Alfred Kerr (1867-1948) war einer der mächtigsten Theaterkritiker Deutschlands im 20. Jahrhundert. Deborah Vietor-Engländer hat nun seine Biographie geschrieben. Sie schildert Kerrs Aufstieg, die Kämpfe, den Erfolg, die Anerkennung in aller Welt, aber auch das Exil und die nackte Not. Martin Lüdke empfiehlt das Buch.

Die Biographie des großen Kritikers Alfred Kerr

Ein Bombenbuch

Als ich es von Ulrich Matthes, dem Schauspieler, hörte, dass er bei der öffentlichen Lesung aus diesem Buch in Tränen ausgebrochen sei, dachte ich noch: naja. Als ich gestern Abend das Buch fertig gelesen hatte und schluchzend am Schreibtisch saß, kam meine Frau angestürzt – und ich zeigte nur das Buch. Es ist mir wichtig, das viele Leute diese Biographie zur Kenntnis nehmen, ob bei der Lesung, in der Villa Metzler, ob selbst lesend, egal. Wichtig ist nur, überhaupt.

Er war der mächtigste deutsche Theaterkritiker aller Zeiten: Alfred Kerr. Er war nie unumstritten, doch er wurde immer gehört. Er konnte loben. Und er tat es. Hauptmann, Ibsen, Shaw, die Fleißer. Er konnte vernichten. „Als ich nach drei Stunden auf die Uhr sah, waren gerade zehn Minuten vergangen.“ Er hat sich mit Herbert Ihering angelegt, seinem großen Widerpart. Und mit Karl Kraus. Er hat mit Brecht gefochten. Er hat wunderbare Reisebücher geschrieben. Und viele Gebrauchsgedichte. Er war wer. Und wie. Im alten Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Sozusagen Reich-Ranicki, Joachim Kaiser und Gerhard Stadelmaier in einer Person. Er war, ungläubig zwar, Jude und bekannte sich, je mehr der Antisemitismus voranschritt, immer deutlicher zu seiner Herkunft. Er verachtete die Nazis. Von einem Tag auf den andern war das alles vorbei. Als Hitler an die Macht kam, musste er fliehen, gleich, sonst hätten ihn die Nazis, sie hatten es offen angekündigt, sofort umgebracht. Erst Frankreich, dann England. Erst Armut, dann bitterstes Elend.

Deborah Vietor-Engländer hat seine Biographie geschrieben. Ein dickes Buch, über siebenhundert Seiten. Erst interessant und spannend, der Aufstieg, die Kämpfe, der Erfolg, die Anerkennung in aller Welt. Dann, das Exil, die nackte Not. Erst bewegend, dann erschütternd. Markerschütternd. Sein Sohn Michael wurde lange nach dem Tod seines Vaters zum obersten englischen Richter. Seine Tochter Judith schrieb 1971 den Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ und wurde damit weltberühmt. Kerr starb Ende 1948 auf einer Deutschlandreise in Hamburg.

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erstellt am 10.1.2017

Deborah Vietor-Engländer
Alfred Kerr. Die Biographie
Gebunden, 717 Seiten
ISBN: 9783498070663
Rowohlt Verlag, Reinbek 2016

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Lesung

Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr

12. Januar 2017 19:30 Uhr
Historische Villa Metzler, Schaumainkai 15, 60594 Frankfurt am Main

Moderation: Martin Lüdke