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31. Januar 2017

Textland

Benzin im Blut

Shawn Vestal erzählt in seinem späten Romandebüt, wie der Motorradartist Evel Knievel unwissentlich aus Jason Harder einen Mopedfahrer machte.

Jeder kennt das. Der Bremsschirm öffnet sich zu früh, man hängt in der Luft, wie Evel Knievel am 8. September 1974 als Leichtmatrose der Raumfahrt in seiner steam-powered rocket Skycycle X-2 über dem Snake River Canyon im US-Bundesstaat Idaho. Loretta schmiert zur gleichen Zeit und in derselben Gegend ab, indem sie es versäumt mit ihrem Pettingpartner Bradshaw durchzubrennen. Bleibt Old Harder. Der glühende Aufrichtigkeitsapostel führt das Fußvolk seines Mormonenchapters hinters Licht, um sich und Enkel Jason einen Freiraum mit weltlichem Entertainment zu verschaffen. Anstatt, wie angegeben, einen Gottesdienst zu besuchen, mischen sich die beiden für insgesamt fünfzig Dollar unter das Publikum eines Mannes, der sich in einen ballistischen Körper hineinträumt. Opas Lüge und Knievels Erwachen verändern Jasons Weltbild dramatisch.

Loretta rutscht wie Korn durch den Trichter einer absurden Unvermeidlichkeit der Schicksalsmühle entgegen: als fünfzehnjährige Zweitfrau eines Patriarchen in Short Creek, Arizona. Die ihr vorgesetzte Hauptfrau heißt Ruth, Jason ist ein Neffe ihres Mannes Dean. Dessen vor Redlichkeit strotzende Bigotterie kann sich in einem System institutionalisierter Pädophilie sicher fühlen. Loretta kapiert: „Man muss stärker sein als das, was sich einem entgegen stellt.“

„Sie wird sich in ihrem Inneren verschließen“, verkündet Shawn Vestal in seinem ersten Roman, der auf Deutsch „Loretta“ wie „Lolita“ heißt. Der Originaltitel „Daredevils“ zitiert „Evel Knievel’s Motorcycle Daredevils“. Risikounternehmer Knievel setzt Maßstäbe bei Motorradstunts in der Hochzeit des Wettlaufs zum Mond. Das virile Ideal verkörpert der Astronaut, Knievel mischt den Elvisstil dazu. Er gibt den Stutzer mit Gehstock, der Knauf ist versilbert.

Vestal schickt den Leser auf eine Zeitreise. Hippieland ist abgebrannt. Der Sommer der Liebe gehört einem utopischen Damals. Lorettas Eigentum passt in einen Schuhkarton.

Bradshaw erreicht Deans fundamentalistischen Hot Spot, er plant Lorettas Befreiung. Seine Absichten tarnt er mit Fahrdiensten im fremden Familienbetrieb. Doch dann zieht Dean mit der abhängigen Schar nach Idaho in die gemäßigte Nachbarschaft seines Bruders. Jason kriegt die Krätze, der Onkel verdoppelt das Verhasste, die jugendliche Braut gibt Dean als Ruths Nichte aus.

Nun holt Jason Loretta im Chrysler Imperial LeBaron zur Bibelstunde ab. Während ein allwissender Seiler die dünnen Lebensfäden von Loretta, Bradshaw (aka Rex Beker) und Jason verdreht, spricht Evel Knievel selbst freiheitstrunken.

Vestal dreht das Rad zurück in die Gegenwart von Ruths Kindheit. Bundesagenten verhaften ihren Vater so wie alle Männer einer Splittergruppe, die fern loser Sitten in den Städten des Mormonenstaates Utah feurig die Apokalypse erwarten. Die Rückblende erklärt die geleere Strenge jener Frau, die Lorettas Alltag bestimmt. Sie skizziert ein Milieu, das die Voraussetzungen für eine willensstarke Selbstaufgabe schafft. Ruth hat den Verzicht gewählt. Loretta freut sich noch über jede Wahl, die zu treffen ihr übrig bleibt. Ruth sieht sie, als sähe sie sich selbst in einem verjüngenden Spiegel. Fürsorglich reicht sie die Gleitcreme weiter, in der Absicht, Patente des reibungslosen Funktionierens Allgemeingut werden zu lassen. Ihr Fleisch soll Holz sein, die Seele Erz. Ruth ist Gottes Werkzeug als Stoss auf dem Strom einer „rechtschaffenden Blutlinie“.

Vestal achtet Ruths Recht auf Einäscherung zu Lebzeiten. Er weist ihre Selbstverleugnung als Stärke aus, während Lorettas widerständiges Wesen geflügelt bleibt.

Die Geschichte erfindet den Eigenarten des Gatten unzuverlässige Zuträger. Außerhalb seiner ursprünglichen Umgebung erscheint Dean “deformiert” wie ein Kalb, das mit „verdrehten Gliedmaßen“ geboren wurde. Solche Ansichten gehen nahtlos über in Kokonschilderungen mormonischen Daseins. Die Spielarten freiwilliger Isolation fächern sich auf und verzweigen sich wie über Terrassen eines antiken Bewässerungssystems. Boyd, (wahrscheinlich) ein Spross der First Nation, schaltet sich ein. Er vermutet seinen Vater in South Dakota.

Das Romangeschehen splattert in einer Hasenjagd, die an das Texas Chain Saw Massacre erinnert und von Zuschauern als Schädlingsbekämpfungsaction im Spektrum zwischen Nazi und notwendig gespeichert wird. Bei Jason löst sie eine neue Zeitrechnung aus. Auf einer Woge von sonst wo die Handlung einnässender Empfindsamkeit verlässt Jason gemeinsam mit Loretta and Boyd im Imperial LeBaron den Schauplatz seiner frühen Jahre. Die Freunde nehmen einen Weg in die Freiheit durch das magische Tal von Süd-Idaho. Evel the Evil Knievel leuchtet ihnen mit der großen Sprecharie mitunter post mortem heim.

Shawn Vestal, Loretta, Roman, aus dem Amerikanischen von Verena Kilchling, Kein & Aber, 393 Seiten

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erstellt am 02.1.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.