Nina Hagen
Nina Hagen

11. Januar 2017

Textland

Gitarren statt Knarren

Nina Hagen predigte Frieden an einem Ort ihrer Prägung – dem Berliner Ensemble.

In Bertolt Brechts Berliner Ensemble wurden Sonette mitunter aus dem Ärmel geschüttelt. Dem Meister gefiel es, seinen besten Schülern die Kunst als Handwerk beizubiegen. Trotzdem war das Schreiben für die Ewigkeit. Jeder Vers musste so haltbar gemacht werden, dass er sein Verbot überlebte. Einer der begabtesten Brechtschüler war der auf sämtlichen Gegenschrägen festgenagelte Martin Pohl (1930 – 2007) – ein scheuer Mensch, sagen manche. Ihm zeigte der Meister sein lyrisches, unter Nihilismus-Verdacht gestelltes Frühwerk und freute sich über freundliche Worte des Schülers.
„Es sind schöne Formen dabei“, fand Pohl.
„Ja, nicht“, entgegnete Brecht, „und alles lässt sich zur Gitarre singen.“

Ein Abend mit Nina Hagen im Berliner Ensemble hieß nun passend zur Schote „Brecht-Lieder-zur-Klampfe“. Als „die Baracke noch fröhlich war“, Manfred Krug sprach so von der jungen DDR, lieh Nina Hagens Mutter dem preußischen Sozialismus das schönste Gesicht. Eva-Maria Hagen war da, wo die Musik spielte, im Epizentrum der Hoffnungen des neuen Deutschlands zwischen Chausseestraße (einer historisch nachklingenden W. Biermann-Adresse) und Schiffbauerdamm (der BE-Anschrift). Die Tochter erschien im Stil einer kosmischen Seeräuber Jenny, kam aber eher im amerikanischen Landfrauenstil zur Sache. Sie kesselte und keulte Lindenberg, Dylan, Woody Guthrie. Wusste sie nicht weiter, ging die Röhre los – ein Timbre wie Manspreading in den Auffanglagern der Dritten Zähne – die Kraft der Leere. Zuerst sang Hagen das „Kriegslied“ von Matthias Claudius; Brecht könnte das Gedicht als Kind gehört haben. Sie sang „Blowin’ in the Wind“ auf Deutsch und den „Alabama Song“, nach Jim Morrison, so dass einem die Exzellenz des 27 Club wieder einmal klar wurde. „Wen die Götter lieben, den rufen sie beizeiten.“

Via Einspielung sah man den Exilanten Brecht 1947 vor dem Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Betätigungen: „Are you a member of the Communist Party or have you been ever a member of the Communist Party?“

Brechts sagenhafte (poetisierte) Antwort: Was ich getan habe, tat ich gegen Hitler. Und ja, man kann das revolutionär nennen. Hagen verknüpfte den Kulturkampf mit ihrem Kampf gegen eingefrorene Embryonen, denen sie den Abend widmete, Lee Hays’ „If I Had a Hammer“, der Volksweise „Go Down Moses“, Lindenbergs „Du heißt jetzt Jeremias“, altmodischen Bemerkungen zu psychotropen Substanzen, Friedensappellen und der Werbung für eine spezielle Patientenverfügung namens „PatVerfü“ des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg.

Immer wieder berief sich Hagen auf Lindenberg und dessen Genuschel gegen die Waffenlobby. Gitarren statt Knarren – wie gesagt, Hagen kesselte Buntes, ihr Versuch an der Moritat von Mackie Messer führte zur Ermordung des Hais. Das BE lässt sich nicht wie eine Kneipe bespielen, die man in Grund und Boden singen kann, wenn sonst nichts mehr geht.

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erstellt am 11.1.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.