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Als es noch Tonbänder gab, bemerkte der amerikanische Komponist Steve Reich, dass das gleiche Stück, gleichzeitig auf zwei Tonbandgeräten abgespielt, nicht synchron blieb. Die graduelle Verschiebung klingender Strukturen blieb seitdem die Basis seines Schaffens. Dass die Übertragung solcher Mechanik auf die Spieldisziplin von Musikern absurde Züge trägt, hört Hans-Klaus Jungheinrich in Aufnahmen der Klaviermusik von Steve Reich, Terry Riley, nicht aber von Alberto Ginastera.

CD

Sieben Klaviere und die Zeit

Steve Reichs berühmt-berüchtigtes Klavierstück „Six Pianos“ und Terry Rileys „Keyboard Study No.1“ auf einer CD – das ist nicht weniger als eine minimalistische Attacke auf das Nervensystem des empfindsamen Hörers. Er (oder vielmehr sein robusteres Gegenstück) wird sich dem Anschein einer maschinenhaften Seelenlosigkeit (na ja, ein typisches Totschlagwort aus der Mottenkiste verbilligter romantischer Ästhetik) indes gelassen aussetzen und ins Nachdenken kommen. Umso mehr, da er die Akteure nicht bei der Wiedergabe-Arbeit „live“ sieht und vernimmt, verstärkt sich in ihm der Eindruck einer völlig automatisch vonstatten gehenden Prozedur, eines wie auf Knopfdruck angestellten und auch wieder abrupt verstummenden Klangkorpus‘ bei Reich. Die Riley-Studie (sie wird von einem einzigen Pianisten exekutiert) klingt anders aus – nach einem verwischenden Hall (Klangbearbeitung: Lukas Vogel) taucht sie gewissermaßen in eine andere Dimension ab – wie um dort in Unhörbarkeit potentiell ewig weiter zu tönen. Natürlich geht es bei beiden Stücken nicht um „gestaltete“ Zeit. Die aktuell tatsächlich erreichte Dauer, in beiden Fällen rund 20 Minuten, erscheint als rein willkürlich. Die mittleren Formate appellieren aber dennoch an so etwas wie „Erlebniszeit“ – so vergessen die Hörer auch im Banne dieser Musik nicht ganz die vergehenden Minuten. Diese spiegeln sich aber nicht in einer musikalischen Entwicklung. Beide Stücke benutzen repetitive Klangfloskeln. Das tapetenmusterartig Gleichbleibende der Klangemission – und das ist ebenso radikal wie faszinierend – widersteht aber weithin dem Sog der Zeit, so dass man nicht von einem „Werk“, sondern eher von einem „Werkstück“ sprechen möchte, einem quasi räumlich situierten Gegenstand wie einem fein gemaserten, polierten Holzteil oder jener rätselhaft metallisch in die Urwelt versetzten glatten Stele aus Stanley Kubricks Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ im wechselnden Abendlicht. Dabei bleiben die akustischen „Maserungen“ der gleichförmig insistierenden Klangoberflächen unauffällig und fast unmerklich – auch in dieser Beziehung wird Zeit suspendiert, wird der Unterschied zwischen Jetzt und Später nicht zum Bestandteil eines „sinnvollen“ musikalischen Ablaufs, sondern eher zum Modus des über einen Gegenstand im Raum gleitenden Blicks. Zweifelsohne ist die in Amerika entstandene minimal music, wie sie seit den 1960er Jahren von Reich und Riley betrieben wird, ein kompositorisches Äquivalent zur Popart und ihren „seriellen“ Strategien, wie sie unter anderen Andy Warhol einführte. (Mit der aus der Reihentechnik der Zwölftonmethode hervorgegangenen „seriellen“ Kompositionsweise um 1955 hat die minimal music allerdings gar nichts zu tun). Die CD verzichtet auf jede Art von kommentierender Werkeinführung, gibt aber mit einigen graphischen Hinweisen auf die Optik der Popart hinreichendes Assoziationsmaterial.

Ein Moment von Surrealismus

Sechs Pianisten auf sechs Klavieren, das ist versechsfachte Manpower. Beim Anhören drängt sich freilich auch die simulierte Tatsache einer vervielfachten (elektronischen) Verstärkung auf. Denn es gibt hier keine interpretatorischen Individualitäten zu bewundern; dagegen walten koordinierte Energiemassen. Ein Moment von Surrealismus reicht in diese Manifestationen hinein, wenn man bedenkt, dass die minuziös entpersönlichte Muskelkraft dazu aufgeboten wird, ein mit gewöhnlichen Verstärkungsmitteln viel leichter zu erzielendes akustisches Ergebnis zu erreichen. Das Zuhören wird einer Inadäquatheit inne – ist Kunst in einer technologisch fortgeschrittenen Ära nicht ohnedies oft ein Ergebnis zweifelhafter Produktionsweisen, an denen sie aus irgendwie „humanistischen“ Motiven festhält? Hochtrainierte Klaviermatadoren unterziehen sich der nahezu absurden Aufgabe, Maschinen zu imitieren, Maschinenarbeit als womöglich menschlichen „Ausdruck“ darzubieten. Menschlich Maschinen-Mimesis. Mitunter wurde minimal music auch als Kritik einer mechanisierten (Fließband-) Arbeit gedeutet. Angesichts inzwischen weithin enttaylorisierter, vermeintlich humaner gewordener Arbeitsformen mutet die Ästhetisierung des sturen Gleichmaßes vielleicht eher als retrospektiv an – die „hässlichen“ Gesichter der Ausbeutung von gestern werden zu (nostalgisch?) genossenen Schönheiten von heute. Nun, wahrscheinlich ist diese Folgerung übertrieben. Ein pures Genießen ist weder bei Reich noch bei dem etwas zurückhaltenderen, quasi meditativen Riley kaum möglich. Es bleibt ein Stachel. Gewiss geht er auch von dem Angriff auf das Zeitgefühl aus, das „verräumlichte“ Stücke dieser Art auslösen. Jedenfalls bewundernswert, wie sich sechs hervorragende, sozusagen zu strenger emotionaler Askese verdonnerte Klavierspieler, jeder für sich, hinsetzten, um ihren Beitrag zu einer Kollektivwiedergabe zu leisten, die dann von Jan Brauer in den Berliner Gym Studios zu einer Einheit zusammengemixt wurde. Die Pianisten: Daniel Brandt, Hauschka, Paul Frick, Erol Sarp, John Kameel Farah, Gregor Schwellenbach. Letzterer, der Initiator der Edition, figuriert auch als alleiniger Exekutor der Studie von Riley.

Und noch ein Klavier! Wenn man nach den kalten Klaviergewittern aus der minimal-Galaxis nun die Ginastera-CD von Michael Korstick auflegt, scheint es zunächst kaum einen Unterschied zu geben. Die „Danzas Argentinas“ werden ebenfalls überwiegend von motorischen Impulsen gespeist, das Vorbild Strawinsky ist unüberhörbar. Nach und nach ergibt sich dann aber doch so etwas wie virtuose Normalität – der vielseitige und wandlungsfähige südamerikanische Komponist bestreicht ein großes Terrain zwischen folkloristisch getönten spätromantischen und rhythmusbetont „modernen“ Idiomen. Zwölf unterschiedlich gewichtige Werke Ginasteras füllen die Scheibe randvoll. In den beiden Sonaten (1 und 3) zeigt er sich übrigens als Meister eines auch thematisch-motivisch ausdifferenzierten Tonsatzes. Die neue CD ist auch ein abermaliger Triumph der interpretatorischen Kunst von Michael Korstick, der insbesondere als Lisztspieler schon unter Beweis stellte, dass es für ihn keinerlei Bewältigungsprobleme bei hochkomplexer, technisch das Äußerste fordernder Klaviermusik gibt.

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erstellt am 21.12.2016

Steve Reich
Steve Reich, 1976, Foto: Hans Peters / Fotocollectie Anefo. Nationaal Archief, Den Haag

Steve Reich: Six Pianos; Terry Riley: Keyboard Study No. 1
Gregor Schwellenbach u.a.
Film Recording Com, Film CD002

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Michael Korstick (Klavier) plays Alberto Ginastera
cpo 555 069-2

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