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1948 publizierte die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger (1921-2016) den Roman „Die größere Hoffnung“. Aichinger erzählt darin von einem jüdischen Mädchen inmitten von Krieg und Totalitarismus. „Die größere Hoffnung“ ist ein Bekenntnis des Vertrauens in die Kraft der Sprache. Das Buch verdient unsere Aufmerksamkeit, meint Gudrun Braunsperger.

Ilse Aichinger

»Ergib dich in das Ungewisse, damit du gewiss wirst«

Die Hoffnung stirbt zuletzt. In ihrem Roman „Die größere Hoffnung“ hat Ilse Aichinger, so könnte man sagen, diesen Satz neu gedeutet: In einer poetischen Bilderwelt der Düsternis wird er nämlich wörtlich genommen, einerseits. Andererseits wird dem nüchternen Realitätsbefund – dass am Ende des Romans der Tod der kindlichen Protagonistin Ellen steht – auch eine „größere Hoffnung“ entgegengehalten: Indem es dem Mädchen gelingt, in die Nähe der „Brücken“ zu gelangen und dem feindlichen Posten einen wichtigen Brief zu übergeben.

„Es ist ein Anlauf, irgendwo wird es blau“, heißt es auf der letzten Seite, und: „Vergiss nicht zu springen!“

Ihr ganzer bisheriger Weg, mit allen Dramen, die sich inmitten der Kriegswirren um sie herum abgespielt und die das Mädchen als Opfer eines totalitären Regimes in Ohnmacht gehalten haben, erscheinen ihr plötzlich als Anlauf zu einem Sprung „ins Blaue“. Im Angesicht des Todes fällt Ellens Blick auf den Morgenstern. Dann wird sie von einer Granate in Stücke gerissen. Ihr Tod ist Untergang und Erlösung zugleich, Niederlage und Sieg, und in ihm sind die unzähligen Widersprüche und Gegensätze aufgehoben, von denen es in diesem Text nur so wimmelt.

Der Inhalt dieses Romans ist schnell erzählt, zugleich muss ihn sich der Leser hart erarbeiten, geradezu herausschälen aus dem poetologischen Kosmos, den die Autorin ausbreitet.

Ellen kann als Halbjüdin mit zwei „falschen“ Großeltern nicht emigrieren, weil sie kein Visum bekommt. Ihre jüdische Mutter ist bereits über dem Ozean in Sicherheit, ihr Vater steht im Dienst der nationalsozialistischen Machthaber und verleugnet sein Kind. Von ihren Spielkameraden, den verfolgten jüdischen Kindern, wird sie ausgegrenzt, für sie ist Ellen, die den Judenstern nicht tragen muss, nicht mehr eine von ihnen. Ellens Großmutter, bei der sie lebt, begeht Selbstmord aus Angst und Verzweiflung davor, deportiert zu werden. Ellen ist nicht in der Lage, sie davon abzuhalten. Anstatt im Luftschutzkeller Schutz zu suchen, treibt es das Mädchen, das in ihrem Leben keinen Schutz hat finden können, hinaus in die umkämpfte Stadt, wo sie den Tod findet.

Zwischen Traum und Albtraum

Der Strom der Sprache führt an der schlichten Bewusstheit des Kindes entlang und ist eigentlich ein Gedanken-Bilderstrom, wird aber immer wieder von lyrisch anmutenden Dialogsequenzen unterbrochen oder auch vom gelegentlichen Perspektivenwechsel zu anderen Figuren. Dazwischen wird die Handlung weitergesponnen. Es sind die poetisch gestalteten Leerstellen, Bilder und Visionen zwischen Traum und Albtraum, assoziativ aneinander gereihte Episoden, die kein Ganzes ergeben können, weil sich das, was die Heranwachsende da zu fassen versucht, dem menschlichen Begreifen entziehen muss. „Ergib dich in das Ungewisse, damit du gewiss wirst“.

Ortlos und zeitlos ist die Handlung, herausgelöst aus jedem historischen Kontext, auch wenn die ungenannte Stadt zweifellos Wien sein könnte und der Leser unschwer die Schrecken des Dritten Reichs und den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zu identifizieren vermag.

Eines der zahlreichen, in ihrer Doppeldeutigkeit hoch aufgeladenen Symbole in diesem Roman ist der Stern. In der Wahrnehmung des Kindes gibt es das Stigma des Judensterns nicht, für Ellen ist der Davidstern Auszeichnung, ein leuchtendes Zeichen der Verheißung. „Der Stern war seit langem die geheimnisvollste Idee der Polizei gewesen“, so denkt Ellen darüber. Erst als sie ihn entgegen dem Verbot der Großmutter trägt und Verachtung und Niedertracht im öffentlichen Raum am eigenen Leib erfahren muss, begreift sie: „Man hatte also zu wählen zwischen dem Stern und allen übrigen Dingen“. Jetzt wusste sie längst, heißt es über Ellen an einer anderen Stelle, dass man Unrecht behält, so lange man auf dieser Welt sein Recht sucht. Und doch büßt der Stern seinen Zauber nicht ein:

„Wovor sollte man da noch Angst haben? Was sollten alle Wahrsager, wenn es doch den Stern gab? Hatte nicht er allein die Macht, die Zeit aufzulösen in das andere und die Angst zu durchstoßen?“

Davidstern, Morgenstern, Leitstern der drei Weisen aus dem Morgenland: Allenthalben rätselhafte Mehrdeutigkeit, die bilderreich den düsteren Pfad der Handlung umflicht. Am Friedhof, dem letzten Rückzugsort, der Ellen mit ihren jüdischen Spielkameraden zum Spiel geblieben ist, träumen die Kinder von der Flucht ins Heilige Land, in den eigenen vier Wänden verborgen spielen sie die Herbergssuche von Maria und Josef, und werden von dem Fremden, den sie vertrauensvoll in ihr Spiel einbeziehen, verraten. Advent und Passion, Verrat und Verkündigung: auch hier fallen die Gegensätze zusammen. Die Grenzen zwischen christlicher und jüdischer Welt verschwimmen ebenso wie die Grenzen religiöser Gewissheit überhaupt, wenn etwa Ellen den Heiligen Franz Xaver mit all ihren Zweifeln aufsucht. Innenwelt und Außenwelt fließen ineinander und lösen sich im Zerrspiegel der Zerrissenheit von Ellens Welt auf, in der jede Gewissheit wegbricht: „Ergib dich in das Ungewisse, damit du gewiss wirst“.

Beladen mit Traumata

Eine geschlossene Handlung setzt einen Sinn voraus, eine Richtung, eine Aussage. Die junge Generation von Literaten und Intellektuellen, der die 1921 geborene Ilse Aichinger angehörte, war beladen mit den Traumata ihrer Zeit, die Gewissheit, im herkömmlichen Sinn etwas zu erzählen zu haben, war ihr abhanden gekommen. Wie auch Ingeborg Bachmann hat Ilse Aichinger in der Dekonstruktion den einzigen Weg gesehen, Wirklichkeit fassbar zu machen.

Im Vorwort zu ihrem 1952 erschienenen Erzählband „Unter dem Galgen“ umreißt Aichinger die Voraussetzung des modernen Erzählens:

„So liegt auch heute die Gefahr für den Erzählenden nicht mehr darin, weitschweifig zu werden. Sie liegt eher darin, dass er angesichts der Bedrohung und unter dem Eindruck des Endes den Mund nicht mehr aufbringt.“

In „Die größere Hoffnung“ verwehrt sich Ilse Aichinger dagegen, eine Geschichte zu erzählen, und liefert in der Sterbeszene der Großmutter die Begründung gleich mit: Mit deren Selbstmord sterben die Geschichten, versiegt der Strom der Phantasie, der Welt zu entwerfen vermag. Ellen macht den Versuch, zu verhandeln: eine Geschichte gegen das Fläschchen Gift, das sie ihr entwendet hat. Sie hofft, die Großmutter durch das Erzählen einer Geschichte von ihrem Vorhaben abzubringen. Aber der Großmutter hat es die Sprache verschlagen, sie kommt über ein Stammeln nicht hinaus. Wenn Großmütter nicht mehr zu erzählen vermögen, dann können die Nachkommen die Leerstellen nicht mehr füllen.

Was bleibt, ist die Magie der Sprache.

„Die Wolken reiten Manöver, mitten im Krieg reiten sie Manöver, reiten toll und tänzelnd und tief über den Dächern der Welt, tief über diesem Niemandsland zwischen Verrat und Verkündigung, tief über der Tiefe. Die Wolken reiten schneller als die blauen Dragoner in dem Lied, sie tragen keine Uniform, verharren im Wechsel und erkennen sich doch. Die Wolken reiten quer über Weizen- und Schlachtfelder und über die verschütteten Steinbaukästen, die Städte genannt werden. Die Wolken reiten Manöver, mitten im Krieg reiten sie Manöver, und ihre heimliche Lässigkeit macht sie verdächtig.“

„Die größere Hoffnung“ ist ein Buch, das die Zuwendung späterer Generationen verdient. Es erzählt sehr vieles über eine Zeit, die unsere Gegenwart bis heute nachhaltig beeinflusst hat, und von der uns inzwischen doch so vieles trennt. Es ist ein Text, der einen empfindlichen Bruch in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur vor Augen führt und begreiflich macht, ein Text, der Raum und Zeit und Aufmerksamkeit erfordert, und der inmitten der düsteren Zweifel ein Bekenntnis des Vertrauens in die Kraft der Sprache darstellt. Auch das ein weiterer in der Reihe der Widersprüche.

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erstellt am 22.1.2017

Ilse Aichinger
Ilse Aichinger, Bild: div

Ilse Aichinger
Die größere Hoffnung
Broschiert, 288 Seiten
ISBN: 9783596110414
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1991

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»Eine Liebe – Ilse Aichinger und Günter Eich« – SWR2-Radiofeature von Matthias Kußmann