In „Golden Days Before They End“ haben Klaus Pichler und Clemens Marschall mit Fotos und mit kurzen Textzitaten die plebejische Wiener Beisl-Kultur dokumentiert, die bereits verschwunden oder im Verschwinden begriffen ist. Thomas Rothschild stellt den Band vor.

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Typisch Wienerisch

Vielleicht ist es ja ein psychologisches Gesetz, dass man, wenn man älter wird, als Verlust empfindet, was einem in der Jugend vertraut war und was nun durch Neues, Effizienteres, Moderneres ersetzt wird. Wer derlei beklagt, wird von Jüngeren gerne belächelt, als unbeweglich und unbelehrbar gerügt. Aber analog zu dem oft zitierten Satz „Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind“ ließe sich formulieren: „Nur weil jemand etwas als Verlust empfindet, heißt das nicht, dass es nicht tatsächlich ein Verlust ist“. In der amerikanischen Fernsehserie „Tremé“ wird eindrucksvoll gezeigt, wie sich die Bewohner von New Orleans dagegen wehren, dass, in der Folge der Zerstörungen durch den Hurrikan Katrina im Jahr 2005, Politiker, Spekulanten und Immobilienmakler nicht nur ganze Wohnviertel, sondern auch die einzigartige Kultur der legendären Stadt vernichten. Katastrophen wie Katrina sind zum Glück nicht alltäglich. Aber die Vernichtung von überlieferten sozialen Strukturen zugunsten von Geschäftsinteressen, meist unter dem Vorwand der angeblich notwendigen Modernisierung, ist ein globales Phänomen, und man muss nicht senil sein, um darin einen Verlust zu erkennen.

Clemens Marschall, Klaus Pichler: Golden days before they end

Klaus Pichler und Clemens Marschall haben mit grandiosen Fotos und mit kurzen Textzitaten die plebejische Wiener Beisl-Kultur dokumentiert, die bereits verschwunden oder im Verschwinden begriffen ist. Kenner anderer Großstädte werden unschwer ähnliche Vorgänge aus ihrer engeren Umgebung nennen können. Wie in New Orleans, trifft es immer die Schwächsten und Ärmsten. Und doch ist diese Welt typisch Wienerisch, angesiedelt irgendwo zwischen den Filmen von Ulrich Seidl und den Bildern von Franz Zadrazil. Sie unterscheidet sich äußerlich von der ebenfalls gefährdeten Trinkhallenkultur des Ruhrgebiets und sozial von der bürgerlichen Kaffeehauskultur, die im Herbst 2016 negative Schlagzeilen machte, als die möglicherweise bevorstehende Schließung des traditionsreichen Cafés Griensteidl angekündigt wurde.

Die Fotos zeigen nicht bloß Lokalitäten, sondern auch die Menschen, denen sie einen Ersatz für ein Zuhause bieten oder geboten haben. Sie sind, erkennbar, in den Randbereichen der Gesellschaft beheimatet, womöglich arbeitslos, obdachlos oder alkoholkrank, wahrscheinlich gibt es unter ihnen auch Kleinkriminelle. Aber die Bilder und auch die Wortmeldungen der Inhaber von Lokalen, die „Hühnerstall“ heißen, „Café zur Panik“ oder „Nostalgie-Café Zwutschkerl“, stellen die Menschen nicht aus, denunzieren sie nicht, romantisieren allerdings auch nicht das offensichtliche Elend.

Gertrude Marek vom „Salzamt“ gibt zu Protokoll: „Letztens ist einer gekommen und macht sich da wichtig: ‚Ich geb dir 10.000 Euro, wenn ich die Hütte bekomme.‘ Hab ich gesagt: ‚Weißt, was du kriegst? 10.000 Watsch‘n kannst du haben! Bei mir nicht!‘ Das ist meine Hütte. Die geb ich nicht her.“ Und Diana Gabor vom Lokal „Zur Tränke“ resigniert: „Böse Zungen behaupten, sie werden mich eines Tages hier rausziehen, mit den Füßen nach vorne. Aber das war dann mein Leben.“ So ähnlich klingt es auch in New Orleans.

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erstellt am 06.1.2017

Clemens Marschall, Klaus Pichler
Golden days before they end
Gebunden, 250 Seiten, 120 Farbabbildungen
ISBN: 978-3-906803-05-0
Edition Patrick Frey, Zürich 2016

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