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Nachhaltig einprägsam war der Abschluss der diesjährigen Kulturtage der Europäischen Zentralbank – mit dem Programm „Water Between Three Hands“ des DANCE ON ENSEMBLES, bestehend aus sechs Tänzern – drei Frauen, drei Männern. Allesamt starke Individuen und erfahrene Künstler inklusive des sie begleitenden Perkussionisten und Sounddesigners Philipp Danzeisen. Mit akustischen und rhythmischen Effekten wurden im Schauspiel Frankfurt Ruhe und Tempo, Spannung und unterhaltende Nachdenklichkeit auf die Bühne gebracht, berichtet Petra Kammann.

Europäische Kulturtage in Frankfurt

Klang, der bewegt

Die Choreografie des in Berlin lebenden libanesischen Crossover-Künstlers Rabih Mroué kreiste in dieser Aufführung um den Körper „als surrealistisches Objekt“, dem er mit den Mitteln von Sprache, aussagekräftigen Sounds und Bewegung beizukommen versucht. Damit hat Mroué Neuland betreten: Zum ersten Mal widmete er sich dem Tanz. Die Begegnung mit den vielseitigen exzellenten Tänzer und Tänzerinnen, die, allesamt über 40, jeweils eine besondere Karriere hinter sich haben, reizte ihn. Mit dem DANCE ON ENSEMBLE, das sich der Schönheit der Erfahrung widmet, thematisiert der Künstler die zarte Grenzlinie zwischen Fiktion und Realität, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Da die getanzten Choreografien Spuren im Körper der Tänzer und Tänzerinnen hinterlassen haben, konzentrierte Mroué sich darauf, den Kontext ihrer Bewegungserfahrung zu hinterfragen bzw. zu dekonstruieren, um sich dem Wechselspiel zwischen An- und Abwesenheit, zwischen Realität und Fiktion anzunähern.

Im Mittelpunkt der Arbeit „Water Between Three Hands“ stehen dabei die Themen Sterben, Verschwinden und Abschiednehmen. Indem man etwas, jemanden oder gar sich selbst verliert, bleibt etwas übrig und schreibt sich in unser Gedächtnis ein. Die Körper der Darsteller sind dabei die „Archive“, in denen sich diese fraglichen Abgrenzungen abgelagert haben. Statt einer erzählenden Handlung werden daher Fragmente gesammelt, deren Puzzleteile das Ganze des nicht mehr Existierenden aufscheinen lassen. Der Spuk des Alterns wird in albtraumhaften Passagen über Vergänglichkeit, Erinnerung, Verzerrung und Verfremdung der Wahrnehmung beschrieben. So bewegen sich die Tänzer, was bisweilen ungelenk und verdreht erscheint, auf den Spuren eines ehemals existierenden Bildes und tragen, wie es der Titel nahelegt, Wasser, das durch ihre Hände rinnt. Eine kleine Gruppe von Tänzern erkundet den Bühnenraum neu und pendelt zwischen Mikrofon und Tanzfläche hin und her, unterbrochen von gelesenen Texten. Im künstlerischen Austausch beziehen sie dabei auch den Schlagzeuger und Sounddesigner Philipp Danzeisen mit ein, der wiederum eigens für ihre Bewegungsabläufe die Musik komponiert hat.

Das im Schauspiel Frankfurt aufgeführte „Water Between Three Hands“ lebte also von der Ausstrahlung und von der Darstellungskraft eines Ensembles, das mit international renommierten Choreografen und Regisseuren wie William Forsythe gearbeitet hat. Der künstlerische Leiter und Tänzer des DANCE ON ENSEMBLE, Christopher Roman, die in Berlin geborene Brit Rodemund, Ami Shulman aus Südafrika, die Basken Jone San Martin und Amancio Gonzalez brachten etwa noch ihre Erfahrungen mit Rudolf Nurejew, George Balanchine, Marie Chouinard oder Maurice Béjart ein.

Mroué, der eher der bildenden Kunst als dem Tanz nahe stand, hat mit Hilfe seines Tänzersextetts ein Notizbuch geschrieben, in dem alles festgehalten ist – von der Arbeitsweise bis zu dem, was die Tänzer bis heute beschäftigt: Albtraumhaftes, Skurriles, Bewegendes, Witziges. So entstand aus dem Archiv der Erinnerungen der Tänzer und ihrer Körper eine Collage als Lehrstunde, welche zunächst die Verrenkungen statt fragiler tänzerischer Anmut auf der Bühne pathologisch erscheinen lässt. Dafür bekommen die Tänzer eine Stimme. Sie artikulieren und demonstrieren, was das Alter mit ihnen macht, und wenden ihre Erfahrung ins Gereifte: „Nach unserem Verständnis ist Alt-Sein kein fest definierbarer, in seiner Formung abgeschlossener Zustand. Vielmehr ist das Älter-Werden eine jedem Menschen zuteil werdende stete Weiterentwicklung und Wandlung, die darauf hindeutet, dass wir immer in Bewegung sind.“

Bemerkenswert, wie traumwandlerisch passend dazu der Perkussionist Philipp Danzeisen die schlagkräftigen rhythmischen Töne, bisweilen gescratchten Geräusche, bisweilen Pianissimi einsetzte, die eine große Stille beim Publikum auslösten. Völlig selbstverständlich nahm er die Bewegungen der Tänzer auf, echote sie oder sprang mit seinem Schlagzeug mit seinem Solo in den Stillstand auf der Bühne ein. Man war sofort gespannt, als er mit einem grandiosen Trommelfeuer die Szene eröffnete. Nach dem eher theoretischen Verlesen der Notizen schaffte das einen unmittelbaren Drive auf der Bühne. Und dann trug sein Spiel so virtuos und einfühlsam die 75-minütige Performance und verzahnte so die bewegliche Collage der verschiedenen Tänzerstatements.

Anders als die Tänzer, die nach wie vor ständig im Team arbeiten, wurde Philipp Danzeisen von DANCE ON als freier Live-Musiker hinzugezogen. Wie man sich eine solche Zusammenarbeit vorstellen müsse, wollte ich wissen. Da wurde in Berlin in den Ufer-Studios gleich der Ernstfall geprobt. Die Choreographie stand in gewisser Weise schon, denn die Tänzer hatten schon eine ganze Weile miteinander geprobt. Und dann ist er einfach mit seinem Schlagzeug in die Halle gekommen, hat sich eine Szene angeguckt und sofort angefangen, dazu zu spielen. „Danach hab ich mir den Tanz und die Solos angeschaut. Wenn Du so willst, sind die Tänzer selbst die Partitur. Wenn man mit ihnen agieren soll, dann agiert man halt mit ihnen. Das gibt die Längen, die Zeiten und den Rhythmus vor. Ich beweg mich und die Tänzer bewegen sich. Zusammen ergibt es dann eine auditiv-visuelle Wahrnehmung.“ Manchmal sucht er zu dem, was er sieht, etwas Passendes. „Die Orchestrierung oder eine andere Spielweise mit dem Sound, der mit dem Computer erarbeitet wird, der braucht natürlich einen gewissen Vorlauf. Man sucht nach Klängen, die man zum Spielen für geeignet hält. Und dann schaut man, ob das mit dem zusammenpaßt, was man vom Tanz, von den Bewegungsabläufen auf der Bühne sieht.“ Natürlich ist nicht einfach alles freie Improvisation. Es gibt ein Ablaufsheet von der Vorstellung. „Da waren in den letzten 10 Minuten der Vorstellung zum Beispiel vier Variationsmöglichkeiten. Dann sage ich dem Tonmann ins Mikrofon, dass er diese und jene Einstellung am Computer vornehmen muss, damit ich weiter spielen kann, während sich die Sounds ändern.“ Der Tonmann hat ein i-Pad und kann die Computereinstellungen auf der Bühne dann verstellen. Und die Variationsmöglichkeiten sagt er ihm über Kopfhörer zu. „Die Körper haben ja doch ein ganz spezielles Potential, sich auch in der Aufführung weiter zu bewegen.“ Verblüffend, dass Danzeisen am Ende fast genau das Material genutzt hat, das er schon im ersten Durchlauf dazu gespielt hat. „Das hat sich dann gefestigt. Da mache ich kein Konzept, das mache ich ganz intuitiv.“

Schön, dass es die Europäischen Kulturtage der EZB gibt, die solche künstlerischen Experimente erlauben. Auch das ist ein Stück gelebter europäischer Kultur, wenngleich deren Verkehrssprache trotz Brexit nun mal das Englische war und einigen im Publikum dadurch das ein oder andere entging…

Kommentare


Peter Albert - ( 29-12-2016 05:27:07 )
Schade, dass es in Frankfurt nur eine Aufführung gab.

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erstellt am 27.12.2016

DANCE ON, Aufführung im April 2016 (Screenshot)

Weitere Informationen

DANCE ON

DANCE ON, eine Initiative von Diehl+Ritter, welche sich mit der künstlerischen Exzellenz von Tänzerinnen und Tänzern über 40 beschäftigt, will das gewohnte Bild vom Tanz, für das die Jugendlichkeit der Tänzer im Fokus steht, verändern, allerdings ganz anders als im Tanztheater von Pina Bausch, wo die Companie auch eigens Stücke für ältere Tänzer entwickelt hat wie „Kontakthof – Damen und Herren ab 65“. Es gibt kaum Choreografien, die den veränderten physischen Bedingungen älterer Tänzer gerecht werden. Äußerst selten auch werden selbst hoch professionelle Tänzer über 40 beschäftigt. Dies ist nicht nur ein Verlust für den Tanz, sondern auch für die Gesellschaft, die sich in ihrem Alterungsprozess zwangsläufig mit der Erfahrung des eigenen Körpers beschäftigen muss. Die geschulten Tänzer haben aber die Fähigkeit, mittels ihrer Erfahrung die geistige und emotionale Tiefe des choreografischen Materials ganz anders zu erschließen als blutjunge Tänzer. Sie können auf der Bühne eine andere Präsenz entwickeln und ihr Tanz kann im Alter zur wahren Größe und Geste reifen.

Europa Kulturtage 2016

Perkussionist Philipp Danzeisen im Probenraum, Foto: Petra Kammann