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Tatsächlich gibt es ‚Gesammelte Gedichte’ von noch lebenden Autoren. Man fragt sich also, mag die Dichterin oder der Dichter denn nicht mehr dichten? Bernd Leukert denkt über das Gesammelte nach und stellt die Gedichtsammlungen von Thomas Bernhard und Zbigniew Herbert vor.

Gesammelte Gedichte von Thomas Bernhard und Zbigniew Herbert

Zuweilen bissig

Gesammelte Gedichte, das sind weniger als sämtliche Gedichte. Lebt der Dichter noch, könnte er seinen letzten Gedichten noch die allerletzten usf. folgen lassen. Ist ihr Verfasser verstorben, können vernünftigerweise keine neuen Werke mehr erwartet werden. So vermag die Bezeichnung ‚Gesammelte Gedichte’ nur auf die mögliche Unvollständigkeit der Sammlung hinweisen: Vielleicht ist da etwas übersehen worden, oder Personen, denen der Autor zu Lebzeiten ein Gedicht hatte zukommen lassen, haben es unbekannterweise noch in ihrem Besitz oder wollen es pikanterweise nicht der Öffentlichkeit überlassen. Gesammelte Gedichte werden sie also genannt, wenn sie sämtlich nicht zu haben sind. Warum aber wünscht sich wer einen zugeschnürten Sack mit prall gefüllter, poetischer Lebensernte? Eine Antwort könnte lauten: Die vier Gedichtbände, die vom selben Autor schon im Regal stehen, geben, wenn man sie durch den einen Band der sämtlichen Gedichte ersetzt, noch Platz für den Band eines anderen Autors. Man bekommt also mehr Gedichte für weniger Bücher. Ein weiterer Grund wäre die Begeisterung, die von drei gelesenen oder gehörten Gedichten ausgelöst wurde und unbedingt nach dem Gesamtwerk verlangt. Bedenklich ist es, das Gesamtwerk gegenüber einer Auswahl zu bevorzugen, weil sich darin ein Misstrauen gegenüber dem Herausgeber der Auswahl kund tut: Wer hat da nach welchen Kriterien ausgewählt? Sind das denn meine Kriterien? Womöglich bleiben mir durch die Auswahl („Die besten Gedichte aus sechs Jahrzehnten“) die besten Gedichte vorenthalten. Wer diesen Verdacht gar nicht aufkommen lassen will, greift zu den sämtlichen Gedichten und handelt sich damit das nächste Problem ein. Denn selbstverständlich kann niemand sicher sein, dass die übrigen Gedichte des Gesamtwerks denselben Anspruch erfüllen, wie die gelesenen oder gehörten. Selbst unter den unsterblichen Namen der Poesiegeschichte gibt es welche, deren unsterbliche Werke bei näherem Besehen sich an einer Hand abzählen lassen. Das Risiko muss man beim Kauf mit in Kauf nehmen. Es ist zuzugeben, dass den Gesammelten Gedichten theoretisch das gleiche Risiko anhaftet, praktisch versammeln sie aber gewöhnlich den Inhalt bereits veröffentlichter Gedichtbände. Da gibt es nichts Halbfertiges, Verstreutes oder Misslungenes. Sondern die lyrischen Texte haben die Prüfung durch Lektoren schon bestanden und treten nun ein weiteres Mal vor die Augen eines Herausgebers.

Die gesammelten Gedichte – so hießen sie noch 1991 in der von Volker Bohn herausgegebenen Ausgabe – von Thomas Bernhard enthielten alle Gedichtbände des Autors sowie die von ihm selbst in Zeitschriften und Anthologien publizierten Gedichtgruppen. Nun, als Band 21 der Werkausgabe Thomas Bernhard, heißen sie vorsichtiger: ‚Gedichte’, – herausgegeben von Raimund Fellinger, dem Cheflektor des Suhrkamp Verlages und bis 2015 Präsident der Internationalen Thomas-Bernhard-Gesellschaft. Was unterscheidet die beiden Ausgaben voneinander? Einmal ist die Sammlung um etwa 20 Gedichte vermehrt, Varianten und Überarbeitungen sind aufgenommen, die Gedichte sind am Ende alphabetisch aufgelistet und nicht mehr, wie bei Bohn, unter dem Titel des einstigen Gedichtbandes oder einer Werkgruppe gebündelt. Vor allem aber ist er vom Herausgeber mit einem umfangreichen Kommentar zur Entstehungs- und Publikationsgeschichte angereichert, in dem detailliert und anekdotisch von Vorgesprächen, Briefen und Besuchen berichtet wird, den häufigen Schwankungen der Selbsteinschätzung und der Stimmung Bernhards. Ausführlich kommen auch die frühen Urteile und Fehlurteile zur Sprache, die zeigen, dass sich ein Manuskript in den Lektoraten und ein Buch in den Redaktionen – wie auf hoher See und vor Gericht – in Gottes Hand befindet. Es handelt sich dabei zwar nicht um eine historisch-kritische Ausgabe der Lyrik Bernhards, wie Fellinger betont, aber seine Informationen sind als nicht geringe Vorarbeit dafür zu sehen.

Thomas Bernhard ist als Romancier und Dramatiker bekannt. Als er zu schreiben begann, sah er sich, unter dem Einfluss von Rilkes Werk, als Poet. 1952 hat er sein erstes Gedicht im Münchner ‚Merkur’ veröffentlicht: „Mein Weltenstück“. 1960 aber hat er wohl seine Lyrikproduktion eingestellt. (Spätere Publikationen gingen auf frühere Arbeiten zurück.) Der Grund dafür ist im Buch auch angegeben. In einem Interview mit André Müller erklärte Bernhard: „Ich hab’ mir gedacht … na ja, ich weiß nicht, wenn das so einfach geht, kann es ja eigentlich gar nichts wert sein, und ich hab’ dann aufgehört, weil es mich nimmer gereizt hat. Nach drei Gedichtbüchern hab’ ich gedacht: Was hat das für einen Sinn? Zehn, zwanzig Gedichtbücher, wie soll das enden? Das wird ja eher immer blöder. Und hab’ dann eine Zeitlang überhaupt nichts geschrieben.“ Nach der Zeitlang aber keine Gedichte mehr.

MEIN WELTENSTÜCK

Vieltausendmal derselbe Blick
durchs Fenster in mein Weltenstück.
Ein Apfelbaum im blassen Grün,
und drüber tausendfaches Blühn,
so an den Himmel angelehnt,
ein Wolkenband, weit ausgedehnt …
der Kinder Nachmittagsgeschrei,
als ob die Welt nur Kindheit sei;
ein Wagen knarrt, ein Alter steht
und wartet, bis sein Tag vergeht.
Leicht aus dem Schornstein auf dem Dach
schwebt unser Rauch den Wolken nach …
Die Hühner fressen, Hähne krähn –
ja, lauter fremde Menschen gehen
im Sonnenschein, jahrein, jahraus,
vorbei an unserm alten Haus.
Die Wäsche flattert auf dem Strick
und drüber träumt ein Mensch vom Glück,
im Keller weint ein armer Mann,
weil er kein Lied mehr singen kann …
So ist es ungefähr bei Tag,
und jeder neue Glockenschlag
bringt tausendmal denselben Blick
durchs Fenster in mein Weltenstück.
(1952)

DIESEN aufgerissenen Himmel im Mund
sterben viele und denken an einen Tag
der auf grünen Tischen
und in kalten Tellern
rosigen Schinkens endete
mit einem Seufzer.

Doch ihre Liebe ist verloren
wie der Wind der die Füße
morscher Bäume
in das Weiß des Nordschnees wickelt.

Ihre Liebe ist verloren
in finsteren Wäldern
die im Schluchzen verirrter Rehe altern
von Wolke zu Wolke.
(1958)

DAS blanke Eisen des Mondes
wird dich töten und der starre
Fuß eines Riesenvogels
dem du
deine Trauer anvertraut hast
im Winter.

Der Wald wird seine Knochen
in Unruhe wickeln,
und dich niederwerfen
der Wind
der aus dem weißen Versteck
zerfallener Rehe
zustößt

Die Sonne wird ihr Wundenmal
vergraben
hinter den sterbenden Stämmen
und deiner Lippen Feuer
Flammen
zu lachenden Blüten
des Todes.
(1958)

Ein jeder Stern ist mir ein Polizist.
Das Firmament marschiert, die Ozeane
ein Meer von Knüppeln, uniformierter Mist!,
Wahnsinn steht rot auf meiner Sträflingsfahne.

Gezüchtigt sind die Lenden weiß wie Schnee,
mein roter Kopf gebläht im Mittagswind.
Verprügelt geh ich, wo ich widergeh,
wo ich für mich nichts mehr zu fressen find.

Auf meinen Augen funkelt der Orkan
der scharfen, bissigen Gesetze.
Ich bin mein eigener Hund und du bist mein Kumpan,
den ich ins Zuchthaus Unzucht treiben hetze.

Was bist du für ein Wein, mein Herr Urin?
Besoffen geh ich durch die kahlen Köpfe
der Unterunterwelt, durch den Ruin
und flecht aus meinem Hunger ihm die Zöpfe.
(1988)

Zbigniew Herberts lyrisches Werk, das sämtliche Gedichte, die er in seine neun Lyrikbände aufgenommen hatte, enthält, heißt nun ‚Gesammelte Gedichte’, die von Henryk Bereska, Karl Dedecius, Renate Schmidgall, Klaus Staemmler und Oskar Jan Tauschinski übersetzt wurden. Herausgegeben wurde der Band von Ryszard Krynicki, der die bisherigen Gedichtveröffentlichungen des Suhrkamp Verlages würdigt und dann bemerkt: „Ungeachtet dieser Publikationen haben die deutschen Leser einen etwas anderen Herbert gelesen als die polnischen. Viele der älteren Gedichte aus den ersten drei Bänden konnten sie nicht kennen, weil sie nur in einer Auswahl auf Deutsch erschienen sind.“ 402 Gedichte enthält der Band der gesammelten Gedichte, davon 144, von Renate Schmidgall übersetzt, zum ersten Mal auf Deutsch. Alle anderen wurden neu durchgesehen und, wo nötig, korrigiert. Michael Krüger beschreibt Herbert im Vorwort als auratischen Dichter, der immer eine Art bohèmehaftes Leben lebte; aber auch den unaufwendigen Gedichtvortrag des Polen: „Zbigniew Herbert, so schien es uns jedenfalls, verließ sich ganz und gar auf das poetische Ergebnis seines intensiven Nachdenkens und seiner geduldigen Beobachtung und teilte uns dies so genau und unprätentiös wie möglich mit.“ Anzufügen wäre noch, dass Herberts Ton, der so viele wunderbare Gedichte trägt und auch Leidvolles melancholisch auf Distanz hält, zuweilen auch bissig werden konnte, wie wir es sonst nur von Thomas Bernhard kennen. Das Gedicht „Chodassewitsch“ beginnt etwa: Mein Bekannter aus der Anthologie reimender Slawen/ (ich erinnere mich nicht seiner Verse wohl aber dass es da feucht war)/ … Am Beginn und am Ende seiner Kunst steht das Staunen/ dass Chodassewitsch geboren wurde und existierte unter den Sternen.

Zwei Tropfen

Wälder brannten –
aber sie
flochten die Hände um die Hälse
wie Rosensträuße

Leute liefen in Bunker –
er sagte seine Frau habe Haare
darin könne man sich verstecken

unter einer Decke
flüsterten sie schamlose Worte
die Litanei der Verliebten

Wenn es sehr schlimm wurde
sprangen sie in die Augen gegenüber
und schlossen sie fest

so fest dass sie das Feuer nicht spürten
das an die Wimpern schlug

bis zum Schluss waren sie tapfer
bis zum Schluss waren sie treu
bis zum Schluss glichen sie sich
wie zwei Tropfen
angehalten am Rand des Gesichts
(1956)

Der Kiesel

Der Kiesel ist als Geschöpf
vollkommen

sich selber gleich
auf seine Grenzen bedacht

genau erfüllt
vom steinernen Sinn

mit einem Geruch der an nichts erinnert
nichts verscheucht keinen Wunsch weckt

sein Eifer und seine Kühle
sind richtig und voller Würde

ich spüre einen schweren Vorwurf
halt ich ihn in der Hand
weil dann seinen edlen Leib
falsche Wärme durchdringt

- Kiesel lassen sich nicht zähmen
sie betrachten uns bis zum Schluss
mit ruhigem sehr klarem Auge
(1961)

Die Hände meiner Vorfahren

Ohne Unterlass arbeiten sie in mir die Hände meiner Vorfahren
die schmalen knochigen Hände gewohnt das Reitpferd zu führen
Schwert Säbel und Degen zu schwingen

O wie erhaben ist die Ruhe – des tödlichen Schlags

Was wollen sie sagen die Hände meiner Vorfahren
die grünlichen Hände aus dem Jenseits
gewiss ich solle mich nicht ergeben
und so arbeiten sie in mir wie im Teig
aus dem dunkles Brot werden soll

Und was meine Vorstellung sprengt
sie setzen mich rauh in den Sattel
und meine Füße in die Bügel
(1992)

Lyrische Zone

Blick auf Park und Mauer im Vorabendlicht
wie bei Corot – Zitronenschale Wangenhaut gepudert für die Ball
die Luft goldhaltig und nichts zu hören kein Geflüster
keine gedämpften Rufe kein Drücken verschwitzter Hände kein Galoppieren
nur die Seele wird zum schmerzlich zarten Spinnweb
und schwebt in der Luft wie das Lächeln der Mona Lisa
wie das Lächeln etruskischer Mädchen

das Lächeln der Sphinx
(1998)

Gedichte mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.

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erstellt am 04.1.2017

Thomas Bernhard
Werke in 22 Bänden – Band 21: Gedichte
Herausgegeben von Raimund Fellinger
Leinen, 601 Seiten
ISBN: 978-3-518-41521-4
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015

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