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8. Januar 2017

Textland

Kein Himmel für Höhenflüge

Elena Ferrante über das Erwachsenwerden – Nun liegt der zweite Band von Ferrantes vierbändiger Neapolitanischen Saga auf Deutsch vor.

Sie werden schnell erwachsen, die neapolitanischen Ghettograzien Raffaella Cerullo und Elena Greco, kurz Lila (Lena) und Lenù. In ihrem Viertel verlängert die Camorra im Verein mit der Armut Traditionslinien. In einem Regime gelockerter Leibeigenschaft bestimmen Verbrecherdynastien Bezirksbiografien. Es scheint kein Entkommen zu geben, jedenfalls nicht für die Schustertochter Lila. Sie ist jene „geniale Freundin“, die Elena Ferrante zur Titelheldin des ersten Bandes ihres weltweit besprochenen Emanzipationsepos gemacht hat. Nun liegt die Fortsetzung auf Deutsch vor. „Die Geschichte eines neuen Namens“ setzt Lenùs (um die beste Freundin und stärkste Rivalin kreisende) Ich-Erforschung fort. Der Begabteren verweigert man die Förderung, während Lenù weiter lernen darf. Lila revanchiert sich schriftlich mit gnadenlosen Milieuschilderungen. Sechzehnjährig heiratet sie. Die Eheschließung macht ihre Unterwerfung aktenkundig und verurteilt sie zu einem Leben im Zustand der Unterforderung. Stefano Carracci, ein Lebensmittelhändler mit rentablen Verbindungen zu einer (im Rione) herrschenden Familie, nimmt sie in Besitz. Er hintergeht und erniedrigt sie nach steinzeitlichen Kräften, um sich in Lilas Aura bloß zu erschöpfen. Lila erleidet eine Fehlgeburt und zieht sich den Vorwurf der Schwangerschaftsverweigerung (Hexerei) zu. Sie ergibt sich allenfalls zum Schein und bemächtigt sich der Pfründe in Reichweite. Sie beschenkt ihre Verbündeten, Lenù versorgt sie mit Lehrmitteln. Lenù macht ihre Hausaufgaben zwischen Tür und Angel.

Es gibt keinen Himmel für ihre Höhenflüge. Für beide Mädchen geht es immer um den Abstand zum Dreck. Lila vergrößert ihn (zunächst) mit ihrer Strahlkraft und Skrupellosigkeit. Lenù expandiert im Schlepptau einer permanenten Eskalation mit biederem Fleiß.

Ferrante beschreibt Szenen wie zur Verifikation von Didier Eribons Thesen, siehe „Rückkehr nach Reims“. Aufstieg bedeutet Abschied von der Herkunft und Nicht-Ankunft im Zielhafen. Man verödet auf halber Strecke, steril geworden im brutalen Dazwischen, oder um es mit Feridun Zaimoglu zu sagen: Den white trash (wahlweise Kanaken) kannst du dir nimmer aus der Visage wischen. Man könnte auch Hannibal Lecter als Spezialisten da zitieren, wo er den Ehrgeiz von Agent Starling als allergische Reaktion auf die Umgebung ihrer Kindheit verspottet. Siehe „Das Schweigen der Lämmer“.

Lila ruft den Preis auf, den Lenù für die Überwindung ihrer Klasse bezahlt. Dazu berechtigt sie zweifellos Lilas Bereitschaft, die eigene Kraft der anderen einzugeben. Die Befreiung Lenùs ist ein von den Hoffnungsüberschüssen der Neunzehnhundertsechzigerjahre befeuertes Gemeinschaftswerk. Lenù gelingt das Abitur, ein Studium in Pisa und ein Roman, den es ohne Lilas Aufzeichnungen nicht gäbe.

Die Frauen erscheinen manchmal wie die zwei Seiten einer Medaille, bis der Leser wieder begreift, was Lenù ist: ein Abklatsch der Eruption Lila. – Eine in der Verbürgerlichung noch einmal verkleinerte Schmalspurausgabe der anderen. Die Anerkennung, mit der Lenù ausgebootet und in das Paradies der Versprengten verstoßen wird, liefert positiver Diskriminierung Beispiele.

Die Geschichte erlaubt aber auch die entgegengesetzte Ausleuchtung. Dann versagt die überbordende Lila und macht sich selbst zum trotzig fremdgehenden Gespenst in der Salami- und Mortadellaproduktion.

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens, zweiter Band der vierbändigen Neapolitanischen Saga, aus dem Italienischen von Karin Krieger, Suhrkamp, 623 Seiten

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erstellt am 08.1.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.