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Der Frankfurter Kunstverein präsentiert in der Ausstellung „Atchilihtallah – Von der Transformation der Dinge“ eine umfassende Auswahl des Schaffens des belgisch-algerischen Künstlers Eric van Hove. Mit seinen Arbeiten verbindet van Hove Konzeptkunst, sozialpolitische Untersuchungen, Aktivismus und Ansätze alternativer Ökonomie, berichtet Claudia Olbrych.

Ausstellung

Always somewhere, always nowhere

John Steinbeck schreibt 1962 in „Travels with Charley: In Search of America”, dass es im spanischen ein Wort gebe, für das er keine englische Übersetzung finde, das Verb „vacilar”, im Partizip Präsens „vacilando“. Es bedeutet, wohin zu gehen, aber dabei nicht so sehr darauf zu achten, ob man am geplanten Ziel ankommt.

Der Frankfurter Kunstverein präsentiert in der Ausstellung „Atchilihtallah – Von der Transformation der Dinge“ eine umfassende Auswahl des Schaffens des belgisch-algerischen Künstlers Eric van Hove. Zu sehen sind zentrale Arbeiten wie auch speziell für diese Ausstellung hergestellte Werke des Künstlers. Mit seinen Arbeiten verbindet Eric van Hove Konzeptkunst, sozialpolitische Untersuchungen, Aktivismus und Ansätze alternativer Ökonomie.

Eric van Hove wurde 1975 in Guelma, Algerien geboren. Er wuchs in Jaunde, Kamerun auf, hat einen belgischen Pass, einen skandinavischen Vornamen und einen niederländischen Nachnamen, seine Muttersprache ist französisch. Für sein Studium zog er von Brüssel nach Tokio, weil es ihm nach eigenem Bekunden weit weg genug erschien. Dort lernte er japanisch und promovierte. Als Antrieb für viele seiner Arbeiten nennt van Hove den deutschen Begriff „Wanderlust“, der in mehreren Sprachen als Wort für Fernweh existiert. Aufgrund seiner Biografie war das „Anderswo“ in gewissem Sinn schon immer ein Teil des Künstlers, der die meiste Zeit seines Lebens außerhalb Europa verbrachte und erst in Marrakesch sesshaft wurde, wo er seit vier Jahren lebt und arbeitet. Eric van Hoves Konzept schließt immer auch den Entstehungsprozess der Werke mit ein. Den Frankfurter Kunstverein verwandelt er dazu in eine offene, funktionale Werkstatt: In den ersten zwei Wochen der Ausstellung war van Hove mit seinem Team, bestehend aus ca. zehn hochspezialisierten Kunsthandwerkern und Mechanikern seines marokkanischen Ateliers, vor Ort und arbeitete weiter an der Entwicklung eines elektrisch betriebenen Motorrads. In den Wochen danach nutzen lokale Arbeitsgruppen, eine regionale Jugendwerkstatt, eine Möbelmanufaktur, das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft und eine Fahrradselbsthilfewerkstatt das temporär eingerichtete Atelier im Kunstverein. Doch auch die Besucher und Besucherinnen sind während der Öffnungszeiten der Ausstellung eingeladen, am Arbeitsprozess teilzuhaben und mitzuarbeiten. Ein besonderes Interesse gilt dabei den Fähigkeiten eines jeden Einzelnen bzw. der Möglichkeit, diese auszutauschen und voneinander zu lernen. Das veranschaulichen auch die vielen Tafeln, die in der Werkstatt an den Wänden angebracht sind: Jeder Arbeiter ist darauf abgebildet und erzählt einen Teil seiner Geschichte, seiner Herkunft und beschreibt sein erlerntes Handwerk. Schon vor Jahren sind van Hoves Arbeiter zu seinen Mitarbeitern geworden. Sein Künstlerkollektiv ist zugleich Team und Familie; in seiner aktuellen Heimat Marokko leben sie zusammen, und van Hove fühlt sich für sie verantwortlich, gleichwohl er ihnen eigene Entscheidungen in der künstlerischen Gestaltung überlässt. Auch bei einigen anderen ausgestellten Werken tauchen ihre Namen in Form von gravierten Metallplättchen mit arabischer Schrift auf.

Eric van Hove, Mahjouba I, 2016, Foto: Alessio Mei

Bei dem erwähnten Motorrad handelt es sich um die jüngste Arbeit. Er hat ihr den arabischen Namen „Mahjouba“ gegeben. Das Wort leitet sich von dem arabischen Begriff „Mahjoub“ ab, was übersetzt „der Schleier, der das Heilige verdeckt“ bedeutet. Dabei handelt es sich schon um den zweiten Prototyp; ein bereits funktionstüchtiges Exemplar, Prototyp 1, befindet sich ebenfalls in den Ausstellungsräumen des Kunstvereins. Dabei liest sich die Liste der verwendeten Materialien des handgefertigten Motorrads „Mahjouba I“ ungewöhnlich exotisch und abenteuerlich: Die Verwendung von recyceltem Messing, gelbem und rotem Kupfer, Stahl, Kamelknochen, weißem Zedernholz, Silber, Zinn, Gummi, Harz, Kuhhaut usw. ist dem, wie van Hove sagt, Überlebenswillen und damit verbundenem Einfallsreichtum des Kontinents geschuldet. Die Technologie eines vereinfachten Elektromotors des Motorradprototyps entwickelte Eric van Hove in Zusammenarbeit mit dem Institut für Ingenieurstechnologie und dem Institut für Kommunikation des Dartmouth College in den Vereinigten Staaten. Das Design des ersten Modells basiert auf einer marokkanischen Kopie einer chinesischen Replik des Mate T50 – ein aus den 1970er Jahren stammendes japanisches Motorrad. Eric van Hove nutzt die Strategie der Aneignung und Verwandlung von Industrieprodukten im globalen Waren- und Produktionsprozess; seine Skulpturen sind Repliken industriell serienmäßig hergestellter Fahrzeug- und Motorenteile. Im Unterschied zu dem Vorgängermodell bestehen die Einzelkomponenten der „Mahjouba II“ vorrangig aus verchromtem Stahl und Neusilber, um dem Motorrad besondere Stabilität zu verleihen. Die Antriebstechnologie vereint Teile eines Caterpillar-Getriebes mit Elementen vom Wendegetriebe eines chinesischen Lastendreirads. „Mahjouba II“ wird über einen elektrischen Golden Motor mit 5 KW sowie mit vier Lithium-Eisenphosphat-Batterien angetrieben. Die Produktion des zweiten Prototyps basiert zu etwa zwei Drittel auf handwerklicher Fertigung durch das Atelierteam und zu etwa einem Drittel auf bereits bestehenden industriellen Komponenten. Das Motorrad soll in der nächsten Entwicklungsstufe Einzelelemente enthalten, die mit 3D-Druckern hergestellt werden. Verglichen mit dem ersten Prototyp wird die Form von „Mahjouba II“ vereinfacht, die Materialien weniger speziell und das Design auf lokale Anforderungen ausgerichtet. Van Hove sieht in seinem Kunstwerk das Potenzial der Nutzung als reales Fortbewegungsmittels, das reproduziert und weiterentwickelt werden kann. Bei beiden Prototypen stehen der Aspekt der lokalen Produktion und die Anwendung lokalen Wissens im Vordergrund.

Eric van Hove, Dorigin, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Ein weiteres Kunstwerk kam ebenfalls als funktionsfähiges Fortbewegungsmittel zum Einsatz und diente der Reise Eric van Hoves und einiger seiner Mitarbeiter von Marrakesch nach Frankfurt am Main. Die Arbeit „Dorigin” – nach dem französischen Begriff für das Wort „Ursprung“ – wurde aus Einzelteilen zehn verschiedener Mercedes-Benz-Fahrzeuge des Modells 240 D zusammengeschraubt. Das Modell war vor rund 40 Jahren als erster schneller Diesel eines der meistverkauften Autos in Deutschland. In der Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs stand dieses Fahrzeug für die Mobilität einer aufstrebenden Mittelschicht, bis es für überholt befunden, ausrangiert und in den afrikanischen Raum exportiert wurde. In den folgenden Jahrzehnten kam das Fahrzeug dort vorwiegend als Taxi zum Einsatz. Die unterschiedlichen Farben der Karosserie von „Dorigin” sollen dabei auf die Städte Marokkos verweisen, in denen der Mercedes als Taxi fuhr. Auch in Marokko steht die Marke Mercedes-Benz für Hochwertigkeit und exzellentes industrielles Design. So repräsentierte dieses Auto das Versprechen solider und zuverlässiger deutscher Technologie, die dank ihrer rein mechanischen Konstruktion von den Besitzern repariert, in Teilen nachgebaut und in ihrer Funktion erhalten werden konnte. Von van Hove wurde es in modifizierter Form und mit neuer Bedeutung auf der über 3.000 km langen Fahrt wieder an seinen Ursprungsort zurückgebracht, was eine filmische Dokumentation der Performance im Kunstverein anschaulich zeigt.

Bei den weiteren ausgestellten Objekten im Frankfurter Kunstverein handelt es sich um Produkte aus industrieller Massenfertigung, die van Hove und sein Team dank der Verwendung wertvoller Materialien und unter Einsatz hoch spezialisierter Kunsthandwerker nachbaute. Die Arbeit „D9T (Rachel’s Tribute)“, gefertigt aus 300 Einzelteilen und 44 Materialien, wurde von einem internationalen Team aus marokkanischen und indonesischen Handwerkern realisiert, sodass sowohl Materialien als auch spezifische Fertigkeiten und Wissen aus beiden kulturellen Kontexten zum Einsatz kamen. Das Ergebnis der Zusammenarbeit, ein maßstabsgetreuer Nachbau des Industriedieselmotors Cat C18 ACERT des Caterpillar Bulldozers D9T, widmete Eric van Hove der amerikanischen Menschenrechtlerin und Aktivistin Rachel Corrie, die 2003 in Gaza bei dem Versuch, die Hauszerstörungen in palästinensischen Gebieten durch einen D9 Caterpillar der israelischen Streitkräfte zu verhindern, erfasst und tödlich verletzt wurde. Zentral ist nicht allein die materielle Beschaffenheit oder die Funktion des ursprünglichen Objektes, sondern der Prozess der Übersetzung von einem seriell gefertigten Industriegegenstand in ein von einzelnen Individuen gefertigtes Unikat.

Der Titel der Ausstellung, „Atchilihtallah“, soll auf eine marokkanische Redewendung verweisen, die „Dies ist, was Gott uns gab!“ bedeutet und eine Haltung zum Ausdruck bringt, die auf Vertrauen und Zuversicht in das eigene Handeln und den Umgang mit Dingen beruht. Gleichzeitig kann es als eine Aufforderung verstanden werden, die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen und Fähigkeiten so schöpferisch und effizient wie möglich einzusetzen. Als Konzeptkünstler richtet Eric van Hove seinen Blick dabei auf gesellschaftliche Veränderungen im Spannungsfeld zunehmender Automatisierung. Welche Rolle spielt die lokale Produktion in einer globalisierten Wirtschaft? Welche Auswirkung hat die zunehmende industrielle Fertigung auf den Menschen und dessen handwerkliches Wissen? Indem er sich kritisch mit dem Wandel von Arbeit in einer technologisierten Welt auseinandersetzt, fokussiert er die soziale und sinnvolle Komponente von Arbeit. Van Hove und sein Kollektiv entwerfen und produzieren Gebrauchsobjekte, die den Anspruch an eine nachhaltige und zukunftsorientierte Produktion erfüllen. Ausdrückliches Ziel ist es dabei, die am Arbeitsprozess Beteiligten ins Zentrum zu rücken und damit den Wert ihrer Arbeit hervorzuheben. Van Hove arbeitet mit dem ihm eigenen künstlerischen Prinzip der Transformation. Er wählt Gegenstände aus, die für ein historisches und gesellschaftliches Phänomen stehen, um diese dann auf deren Bedeutung im Wandel der Kontexte hin zu untersuchen, transformiert beispielsweise einen Gebrauchsgegenstand zu einem Kunstwerk um und macht aus einem Serienprodukt ein Unikat. 

Die aktivistische Arbeitsweise von Eric van Hove basiert auf dem nomadischen Interesse des Künstlers, der gleichzeitig auf lokale und globale Fragen eingeht. Dazu passt, dass er sich nicht auf ein bestimmtes Medium festlegt. Seine konzeptionell-poetischen Interventionen verweisen auf soziologische, politische und ökologische Fragen. Die damit einhergehende Fremdheit scheint heutzutage immer unvermeidlicher. Die Anzahl derer, die im Besitz mehrerer Pässe sind, transnational gemischte Abstammungen aufweisen, täglich eine Sprache sprechen müssen, die nicht die Muttersprache ist, nimmt zu. In solchen Zeiten einer von Konkurrenz und Gegensätzen geprägten und damit auf Konflikten angelegten Gesellschaft alternative Formen der Zusammenarbeit und damit eines verbesserten Zusammenhalts unter den Menschen zu erforschen, scheint heute wichtiger denn je.

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erstellt am 30.12.2016

Eric van Hove

Ausstellung

Eric van Hove

Atchilihtallah – Von der Transformation der Dinge

11. November 2016 — 12. Februar 2017

Frankfurter Kunstverein

Eric van Hove, D9T (Rachel’s Tribute), 2015, Foto: Norbert Miguletz