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Spät wurde bekannt, dass am 30. November 2016 der Düsseldorfer Bildhauer Günter Haese im Alter von 92 Jahren in Hannover verstarb. In den 1960er Jahren war Haese auf der documenta und der Biennale von Venedig vertreten. Isa Bickmann erinnert an den Künstler und seine feinen Gebilde aus Uhrmaterialien.

Zum Tod von Günter Haese

Eine Ausnahmeerscheinung

Der „Popstar-Effekt“ in der Kunst, der seit den achtziger Jahren zunehmend auch in den Medien zelebriert wird, ist keine neue Entwicklung. Vieles, was wir heute am Kunstmarkt kritisieren, seine Preispolitik, seine Tendenz, im Netz persönlicher Beziehungen Karrieresprünge zu forcieren, was letztendlich nur einen winzigen Bruchteil aller Künstler und Künstlerinnen erreicht, und die damit einhergehenden Bedrängnisse in Produktion und Präsentation, die damit auf den Künstlern und Künstlerinnen lasten, formierte sich bereits in den sechziger Jahren. Günter Haese ist ein Beispiel dafür. Doch er entschied sich für einen Rückzug und ist damit wahrlich eine Ausnahmeerscheinung. Das Bedürfnis, mit Seelenruhe Kunst entstehen zu lassen, stand bei ihm stets im Vordergrund.

Haese hatte früh eine fulminante Karriere hingelegt, die ihn jedoch derart unter Druck brachte, dass er die Qualität seiner Arbeiten nicht mehr garantieren konnte, wie er mehrfach betonte. Heutzutage würde sich ein Künstler ein paar Assistenten zulegen, um dem Verlangen des Kunstbetriebs standhalten zu können, immer neue Arbeiten in Ausstellungen zu präsentieren. Nicht so Haese: Er zog sich zurück und verkaufte fortan nur an „meine Zahnärzte“, wie er das charmant umschrieb.
1924 in Kiel geboren, musste er wie so viele in den Krieg. Drei Jahre war er Soldat. Nach Kriegsende malte er die Zerstörungen des Krieges, entdeckte Picasso und die aktuelle Kunst auf Zigarettenbildern. „Ein Schock war das“, wie er die für ihn – wie für viele andere seiner Generation – erschreckende Konfrontation mit jener neuen Kunst aus Frankreich und den USA beschrieb, die ihm in den langen Jahren der Isolation durch die Nazi-Kulturpolitik verborgen geblieben war. Nach dem Besuch einer Kunstschule in Plön wurde er 1950 zum Studium an der Kunstakademie Düsseldorf zugelassen und war zuerst Schüler bei Bruno Goller, verzweifelte an dessen Leitbild emotionaler Malerei, wechselte dann 1951 zur Bildhauerei bei Ewald Mataré, dessen Meisterschüler er wurde. Gemeinsam mit Joseph Beuys, ebenfalls Meisterschüler Matarés und sein Mitschüler, mit dem ihn nichts verband, wie er anmerkte, assistierte er Mataré bei der Schaffung der Kölner Domtüren am Südportal, als sogenannter „Gipsknecht“. Nachdem er sich vorrangig an Matarés oder Marino Marinis volumenbetonter Plastik orientiert hatte, entdeckte er einen neuen Werkstoff für die Bildhauerei: Er nahm 1960/61 einen Wecker auseinander, dessen Innereien er zunächst mit Druckgraphik verarbeitete, um sie dann zu feinen Plastiken zu verlöten. Er hatte – im schon für einen Künstler reiferen Alter von 38 Jahren – sein Material gefunden!

Leise vibrierend und zutiefst poetisch

Es entstanden Gebilde von 30 bis 70 cm Höhe, die dem Betrachter auf Sockeln präsentiert werden. Luftbewegung im Raum, der eigene Atem, ein Vorbeigehen bringen die verlöteten Spiralen, Federn, Gitterkügelchen, Unruhen, Drähte in zarte Schwingung. In der Zeit kinetischer Plastik war das durchaus zeitgemäß, aber die Bewegung war hier stets nur leise vibrierend und damit zutiefst poetisch. Die Formen bieten mal anthropomorphe, mal biomorphe, mal architektonische, mal technische Anklänge. In den Titeln: Reminiszenzen an die damals hochaktuelle Raumfahrt bei dem frühen Werk „Ein anderer Mond“ (1963), später „Helicon“ oder „Wega“, Geografisches aus aller Welt, wie „Baghdad“, „Südliche Sporade“, „Montenegro“ oder „Bülk“, Architektonisches, wie „Stupa“, „Stele“ oder „Turm“, sowie Mythologisches, das ein fundiertes Allgemeinwissen beim Betrachter voraussetzt, mit Titeln wie „Hathor“, „Koronis“ oder „Oreade“.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Und es ging rasant: 1964 documenta III, im gleichen Jahr Einzelausstellung im New Yorker Museum of Modern Art. Ein Schwergewicht des Kunstmarkts, die international tätige Marlborough Gallery, nahm ihn in ihr Programm auf. 1966 vertrat er Deutschland auf der XXXIII. Biennale von Venedig, 1969 auf der X. Biennale von São Paulo. Er wurde mit bedeutenden Preisen bedacht, wie z. B. dem Cornelius-Preis der Stadt Düsseldorf und dem Preis der Solomon R. Guggenheim Foundation in New York.

Solche Erfolge verlangen vom Künstler, dass er kontinuierlich neue Werke nachliefert. Das widersprach jedoch völlig seinem Arbeitstempo. Elementar für das Gelingen seiner Werke ist die besonnene Arbeitsweise. Haese zog sich vom Markt zurück.

Diese Genügsamkeit und Bescheidenheit hat bei meinem Besuch im Herbst 2002 einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Nach langem Gespräch fuhren wir gemeinsam von seinem Düsseldorfer Atelier in der Sittarder Straße mit der Bahn zur Art Cologne. Eigentlich sei dieser „Messezirkus“ nicht seine Welt, betonte er. Er, der lieber allein arbeitete, charakterisierte das Personal des Kunstbetriebs mit entwaffnender Ehrlichkeit. Auf der Messe eingetroffen, begegnete er dann auf dem Weg zur Koje seiner Hamburger Galeristin Andrée Sfeir-Semler ebendiesem Personal überaus freundlich und zuvorkommend. Doch nie ließ er seine künstlerischen Prinzipien im Stich und ist als unkorrumpierbarer Bewahrer seines OEuvres eher selten in Ausstellungen zu sehen gewesen. Nichtsdestotrotz ist sein Werk in vielen öffentlichen Sammlungen zu finden. Und er war auch für eine Überraschung gut: Haese, 1994 vom Land Schleswig-Holstein mit dem Ehrentitel „Professor“ ausgezeichnet, schuf 2006/2007 für den Skulpturenpark in Viersen die Großplastik „Optimus II“ von sieben Metern Höhe. Jahre zuvor hatte er mir einmal gesagt, dass er keine Form vergrößern könne, sie sähe dann aus wie ein Apparat. Hier hatte der über Achtzigjährige also einen Weg gefunden, noch einmal über die Monumentalität nachzudenken.

Auf Moritz von Uslars Frage, welchen „total abgemeldeten Künstler müsste man mal wieder herausholen?“, antwortete vor ein paar Monaten Udo Kittelmann mit den Namen Günter Haeses: „Er passt, wie viele hochinteressante Künstler, auf eine gute Art nicht in die Zeit.” Ja, und man wünschte sich mehr Künstler – und Künstlerinnen – seiner Art.

Trailer des Filmes “Günter Haese – Stimme der Stille” (2014), der 2014 anlässlich seines 90. Geburtstages im Museum Kunstpalast Düsseldorf und im Kieler Stadtmuseum uraufgeführt worden ist.

Kommentare


Petra Kammann - ( 09-01-2017 10:21:43 )
Sehr schön Ihr Nachruf auf den Bildhauer-Poeten Günter Hause

Petra Kammann - ( 09-01-2017 10:22:07 )
Sehr schön Ihr Nachruf auf den Bildhauer-Poeten Günter Haese

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erstellt am 04.1.2017

Günter Haese
Günter Haese (1924-2016)