Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Seitdem die neue Musik ihre Gefallsucht dem eigenen Anspruch geopfert hat, lebt sie, wenn es gut läuft, zumeist ein kurzes Leben in einer Premiere und muss sich dann gegen das schnell Vergessen behaupten. Die einzige Möglichkeit einer begrenzten Lebensverlängerung besteht auf einem Tonträger, etwa einer CD. Hans-Klaus Jungheinrich war Einkaufen und erwarb Bemerkenswertes von Rolf Riehm, Aribert Reimann, Toshio Hosokawa, Rebecca Saunders, Brian Ferneyhough, Klaus Lang, Carola Bauckholt, Jorge E. López und Harry Partch.

Kleine Werkschau beim Mainzer Wergo-Label

Eine Adresse für Neues

Marktmäßig sind sie Peanuts. Die auf Tonträger festgehaltenen und publizierten E-Musik-Werke der letzten 70 Jahre sind innerhalb einer minoritären Produktion (der Anteil der „klassischen“ CDs am Gesamtvolumen beträgt kaum mehr als 5 Prozent) ihrerseits eine mindere Größe. Indes blieben die an CDs interessierten „Klassik“-Hörer den gewissermaßen angestammten „käuflichen“ Medien treuer als die Popfans, und insbesondere die der neuen Musik Verbundenen bewahren, wie’s scheint, ihre Gewohnheiten. Also nicht allzu erstaunlich, dass die darauf fokussierten Labels (die ehemals machtvollen Großkonzerne hatten dieses Segment immer schon achtlos links liegen gelassen) mit einer gewissen Stetigkeit fortexistieren. Dass sie dabei keine Reichtümer aufhäufen, versteht sich. Die mit dem Traditionsverlag Schott in Mainz liierte Wergo-Musikproduktion gehört zu den nach wie vor wichtigen Adressen für Freunde und Sammler zeitgenössischer Tonsetzungen. Sie bietet ein reiches und vielfältiges, auch ein wenig buntscheckiges Bild. Mit Wergo-CDs etwa kann, wer Lust hat, halbwegs erschöpfende Kenntnis über das Œu­v­re von Enjott Schneider erlangen, der mit seinen professionell und unterhaltsam erstellten Partituren (darunter unzählige Film- und Werbefilmmusiken) zweifellos zu den ökonomisch erfolgreichsten Vertretern seiner Zunft in Deutschland gehört (das dürfte auch Wolfgang Rihm neidlos zugeben). Natürlich bedeutet diese Musikart nicht unbedingt das Zentrum der Wergo-Programmatik, die sehr wohl Hauptsächliches von älteren Großmeistern wie Henze, Reimann, Cage und Rolf Riehm enthält, aber auch angesagte jüngere Komponistinnen und Komponisten von Charlotte Seither und Rebecca Saunders bis Toshio Hosokawa und, besonders erfreulich, völlig Außenseiterisches wie den amerikanischen Anarchen Harry Partch. Der Schreiber dieser Zeilen kaufte sich vor einigen Wochen am Wergo-Stand der Donaueschinger Musiktage, gleichsam nach Augenschein und Zufallsgusto, eine kleine Kollektion von älteren und neuesten Wergo-Veröffentlichungen, die der Breite des Label-Repertoires einigermaßen gerecht werden dürfte.

Verblüffend schlüssiges Formexperiment

Schwergewichtiges präsentiert eine brandneue Rolf-Riehm-CD: das fast halbstündige Violinkonzert „Shifting“ und die aus 18 Orchesterfragmenten bestehende doppelt so lange Komposition „Archipel Remix“. Im ersten Stück zeigt sich die Konfrontation von Solo und Tutti (Guy Braunstein und die WDR-Symphoniker mit Dennis Russell Davies) erheblich anders als üblich. Riehm folgt hier kaum einem „dialogischen“ Duktus, versteht das Kollektiv eher als einen „Resonanzkörper“ für das Einzelinstrument, das seine unbeirrbare melodische Energie durch vielerlei Widerstände und Widerborstigkeiten behauptet und hindurchleitet. „Archipel Remix“ erscheint als verblüffend schlüssiges Formexperiment – das Aneinanderreihen extrem heterogener Bestandteile (der hervorragende Bookletschreiber Jim Igor Kallenberg spricht, angeregt von Slavoj Žižek, von einer „schreienden Präsenz von Gegebenheiten“) irritiert stets aufs neue die beharrliche Erwartung von Kontinuität, die in dem „großsymphonisch“ angelegten Eingangsteil geweckt zu werden scheint. Mit der ebenso kruden wie raffiniert eingesetzten „Remix“-Technik verbindet sich auch die für Riehm anscheinend obsessive Fixierung auf Mythologisches (hier die Odyssee, auch in der Lesart Kafkas) und die Neigung, ältere Werk-Elemente in neuere Zusammenhänge (oder Disparatheiten) einzumontieren. Rolf Riehm, der Dekonstruktivist.

Im Vergleich zu Riehm wirkt Aribert Reimann als Exponent einer sorgfältig ausgebildeten und in sich geschlossenen, flüssig-stimmigen Tonsprache. Mit dem Attribut „konservativ“ sollte man dennoch vorsichtig sein. Reimanns meisterliche Kunst zeigt wenig Tendenz zu Konzilianz; bei aller Rücksicht auf eine nachvollziehbare „Gefühlslogik“ sind ihr Rauheit, Sperrigkeit, Schwerzugänglichkeit eingeschrieben. Die Oper „Melusine“ erzählt (nach einem Schauspiel von Yvan Goll) eine klare Geschichte, bricht aber dennoch die narrative Struktur immer wieder auf, insbesondere mit der Rolle der Hauptfigur, deren Vokalcharakter vor allem zu Anfang extrem virtuos-äquilibristisch anmutet (man möchte an einen außer Rand und Band geratenen künstlichen Vogel denken), dann aber auch zu ruhigen, lyrischen Passagen findet. Mit der Koloratursopranistin Marlene Mild und den von Peter Hirsch geleiteten Nürnberger Philharmonikern entstand eine facettenreiche, klangtransparente Interpretation. Ein großes Hörvergnügen ist auch die Reimann-CD mit den Orchesterpiècen „Spiralat halom“ und „Neun Stücke“. Letztere sind eine größerformatige Weiterkomposition der neun Celan-Lieder „Eingedunkelt“, die, ursprünglich für Brigitte Fassbaender geschrieben, hier von dem Countertenor Tim Severloh kreiert werden. Die a-cappella-Vertonungen hinterlassen auf diese Weise einen kühleren, leicht artifiziellen, aber keineswegs unangenehmen Eindruck – dennoch etwas konträr zu den vom NDR-Sinfonieorchester und dem Dirigenten Christoph Eschenbach warm timbrierten, auf sublime Weise expressiv wirkenden Orchesterwerken.

Alles andere als ein Exotikum

Toshio Hosokawa, knapp eine Generation jünger als Riehm und Reimann, ist mittlerweile einer der angesehensten lebenden Komponisten weltweit. Seine kammermusikalischen Werke haben eine mächtige „poetische“ Ausstrahlung. Sie vermitteln ebenso Inkommensurabilität wie soghafte Faszination. Die Wergo-Veröffentlichung mit Instrumentalisten des ensemble musikFabrik (Leitung: Peter Rundel) geht aufs überzeugendste den auratischen Qualitäten von „Voyage VIII“ für Tuba und Ensemble und „Lied“ für Flöte und Piano nach. Ein eindrucksvolles und beziehungsreiches Stück ist „Stunden-Blumen. Hommage à Olivier Messiaen“ in der gleichen Besetzung wie dessen „Quartett vom Ende der Zeiten“ (Klarinette, Violine, Violoncello, Piano). Schließlich „Voyage X – Mozarashi“ für die voluminöse japanische Flöte Shakuhachi und Ensemble. Werke wie diese fegen jeden Rest von Eurozentrismus hinweg – mag Fremdartigkeit auch ein Merkmal ihrer Suggestibilität sein (das bohrend Befremdende, immer ein Bestandteil des Neuen), so ist ihre Spiritualität, durchaus der fernöstlichen Tradition verpflichtet, alles andere als ein bloßes Exotikum.

Weit entfernt von solcher Klangmagie sind die unter dem Titel „Stirrings Still“ edierten Exkursionen von Rebecca Saunders, für die sich ebenfalls Künstler der musikFabrik stark machen. Hier wird in insistierender Weise die Sprachfähigkeit einzelner Instrumente, etwa der Trompete (“Blaauw“) oder des Kontrabasses („Blue and Grey“) entfaltet, im „Duo“ das Wechselspiel von Geige und präpariertem Klavier. Anregungen für diese strengen und konstruktivistischen Etüden gaben der Maler Mark Rothko und der Dichter Samuel Beckett. Uneinheitlicher als diese CD zeigt sich ein weiterer musikFabrik-Titel mit Stücken von Ferneyhough, Klaus Lang, Carola Bauckholt und Jorge E. López. Das Motto „Schlamm“ – es erinnert an die legendäre „Ursuppe“, also in etwa eine Substanz, die der mittelalterliche großpersische Poet Omar Chayyam mit dem wunderbaren Satz „Wir kommen aus dem Staub und werden zu Staub, aber dazwischen können wir manches gute Glas Wein genießen“ namhaft machte – passt am ehesten zu Brian Ferneyhoughs „komplexistischer“ Studie „Finis terrae“, die allerdings durch das gliedernde Nebeneinander von Vokal- und Instrumentalklängen einiges an „Breiigkeit“ verliert. Die Stücke von Lang, Bauckholt und López manifestieren sich eher durch klangliche Feinheit, gelegentlich auch Wunderlichkeit.

Meine Lieblings-CD aus dieser Serie? Da gibt es kein Zögern: Es ist die bereits 2002 herausgekommene Aufnahme „The Wayward“ von Harry Partch (1901-1974). Vom anonymen Bookletautor wird Partch vollmundig als „one of the greatest and most individualistic composers of all time“ annonciert. Nun denn. “The Wayward” ist jedenfalls eine bezaubernde und unwiderstehliche Road Music. Konsequenteste, lauterste arte povera. Das Text- und Klangmaterial fand Partch auf seinen „Wanderungen“ im Westen der USA zwischen 1935 und 1941. Die von Dean Drummond 1977 gegründete Gruppe „Newband“ erschloss mit den von Partch gesammelten und „erfundenen“ Musikinstrumenten (der Vokalanteil wird von den beiden Sängern und Sprechern Stephen Kalm und Robert Osborne kongenial wiederbelebt) das sonderbare Oeuvre dieses Pioniers einer gänzlich außerhalb des Musikbetriebs und aller akademischen Ambitionen angesiedelten Künstlers, der sich zeitlebens wohl als eine Art von „Straßenmusikant“ verstand, ein musikalischer Gesinnungsgenosse literarischer oder filmischer Tramps wie Jack London und Charlie Chaplin, nur mit dem Unterschied, dass er niemals ein Arrivierter wurde. Glaubwürdiger und monumentaler als ein Bob Dylan verkörpert er den Lonely Wolf, den gesellschaftlichen Outcast. Sein Idiom ist zwar alles andere als „mehrheitsfähig“, vermittelt aber den gnadenlosen Realismus einer „ambulanten“ Existenz, einer Kunst-und Lebensart, die niemals irgendwo ankommt. Man fühlt sich bei „The Wayward“ auch in einem Hörfilm, ein wenig ähnlich wie bei dem (ebenfalls) mit akustischen Fundstücken arbeitenden Hörabenteuer „Wildwechsel“ von Bernd Leukert (ediert auf dessen Doppel-CD „Der Uhu des Ihi“). Harry Partch hat demnach nicht folgenlos gelebt.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 19.1.2017

Rolf Riehm
„Shifting“, „Archipel remix“
Guy Braunstein, Violine; WDR Sinfonieorchester Köln, Leitung: Dennis Russell Davies und Peter Rundel
WERGO WER 7357 2

CD bestellen

Aribert Reimann
„Melusine“
Opern-Gesamtaufnahme; Marlene Mild u.a.; Nürnberger Philharmoniker, Dirigent: Peter Hirsch
WERGO WER 6719 2

CD bestellen

Aribert Reimann
„Spiralat halom“, „Eingedunkelt“, „Neun Stücke“
Tim Severloh, Countertenor; NDR Sinfonieorchester, Leitung: Christoph Eschenbach
WERGO WER 7337 2

CD bestellen

Toshio Hosokawa
Kammermusik
Melvyn Poore, Tadashi Tajima, ensemble musikFabrik, Leitung: Peter Rundel, Ilan Volkov
WERGO WER 6860 2

CD bestellen

Rebecca Saunders
„Stirrings Still“
musikFabrik
WERGO WER 6694 2

CD bestellen

„Schlamm“
(Werke von Ferneyhough, Lang, Bauckholt, López)
musikFabrik
WERGO WER 6864 2

CD bestellen

Harry Partch
„The Wayward“
Newband, Leitung: Dean Drummond
WERGO WER 6638 2

CD bestellen