geschichte von Flucht, Verfolgung und Krieg. Der belgische Journalist und Autor Mark Schaevers erzählt sie in dem nun auf Deutsch vorliegenden Band „Orgelmann“. Jahrelang recherchierte er in internationalen Archiven und befragte Zeitzeugen. Das reich bebilderte Buch ist eine persönliche Annäherung an den Menschen und Künstler Felix Nussbaum. Schaevers ist kein Kunsthistoriker. Viele seiner Bildbeschreibungen wirken eher unbeholfen. Gleichwohl sind alle wesentlichen Werke Nussbaums, die heute zumeist im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück zu sehen sind, im Band abgebildet.

Felix Nussbaums Malerei der frühen dreißiger Jahre könnte man als fantastischen Realismus bezeichnen. Seine Figuren wirken bisweilen naiv und kindlich. Vincent van Gogh und James Ensor gelten als Nussbaums künstlerische Vorbilder. Geschult wurde er aber auch an den verzerrten Architekturlandschaften der Pittura metafisica eines Giorgio de Chirico. Noch Mitte der dreißiger Jahre, Nussbaum lebt schon in Belgien, schwingt in seiner Malerei eine gewisse Heiterkeit mit. Es entstehen zahlreiche Selbstbildnisse, Figurenbilder, Stillleben sowie Stadt- und Landschaftsstudien. Die Lebensumstände werden derweil immer widriger. Der belgische Staat setzt die Flüchtlinge zahlreichen bürokratischen Schikanen aus. Im November 1938 werden in Deutschland Synagogen in Brand gesteckt und Juden willkürlich verhaftet. Nussbaums Bildmotive spiegeln die wachsende Sorge wider. Über sein Bild „Die Perlen (Trauernde)“ schreibt er: „Was ich aber weiß ist: dass es der Ausdruck, oder besser: ein Ausdruck der Zeit ist.“ Das Bild zeigt unter anderem eine weinende Frau, deren Tränen zu Perlen gerinnen.

„Sturm über Europa“ – diese Schlagzeile einer belgischen Zeitung zum deutschen Überfall auf Polen im Herbst 1939 findet sich mehrmals auf Nussbaums Gemälden. Belgien verschärft die Regeln für Flüchtlinge zunehmend, Nussbaum scheint seinen Mut dennoch nicht zu verlieren. Im Mai 1940 kommt der Weltkrieg auch in Brüssel an. Schon am ersten Kriegstag wird Nussbaum verhaftet und in ein Internierungslager im südfranzösischen Ort Saint-Cyprien deportiert. Im August 1940 kann er von dort fliehen. „Saint-Cyprien hat Nussbaums Weltbild definitiv verändert“, schreibt Mark Schaevers. Das Leben im Lager verarbeitet Nussbaum in mehreren Gemälden, deren Farbpalette sich ins Bräunliche verändert. Ausgemergelte, angegriffene Figuren sind darauf zu sehen. Ein verbindendes Motiv dieser Bilder ist der Stacheldraht.

Belgien gerät unter deutsche Besatzung. Brüssel sei seit dem Herbst 1941 „zur Stadt des Wartens auf die Katastrophe“ geworden, zitiert Mark Schaevers den Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden Jean Améry. Immer wieder streut Schaevers Zeitzeugenberichte ein, um den historischen Kontext zu verdeutlichen. Ab dem 27. Mai 1942 müssen alle Juden in Belgien einen gelben Davidstern auf ihrer Kleidung tragen. Es beginnen massenhafte Razzien und Deportationen. Felix Nussbaum und Felka Platek tauchen unter. Unverdrossen malt Nussbaum weiter. Das sogenannte „Selbstbildnis mit Judenstern“ entsteht um 1943 und gilt als eines seiner bekanntesten Werke. Darauf zeigt sich ein zwischen hohen Mauern gefangener Felix Nussbaum, gelber Stern auf der Kleidung und in der Hand sein Ausweis mit einem großen, roten Stempel: „Juif – Jood“ („Jude“). Mark Schaevers sieht in Nussbaums Gesichtszügen „Stolz und Entschlossenheit“.

Felix Nussbaum: Triumph des Todes (Die Gerippe spielen zum Tanz), 1944, Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück

Im Frühjahr 1943 kehren Nussbaum und Platek in ihre Brüsseler Wohnung zurück. Im August 1943 beendet Felix Nussbaum ein letztes Selbstbildnis. Er präsentiert sich als Maler bei der Arbeit. Er und Felka Platek leben in ständiger Angst, entdeckt und in ein Konzentrationslager deportiert zu werden. Im Winter 1943/44 entstehen Bilder, auf denen Tod, Zerstörung und Verzweiflung regieren. Das großformatige Gemälde „Triumph des Todes“ ist auf den 18. April 1944 datiert – eine apokalyptische Totentanz-Szenerie. Inmitten des Grauens leistet sich Nussbaum noch einen Hauch Komik. Links unten im Bild findet sich eine Partitur. Es ist „The Lambert Walk“, ein beliebter britischer Musical-Song von 1937. „Triumph des Todes“ ist Felix Nussbaums letztes Werk. In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1944 werden Felix Nussbaum und Felka Platek in ihrer Wohnung verhaftet. Am 31. Juli 1944 werden sie mit dem letzten Zug, der das Sammellager Mecheln in Richtung Auschwitz verlässt, deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Nur einen Monat später wird Brüssel von den Alliierten befreit.

„Es regnet am 11. Mai 1970, dem Tag, an dem Felix Nussbaum nach Osnabrück zurückkehrt, in Gestalt von 117 Gemälden.“ Im letzten Abschnitt des Bandes erzählt Mark Schaevers von Nussbaums Nachleben. Viele seiner Bilder haben den Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Verstecken in Belgien überstanden. Das Kulturgeschichtliche Museum Osnabrück kauft die Werke nach und nach an. Zahlreiche, auch internationale Ausstellungen und eine schrittweise Neuentdeckung Nussbaums folgen. 1998 wird in Osnabrück das vom Architekten Daniel Libeskind entworfene Felix-Nussbaum-Haus eröffnet. Mark Schaevers' eindrückliche Annäherung an Felix Nussbaum endet in diesem Museum, dessen Besuch spätestens nach der Lektüre ein Muss ist.

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erstellt am 22.1.2017

Felix Nussbaum: Selbstbildnis mit dem Judenpass, um 1943
Felix Nussbaum: Selbstbildnis mit dem Judenpass, um 1943, Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück

Mark Schaevers
Orgelmann. Felix Nussbaum – ein Malerleben
Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas
480 Seiten, zahlreiche Abbildungen
ISBN 978-3-86971-135-5
Galiani Berlin, 2016

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Felix Nussbaum: Die Perlen (Trauernde), 1938, Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück