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Mutig und übermütig geht er mit der Form um, mit melancholischem Witz und enormer Erfahrung balanciert er seine Poesie über den aktuellen und ewigen Abgründen. Kurt Drawert hat sich mit seinem Großgedicht „Der Körper meiner Zeit“ als empfindsames Medium unserer Gegenwart gezeigt. Bernd Leukert schätzt seine Kunst der lyrischen Reflexion.

Kurt Drawerts Gedichtband »Der Körper meiner Zeit«

Sehr gerne fremd

Thema habe ich gerade nicht. Ich schreibe dennoch weiter und so./ Irgendwann taucht es auf. Oft dann, wenn es stört.

Gemessen daran, dass er seine Schreibschule in Darmstadt unterhält, die „Lesebühne“ im dortigen Literaturhaus moderiert und unentwegt als Herausgeber tätig ist, hat der Autor Kurt Drawert in den letzten Jahren nicht gerade wenig an die Öffentlichkeit gebracht. Auf die Sammlung von Gedichten aus drei Jahrzehnten Idylle, rückwärts aus dem Jahr 2011 folgte 2012 Schreiben. Vom Leben der Texte, eine Poetik ohne Regelwerk, eine profunde Beschreibung der Bedingungen und Techniken des Schreibens. Im selben Jahr der Band Provokationen der Stille. Kritiken und Essays zur Literatur 1994–2011. 2015 Spiegelland. Roman, Prosa, Material. Und Was gewesen sein wird. Essays 2004 bis 2014. 2016 räumte ihm die Zeitschrift MATRIX zum 60. Geburtstag eine umfangreiche Dokumentation eigener Werke ein, dann folgte das Gedicht Der Körper meiner Zeit, zu dessen Fertigstellung er 2014 den Robert-Gernhardt-Preis, (damals noch mit dem Arbeitstitel Verständnis und Abfall) erhielt.

Tatsächlich kann man dieses Geflecht aus Beobachtung, Befragung und Selbstbefragung mit seinen entdeckenden Sinnverschiebungen als poetische Zeitdiagnose ansehen. Aber warum ist eine Sammlung von 89 (zusammen mit der ereignislosen Fotoerzählung Blicke auf nichts: 90) römisch durchnummerierten Gedichten, die sich in fünf Teile gliedern, ein Gedicht? Vielleicht weil sie, wie im Spiegel von Gaspara Stampas Sonetten, von einem starken Motiv zusammengefasst sind, der Liebesverzweiflung. Doch anders als die Venezianerin nimmt der Dichter aus Brandenburg, der seit 1996 in Darmstadt wirkt, alle Nuancen seiner Lebenswelt zum Gegenstand seiner Kunst.

Kurt Drawerts Lyrik ist sich für nichts zu fein. Ihr Fluss nimmt den Schlamm und die Steine vom dunklen Grund ebenso auf wie das Laub, das der Wind auf seiner Oberfläche zusammentreibt, oder den Müll, den er an seinen Ufern mitreißt. Da kann schon mal eine ‚Betriebswirtschaftsfachfrau’ zwischen Zitate von Wittgenstein und Rilke Platz finden oder der Hinweis auf die verstorbene Oma mit bibliographischer Angabe: … Auch tot. Einfach so. Von// dem einen auf den anderen Schlager. Sanft. Freundlich und/ friedlich. Wie die Rev. 89. Ich habe geschrieben darüber (->/ München, ISBN-Nr.: 978-3-406-61263-3, S. 171). …

Die integrative Macht der Zweizeiler, Terzette, Quartette und Quintette lässt die heterogenen Gegenstände zwanglos zueinander treten, die Alltags-Niedrigkeiten zum Tod des Vaters, der Ärger mit dem Finanzamt, der Streit mit der Nachbarin Müller, die Schuldenbescheide zu Wittgenstein, Pegida, Sturmgewehr G 36 zu Rilke, Siri, die Endlichkeit der Liebe zu Hölderlin und die Demonstranten am Taksim, Plato, Syrien, Beckett, Sex und Libido zu Luther und Bruno, die Attentate im Pariser Fußballstadion, Majakowski, Vallejo und Hegel zum 13. Januar 2016, dem Tag des Anschlags in Istanbul: Jeder Tag ab heute ist seit gestern der letzte. Durchsetzt mit abgewandelten Formeln und Spruchweisheiten (Alles, was du verschweigst, kann gegen dich verwendet werden.), die mal zur Belehrung, mal zur Selbstbelehrung neigen, werden Wahrnehmungen notiert, die in oft aphoristischen Reflexionen ihren Sinn suchen: Ich bin sehr gerne fremd und verstehe am liebsten kein Wort./ So kann, was eine Nichtigkeit ist, wesentlich werden, und was/ als Lüge gemeint war, berührt seine Wahrheit in meinem Miss-/ verständnis.

Bei aller Melancholie oder resignierender Stimmung ist diese auf eine alltägliche Weise weltläufige Poesie aber auch von komischen und komödiantischen Wendungen durchzogen, von Scherz und Witz, oft von bösem Sarkasmus. Eben zitiert er noch Lacan, schon greift er parodistisch in die Kiste des hohen Tons: … Dann war es schlagartig dunkel, und auf die sanften/ Brüste der Erde legte sich die Seide des Tages und ließ/ die Farben der Liebe noch einmal prächtig erblühen,// so im zarten Rosa der letzten Saison – hier, im Modehaus/ next to the cemetery.
So nebenbei zeigt er uns seine meisterliche Beherrschung unterschiedlicher Stile und poetischer Techniken, die er aus den Rissen einer depressiven Stimmung hervorblitzen lässt und mit einer komischen Volte vorführt: … Gestern, als ich zu Merz nach Aarau fuhr und der Zug kam/ an, so stolz wie ein Schwan, wenn er auf Seerosen landet …

Es ist diese Leichtigkeit, die so schwer zu machen ist und über die Abgründe hinweghebt. Manchmal ist sie selbst absturzgefährdet, wie der Autor selbst am besten weiß: … Ich bin, wenn ich albern, dumm/ und zweifel-/haft werde, nervlich meistens am Ende. Einfach zum Zusammenfalten alt. …

Die Aufgabe herauszufinden, was da alles mittelbar oder unmittelbar mitzitiert ist, mag eines Tages fleißige Literaturwissenschaftler begeistern. Wir können uns damit begnügen, die vertrauten Worte im fremden Kontext vorbeiziehen zu sehen. Und auch die Diskussion, was da jetzt noch an Gedicht erinnere, wenn einem die Modellformatierung nicht ins Gesicht springt, mögen andere führen. Das artistische Tänzeln auf dem Rücken der Sprache aber, die behend-pointierten Szenenwechsel und die souveräne Inszenierung des Persönlichen, die dem Buch mit seiner Themenvielfalt eine Geschlossenheit verleihen, ist jedem, der für Poesie empfänglich ist, ans Herz zu legen.

Die verlorene Liebe und die letzten Dinge sind Leitmotive des Gedichts, aber auch Fliegen und immer wieder Hunde werden mit berührenden Portraits bedacht. Ob es Yaris, der treue Gefährte in Istanbul, oder irgendein kontaktnehmender Straßenhund ist, Drawert bringt ihm Respekt entgegen. Auch ein Argument, das Buch zu empfehlen: Er schreibt gut über Hunde. Um es abzurunden: uns bleiben nur noch die Adjektive,/ und die kosten Geld. – Nur eines der Gedichte vor dem Einschlafen, und die Synapsen werden die ganze Nacht beschäftigt sein und kommen nicht auf dumme Gedanken.

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erstellt am 20.12.2016

Kurt Drawert
Der Körper meiner Zeit
Gedicht
Gebunden, 205 Seiten, mit 96 Abbildungen
ISBN: 9783406698019
C.H. Beck, München 2016

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Kurt Drawert
Schreiben. Vom Leben der Texte
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 9783406639456
C.H. Beck, München 2012

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