Anlässlich der Ausstellung „Otto Dix – der Isenheimer Altar“ veranstaltete das Musée Unterlinden Colmar in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris vom 28 bis 29. November 2016 einen Studientag zu Otto Dix (1891-1969). Sarah Leinweber war in Colmar und berichtet von den dort präsentierten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Studientag zu Otto Dix in Colmar

Ein Meister der Moderne

Unter den Rednern des Studientags waren Birgit Schwarz, eine bedeutende Dix-Forscherin, sowie James A. van Dyke, Associate Professor of Modern European Art History an der University of Missouri. Beide präsentierten neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Besonders aufschlussreich waren darüber hinaus die Beiträge der Restauratorin Carole Drake-Juillet und des Malers Daniel Schlier. Zudem reiste der Sohn von Otto Dix, Jan Dix, an, der als Zeitzeuge immer wieder befragt wurde. Der gelernte Goldschmied ließ sich keinen Vortrag entgehen. Die Redebeiträge wurden in deutscher und französischer Sprache gehalten und simultan übersetzt.

Otto Dix zählt zu den Künstlern der Klassischen Moderne und lebte von 1891 bis 1969 in Gera, Dresden, Düsseldorf, Berlin, im Schloss Randegg und in Hemmenhofen. Er war ein Maler, der sein Handwerk beherrschte und mutig auf seine Gegenwart schaute. Mit einer Maltechnik, die an die Alten Meister erinnerte, schockierte Dix Anfang der 1920er Jahre sein Publikum und seine Modelle. Die Popularität von Otto Dix in der Weimarer Republik geht nicht zuletzt auf den Kunsthändler Karl Nierendorf zurück, über den Dix Kontakte zu Journalisten geknüpft haben könnte. Der geschäftstüchtige Galerist verfolgte zudem die Verkaufsstrategie, Dix in angesehenen Sammlungen zu platzieren, wie Anja Walter-Ris in „Die Geschichte der Galerie Nierendorf“ beschreibt. Heute sind die Werke des Künstlers international in den führenden Museen zu finden.

Zwischen Anpassung und Widerstand

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, verlor Otto Dix seine Professur an der Dresdener Kunstakademie. In der Zeit von 1933 bis 1945 entstanden viele allegorische Darstellungen und Landschaftsgemälde. Die Forschung deutet die Malerei, die in diesen Jahren entstand, nicht selten als innere Emigration und als Motiv des stillen Aufbegehrens. Birgit Schwarz wies im Rahmen des Studientags immer wieder darauf hin, dass das Verhältnis von Dix zum Nationalsozialismus nicht ausschließlich im Zeichen einer Rebellion stand, sondern zwischen Anpassung und Widerstand changierte.

Schwarz lehrt an der Universität in Wien und veröffentlichte bereits zahlreiche Publikationen über Otto Dix. In ihrem Vortrag warf sie die These auf, dass die Forschung die Dada-Phase bei Dix bisher marginalisiere. Der Grund dafür liege zum einen darin, dass viele Werke dieser Episode verschollen seien. Ein weiterer Grund sei die negative Rezeptionsgeschichte des Dadaismus. Der radikale Realismus jedenfalls sei, so Schwarz, nicht erst im Zuge des Verismus oder der Neuen Sachlichkeit entstanden, sondern er sei bereits im Dadaismus verankert.

James A. van Dyke lehrt an der University of Missouri. Er arbeitete als Übersetzer, Museumspädagoge und Kunsthistoriker in Deutschland bis er im Jahr 2000 in die USA zurückkehrte. Er forscht zum Verhältnis von Malerei zur Fotografie und zum Film. Dix habe sich oft von Studiofotografen ablichten lassen, berichtete van Dyke. Bemerkenswert sei die Selbstinszenierung des Künstlers in der illustrierten Presse wie der BIZ (Berliner Illustrirte Zeitung). Diese Veröffentlichungen dürften zu seinem Aufstieg einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Van Dyke sieht darin eine berufliche Überlebensstrategie der Künstler angesichts der zunehmenden Bedeutung der Massenmedien.

Bilder schützen statt manipulieren

Die Restauratorin Carole Drake-Juillet der Direktion der Musées de France erklärte im Zusammenhang mit Dix' Kunstwerken die deontologische Ethik, die es im Umgang mit Gemälden zu beachten gelte. Zwei wichtige Regeln seien in der heutigen Restaurierung zu berücksichtigen: Erstens sollte der Restaurator so wenig wie möglich tätig werden, und zweitens muss jeder Eingriff reversibel sein. Hier zeigt sich das gegenwärtige Verständnis, Bilder zu schützen und nicht durch unnötige Eingriffe zu manipulieren.

Der Maler Daniel Schlier, der an der École des Arts du Rhin in Straßburg und Mulhouse lehrt, referierte über die Maltechnik von Otto Dix und stellte heraus, dass die von ihm verwendete Mischtechnik eine neue Erfindung der Moderne sei, wie sie Max Doerner im 1921 erschienenen Buch „Malmaterial und seine Verwendung im Bilde“ ausführe. Neben Doerner sei die zweite maßgebliche Quelle hinsichtlich der Entwicklung der Dix'schen Maltechnik das intensive Studium der Alten Meister wie Grünewald und Baldung Grien. Jan Dix sagte im Gespräch, Otto Dix sei im Museum stets gezielt vorgegangen. Er habe sich ausschließlich die Kunstwerke angeschaut, die ihn interessierten.

Weitere Themen des Studientags waren die Darstellung des Weiblichen bei Dix (Mathilde des Bois), Zeichnungen des Künstlers im Gästebuch von Otto Köhler (Gitta Ho), die Kinderbücher von Dix (Marie Gispert), seine Landschaftsmalerei im Zusammenhang mit der zeitgenössischen Kulturpolitik (Ina Jessen), der Einfluss von Nietzsche (Flavien le Bouter), die Rezeption des spanischen Alten Meisters El Greco (Sarah Leinweber) sowie ein Beitrag über Dix und die klassizistische Tradition (Christian Drobe).

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erstellt am 10.1.2017

Otto Dix, um 1920
Otto Dix, um 1920
Ausstellung

Otto Dix – der Isenheimer Altar

8. Oktober 2016 — 30. Januar 2017

Musée Unterlinden Colmar

Otto Dix – Isenheimer Altar
Ausstellungskatalog auf Deutsch und Französisch
Autoren: Christoph Bauer, Aude Briau, Frédérique Goerig-Hergott, Gitta Ho, Erdmuthe Mouchet, Daniel Schlier und Birgit Schwarz
264 Seiten

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