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21. Januar 2017

Textland

Popanz im Pyjama

Eine Randbemerkung in der Umgebung von Martin Walsers „Letztem Rank”

Zwei Tage nach seinem siebzigsten Geburtstag räumte der alte Kiefer sein Haus am Fuß eines Weinbergs und zog hoch in die Wingerthütte. Das war ein fensterloser Raum mit dem Charme einer Stallbox. Es roch modrig, mineralisch und nach Gärung. An einer Wand hing als einziger Schmuck ein Säbel, der angeblich 1870/71 zum Einsatz gekommen war. Dem Kind, das ich war, erschien die Unterkunft grausam, doch heute glaube ich, dass Opa Kiefer (wie ich den (wäre alles mit rechten Dingen zugegangen) Urgroßonkel der Einfachheit halber zu nennen hatte), in seinem Weinberg fast dreißig Jahre lang ein glücklicher Greis war. Er hatte das Haus seinem Sohn Hermann (der mit dem ersten Herzschrittmacher im Vaihingen-Enzkreis) und dessen Geliebte Mia überlassen. Die meisten Großtanten schienen froh zu sein, ihre Männer auf dem Friedhof zu wissen, aber Mia (eine solide verwitwete und deshalb an keiner weiteren Ehe interessierte Schwester meines Großvaters Hans Conrady) brauchte noch einen Mann, wie man abfällig feststellte. Damals hatte alles seine Zeit und schließlich waren die meisten mit ihren verkümmernden Leibern und den Altersgerüchen sich selbst genug. Tante Mia war anders. Sie geht mir eben quer durch den Sinn direkt ins Café Heidinger, das war old school clubbing in den schwäbischen Sechzigern, während Martin Walsers letzte Aufzeichnungen an mir ihr Werk verrichten. „Der letzte Rank” verspricht erst einmal den Rückzug in die Sprache und den Umzug ins Heft. Man malt Buchstaben und gibt jedem Sinn nach, den Silbenadditionen haben können. Endlich ist man frei, zumindest frei nach der Devise „Ich huste, also bin ich”.

Ist man nicht, wenn man Walser heißt und von den Weltekelgenüssen nicht genug kriegen kann. Anstatt wie Opa Kiefer nur noch zu seinem Kaiser, dem Wetter und den Trauben befragbar zu sein, walzt Walser über die Resterampe, als könne er auf Erden auch nur einen Blumentopf zum Schnäppchenpreis noch einsacken. Sollte der „Rank” eine Spekulation auf die Nachwelt sein? Voller Zweifel greife ich dem Urteil der Nachkommenden nicht vor.

Jahrzehnte war ich Walsers Leser, seine Prosa lieferte Stimmungen und Lichteinfällen der guten Republik Nester. Er hatte das richtige Gesicht, die richtigen Freunde und den Nerv zu andauernder Gegenwärtigkeit. Er war sein eigenes Orakel, ein Bergwerk, in dem Erkenntnisse für mehr als einen Groschen losgeschlagen wurden. Er war der Schriftsteller für die linken Studienräte mit den Terracottafliesen im Wintergarten, den Korbmöbeln und den nicht immer astreinen Affären (mit Schülerinnen und Frauen von Kollegen). Ihre Ehen hielten nicht, in den Neunzigern waren sie von gestern. Sie büßten auf Spaziergängen mit dem Hund, beim Griechen, der inzwischen den besten Italiener um Längen schlug, und in ihren Volvos, erfüllt von Leere. Niemals leisteten sie offen Widerstand. Sie hatten ein gutes Leben, das beste, das Deutsche seit Menschengedenken führen konnten.

Walser zisilierte Arabesken am Kriechgang Wirtschaftswunderadipöser und an der größenwahnsinnigen Selbstverkleinerung. Er zeigte den Popanz im Pyjama. Sein Andersich war Siegfried Unseld. Sah man die beiden beieinander, sah man, wer wem was antat. Diese Liebe hatte eine Tendenz zur Einseitigkeit. Unseld kränkte Walser, Walser brauchte seine furiosen Brauen, um sich vor der Weinerlichkeit zu schützen.
„Es gab immer einen Menschen, durch den ich erlebte, dass ich nicht genügte.”

Unseld gehörte zur Entourage jedes Bundespräsidenten auf Reisen. Mit der Aussicht auf ein Staatsbegräbnis wurde er als einer der bundesrepublikanischen Gründerväter gehandelt. Heute müsste man Unselds Bedeutung aufschütten. Wozu? Für wen? Vielleicht sitzt auch Unseld in dem von Walser im „Rank” halluzinierten Großraumwagen voller toter Feinde. Jedenfalls sitzt auf dem für das – sich plausibel zu Du und Er auffächernde – Ich reservierten Platz einer, der sich vor Jahren gegen Walser ins Zeug gelegt hat. Er starb zügig, Walser spielt mit den Prisen des Einfalls oder des Arrangements, als läge noch irgendein Gewinn darin, egal wen (vor sich) tot zu wissen. Die Feinde stiften letzte Freuden, für Freunde ist überhaupt kein Platz mehr. Wer mich seinen Freund nennt, den nenne ich meinen Parasiten, erkennt die Vernunft auf ihren Umwegen.

„Ich sterbe zu langsam”, sagt Heiner Müller, dessen künstlerische Ökonomie bis zum Schluss beeindruckend bleibt. So ein alter Schuster bei letzten Verrichtungen: das ist Walser nicht. Obwohl er weiß: „Zu träumen genügt”, da ich längst „mehr (hoffe), als ich will”.
Die Sache im Ganzen Roman zu nennen, erweitert den Begriff bis zum Einkaufszettel. Walser schildert sich als Ausgesetzten, fremdem Begehren bloß Unterworfenen. Er wollte immer nur nicht missfallen, ob „einer Magdalena aus Warschau (oder) einer Alexandra aus Freiburg”.

Dass ihn das noch interessiert, ist die Information. Ich habe Walser einmal, gemeinsam mit Verlagsleuten gegen einen Mob verteidigt, und jetzt erst fällt mir ein, dass er nicht nach vorn kam, dass er seine imperiale Erscheinung zurückhielt; die ganze Ausstrahlung dem Auditorium vorbehielt, mit all den Artigkeiten, den ausgeschnittenen Kleidern, den bald mühsam gerafften Gattenlidern, dem Wein und den Überstunden erschöpfter Mitarbeiterinnen, die schließlich noch aufräumen mussten, wenn man selbst schon wieder sonst wo weiter schwefelte. Ich kannte Walsers Schmerz an diesem Abend. Er saß da vor irgendeiner zweiten Riege und wusste, dass sein Verleger gerade den amerikanischen Schriftsteller Louis Begley im Frankfurter Hof bewirtete.

Martin Walser, „Statt etwas oder Der letzte Rank”, Roman, Rowohlt, 171 Seiten
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erstellt am 21.1.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.