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Michael Krügers Gedichte aus vierzig Jahren versammelt der kürzlich erschienene Band „Hellwach gehe ich schlafen“. Eine „Elegie auf die verschwindende Sichtbarkeit der Welt“ nannte Friedmar Apel einmal die Gedichte Krügers. Besser kann man diesen Abgesang auf eine sich verflüchtigende Kultur nicht beschreiben, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Michael Krüger: »Hellwach gehe ich schlafen«

Pünktlich zu seinem vierzigjährigen Dienstjubiläum als Dichter hat ihm der Suhrkamp-Lektor Hans-Ulrich Müller-Schwefe eine Sammlung seiner Gedichte zusammengestellt: „Hellwach gehe ich schlafen. Hundert Gedichte“. Eine Auswahl aus elf seiner Gedichtbände, die zwischen 1976 und 2013 bei verschiedenen, darunter auch kleinen Verlagen erschienen sind.

Michael Krüger, 1943 in Wittgendorf, Kreis Zeitz geboren, 55 km von Apolda / Thüringen entfernt, ist als Schwungrad im Literaturbetrieb, weit über diesen Betrieb hinaus, bekannt geworden, als Verleger des Hanser Verlages, als Herausgeber der Edition Akzente, der Literaturzeitschrift Akzente, als Übersetzer, als Kritiker, als Erzähler, als Juror, Sammler und Initiator, schließlich vom Bundespräsidenten höchstpersönlich im Januar 2014, in einem feierlichen Staatsakt im Schloss Bellevue mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet und in den Ruhestand verabschiedet. Ohne, wie sich gezeigt hat, an Aktivitäten nachzulassen. Seit 2013 ist er auch noch Präsident der Bayrischen Akademie der Schönen Künste geworden. Viel Ehr, wenig Feind trotz alledem, und zurecht. Denn Krüger ist ein Phänomen. Alle diese Aktivitäten, dazu kommen ja noch massenhaft Lesungen und Veranstaltungen aller Art, Vor- und Nachworte, das alles sind, selbst wenn man nur die „Hundert Gedichte“ aus den letzten vierzig Jahren betrachtet, Nebentätigkeiten gewesen und geblieben. Krüger ist vor allem Dichter.

„Ich bin schon lange unterwegs. Meine Schuhe / haben den Kieseln das Epos der Straße entlockt, / dem Asphalt sein öliges Seufzen. Stets bin ich / auf Wegen gegangen, die andere angelegt haben, / jeder Stein eine Erinnerung an frühere Wanderer.“ („Rede des Reisenden“, aus dem Band „Kurz vor dem Gewitter“, 2003) Er balanciert von allem Anfang an auf dem schmalen Grad von sinnlicher Wahrnehmung, genauer Beobachtung und Reflexion. Krüger läuft mit offenen Augen und scharfem Verstand durch die Welt. Er ist aber nicht nur ein gelehriger, er ist vor allem ein gelehrter Dichter, dessen Blick auf die Gegenwart vom Wissen um die Tradition gelenkt wird. Dieser Band lässt sich nicht als Chronik der vergangenen Jahrzehnte lesen. Denn seine Diagnosen sind nicht zeitgebunden. Sie greifen tiefer.

„Wieder in Rom, im Wegkreuz, im Stein. / Wieder der kopflose Apoll vor dem Fenster, / der ausweglos Schreitende, mit einem Helm / aus Schnee auf der ewigen Wunde.“ („Eine Vorrede“, aus „Die Dronte“, 1984).

Er ist nicht nur mit der Welt, so wie nun mal beschaffen ist, sichtbar unzufrieden. Er, das heißt dieses, wie man da sagt, „lyrische Ich“. Vieles von dem, was Krüger in den letzten Jahrzehnten geschrieben hat, lässt eine autobiographische Grundierung erkennen. Gerade deshalb sollte dieses „Ich“ nicht mit dem Autor verwechselt werden.

„Eine Geschichte aus der Geschichte / der Not, die auf etwas hinauswill: / Ich wollte nicht sein, wer ich war, / und ich will nicht sein, der ich bin.“ („Brief ohne Absender“, aus „Ins Reine“, 2010) Vielleicht ist das der Antrieb gewesen, der Krüger zum Schreiben gebracht und am Schreiben gehalten hat. Rast- und ratlos. Eine „Elegie auf die verschwindende Sichtbarkeit der Welt“ nannte Friedmar Apel einmal die Gedichte Krügers. Besser kann man diesen ebenso gedankenreichen, wie wehmütig realitätsgesättigten Abgesang auf eine sich verflüchtigende Kultur nicht beschreiben.

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erstellt am 23.12.2016

Michael Krüger
„Hellwach gehe ich schlafen“
Hundert Gedichte. Ausgewählt von Hans-Ulrich Müller-Schwefe
Broschur, 165 Seiten
ISBN: 978-3-518-46722-0
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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