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Der Schriftsteller und Dramatiker Thomas Bernhard konnte ein überaus charmanter und auch freundlicher Mensch sein. Er konnte aber auch ein Grantler, Miesepeter und Misanthrop sein, der an nichts und niemanden ein gutes Haar ließ. Nun sind Bernhards gesammelte „Städtebeschimpfungen“ erschienen, und Martin Lüdke hat sie studiert.

Thomas Bernhards »Städtebeschimpfungen«

Von der Lechkloake zur Genievernichtungsmaschine

Der österreichische Schriftsteller und Dramatiker Thomas Bernhard (1931-1989) konnte ein überaus charmanter und auch freundlicher Mensch sein, von einnehmenden Wesen und einer geradezu chinesischen Höflichkeit. So habe ich ihn kennengelernt, etwa als er sich für eine, allerdings auch sehr euphorische Rezension eines seiner Romane bei mir bedankte. So konnte er – auch – sein, der Grantler, Miesepeter und Misanthrop, der an nichts und niemanden ein gutes Haar ließ, nicht an seinen Freunden, Verwandten und Bekannten, nicht an seinen Verlegern und Regisseuren, nicht an seiner Heimat Österreich und dessen Nachbarländern, kurz an der Welt überhaupt. Dafür gibt es naturgemäß gute Erklärungen, seine frühen Krankheiten, die offene Tbc, die Tatsache, dass er über lange Jahre mit einer Zeitbombe in der Brust (Aneurysma) herumlief, sein früher Tod als Konsequenz dieser Krankengeschichte, lassen manche seiner Verhaltensweisen verständlicher erscheinen. Doch angesichts seiner durchgängigen ‚Negativität’ greifen psychologische Erklärungen nicht nur zu kurz, sie gehen an dem Problem vorbei. Raimund Fellinger, der Herausgeber dieser wunderbaren Sammlung von „Städtebeschimpfungen“, weist darauf hin, dass auf eine „Unterscheidung zwischen Figurenrede (im literarischem Werk) und Stellungnahme des Autors“ verzichtet wurde, aus guten Gründen, eben weil sich solche Äußerungen nicht unterscheiden lassen. (Die Probe aufs Exempel ist leicht zu bewerkstelligen, die Rhetorik mündlicher und schriftlicher Aussagen ist identisch.)

Der Band ist alphabetisch gegliedert. Bereits an dritter Stelle findet sich Augsburg, ausführlich thematisiert in dem Stück „Die Macht der Gewohnheit“, das 1974 in Salzburg uraufgeführt wurde und in Augsburg sofort auf eine außergewöhnliche Resonanz traf. „Morgen in Augsburg“, dieser „Lechkloake“, gleichsam das Leitmotiv des Stücks, stets als Drohung ausgestoßen, signalisiert die Erwartung eines borniert/verspießerten Publikums in einem „muffig verabscheuungswürdigen Nest“. Dokumentiert werden Briefwechsel zwischen Oberbürgermeister und Suhrkamp-Verleger Unseld, Stellungsnahmen aller möglichen bayrischen Provinzgrößen, Presseartikel und Leserbriefe. Sie verlängern das Bernhardsche Theater in der politische Wirklichkeit. Diese Rezeptionsgeschichte muss für den Autor ein, wie es die Zielgruppe seiner Dichtung verstanden haben dürfte, „innerer Reichsparteitag“ gewesen sein.

Andere Orte von Chur bis Trier kommen keineswegs besser weg, nur kürzer. Wien allerdings wird noch mit besonderer Verachtung gestraft und als „riesiger Friedhof zerbröckelnder und vermodernder Kuriositäten“ gepriesen.

Die Unterscheidung zwischen Provinz und Metropolen, auch darauf weist der Herausgeber hin, hat Bernhard längst hinter sich gelassen. Seine Negativität ist absolut. Deshalb können sich die beschimpften Ortschaften und Städte tatsächlich als richtige Adressaten begreifen. Wenn Trier gesagt wird, ist auch Trier gemeint. Nur ist kein prinzipieller Unterschied zwischen Bad Ischl und Neapel, zwischen Brügge und Traunstein mehr auszumachen. Bernhards „Städtebeschimpfungen“ lassen sich als satirische Version von Adornos „Negativer Dialektik“ begreifen, unsystematisch angelegt, aber nicht nur einfacher, auch entschieden lustiger zu lesen, nur ebenso ernsthaft gemeint.

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erstellt am 02.1.2017

Thomas Bernhard
Städtebeschimpfungen
Herausgegeben von Raimund Fellinger
Broschiert, 179 Seiten
ISBN: 9783518460740
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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