Was wurde aus Ochs und Esel, als die Heilige Familie auf der Flucht vor den Häschern des Herodes nach Ägypten aufbrach? Die Wege der beiden Tiere bleiben dunkel, doch gibt es Vermutungen: Eine weihnachtliche Spurensuche in Kunst und Literatur von Jasmin Behrouzi-Rühl.

Eine Spurensuche in Kunst und Literatur

Was aus Ochs und Esel wurde

Wer einmal in Florenz in der Kirche Santa Trinita vor Ghirlandaios Anbetung der Hirten (1482–85) gestanden hat, wird nicht nur von der gesamten Darstellung gebannt sein: Er wird auch den Ochsen und den Esel nicht mehr vergessen. Fast genau in der Bildmitte ist es besonders das schwarzglänzende große Auge des Ochsen, das den Betrachter fixiert und fesselt, während der Esel an Maria vorbei auf einen am Boden liegenden Sattel zu schauen scheint.

Ähnlich berührend ist auch Filippo Lippis Darstellung der Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten im Chor des Doms von Spoleto: In der unteren Bildmitte des Freskos stehen Ochs und Esel zentral, leicht einander zugewandt, der Ochse reckt ein wenig seinen Kopf zum Kind. Der Stall von Bethlehem ist umgeben von den Hügeln und Ebenen Umbriens, wie sie sich gen Norden von Spoleto über Assisi nach Perugia ziehen. Das doppelte, geflochtene Holzgatter, über das sich bei Filippo Lippi Ochs und Esel hinüberbeugen, ist das gleiche, das der Besucher noch heute leibhaftig in Wald und Flur findet, zum Beispiel am kleinen Eremo delle Carceri, den der heilige Franz oberhalb von Assisi einst bewohnte. Es war Franz von Assisi, der 1223 erstmals lebende Krippen nachstellte, mit echten Menschen und vor allem: mit Ochs und Esel! Ohne sie wäre eine Weihnachtskrippe nichts.

	  Filippo Lippi, Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten im Chor des Doms von Spoleto
Filippo Lippi, Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten im Chor des Doms von Spoleto

Von Beginn an, schon seit dem 4. Jahrhundert, sind Ochs und Esel in der bildenden Kunst beim neugeborenen Kind zu sehen, indem sie es mit ihrem Atem wärmen. Meistens sind der rote Ochse und der graue Esel auch zentral in der Bildmitte zu finden, und den Liebhabern dieser beiden oft so seelenvoll dargestellten Tiere will es scheinen, als sei die Bildperspektive häufig auf sie ausgerichtet oder ginge gar von ihnen aus. Dabei finden sich Ochs und Esel in der Weihnachtsgeschichte weder bei Lukas noch bei Matthäus. Wie kamen die beiden aber in die Darstellungen der Geburt Christi hinein? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir in der Bibel ein bisschen nach vorne blättern und im Alten Testament lesen. Genau das taten auch die griechischen und lateinischen Kirchenväter, als sie sich Gedanken über die Geburt Christi machten: Sie fanden einen Ochsen und einen Esel beim Propheten Jesaja (1,3): „Der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn. Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.“ Und bei Habakuk (3,2) fanden sie die Prophezeiung: „Inmitten zweier Lebewesen wirst Du erkannt werden.“ Die beiden Lebewesen wurden häufig auf die zwei neben Jesu gekreuzigten Schächer bezogen. Doch es gab auch Kirchenväter, die sie mit Christi Geburt in Verbindung brachten. Am Ende dieser Entwicklung steht das im Mittel­alter gut bekannte apokryphe Kindheitsevangelium des Pseudo-Matthäus, worin uns die Geschichte so erzählt wird, wie wir sie kennen: „Am dritten Tag der Geburt unseres Herrn Jesu Christi ging die allerseligste Jungfrau aus der Höhle heraus, begab sich in den Stall und legte ihren Knaben, den Ochs und Esel anbeteten, in eine Krippe. […] Sogar die Tiere, Ochs und Esel, zwischen denen er (der Knabe) lag, beteten ihn unaufhörlich an.“

So haben die beiden treuen Tiere als allererste den Herrn erkannt, lange vor oder sogar im Gegensatz zum Volk Israel. Menschen, die eine Krippendarstellung betrachten, müssen sich also im Grunde diese beiden Wesen zu Vorbildern nehmen. Damit erklärt sich, wieso Ochs und Esel so oft im perspektivischen Zentrum stehen.

Dem Kirchenvater Origenes (etwa 185–254) fiel dazu noch mehr ein: „Der Ochse ver­sinnbildet das Volk der Juden, der Esel das Volk der Heiden“ (in Luc. Hom. XIII). Letztlich steht der Ochse als Opfertier auch für das Opfer Jesu am Kreuz, so wie der Esel auf die Eselin verweist, mit der Jesus nach Jerusalem reiten wird, wo er gekreuzigt werden soll.

Doch uns interessiert hier weniger die Frage, wie Ochs und Esel in den Stall nach Bethlehem gekommen sind, als vielmehr die Frage: Wo gingen sie hin? Denn: Wem die über Jahrhunderte von Künstlerhand so herzvoll dargestellten Tiere nahegehen, der fragt sich: Was wurde aus Ochs und Esel, als die Heilige Familie auf der Flucht vor den Häschern des Herodes nach Ägypten aufbrach? Auch mit dieser Szene, der Flucht nach Ägypten, haben sich zahlreiche bildende Künstler befasst: Meist sehen wir Josef zu Fuß mit dem Wanderstab und Maria mit dem Kind im Arm auf einem Esel reitend. Die Schlussfolgerung, dass Josef für die junge Mutter einfach den Esel gesattelt hat, der in der Krippe stand, liegt nahe. Tatsächlich sieht man auf vielen Darstellungen der Geburt Christi seit der Renaissance am Rande des Geschehens auch einen Sattel liegen, der natürlich schon vorausweisen soll auf die Flucht. Dienten aber der Sattel und damit auch der Esel womöglich schon der schwangeren Muttergottes auf dem Weg von Nazareth nach Bethlehem? Dazu würde passen, dass das Protoevangelium des Jakobus von einer „Ochsenkrippe“ spricht. Der Ochse wäre demnach schon da gewesen, als der Esel mit Maria und Josef ankam. Dem widerspricht aber der kühne Erklärungsversuch des Jacobus a Voragine in der Legenda aurea von 1264: Demnach habe Josef beide Tiere auf dem Weg nach Bethlehem mit sich geführt: Der Ochse sollte verkauft werden, um Bargeld für den Lebensunterhalt der Heiligen Familie zu bringen.

Wie auch immer: Es gibt keine historischen Quellen, die den Verdacht erhärten, dass der Esel in der Krippe derselbe ist, der auch Maria auf der Flucht nach Ägypten trug. Und was aus dem Ochsen wurde, sagt uns niemand. Es ist die Kunst, die weiterhilft: So amüsant wie herzlos erzählt uns nämlich Otfried Preußler (1923–2013), der Kinderbuchautor, in seinem einzigen Buch für Erwachsene die Geschichte von Ochs und Esel zu Ende. Er hat sich speziell des „königlich böhmischen“ Teils der Flucht angenommen. Schalk, der er war, erklärt uns Preußler, dass der „Weg von Bethlehem nach Ägypten […] damals, in jenen heiligen Zeiten, durchs Königreich Böhmen geführt haben“ muss. Schließlich gebe es zahlreiche Amtspersonen (sowie die beiden böhmischen Großmütter des Autors), die bezeugen, dass Maria und Josef mit dem Jesuskind auf dem Esel durch Böhmen hindurch kamen. Und so erfahren wir von Preußler, wie eben unser bethlehe­minischer Esel im Stall als Reittier für die Reise genommen wird und wie sogar zuvor noch in diesen Esel der Erzengel Gabriel hineingefahren ist, um Maria und Josef auf ihrer beschwerlichen Flucht nach Ägypten den richtigen Weg zu weisen.

Doch was geschah mit dem Ochsen? Otfried Preußler belastet die Seelen der Liebhaber von Ochs und Esel sehr, indem er ausführt, dass die Soldaten des Herodes nach ihrem abscheulichen Kindermord von Bethlehem auch noch den Ochsen abgestochen und aufgegessen haben. Nach all dem Heilsgeschehen an der Krippe, nach all den tausend Darstellungen von Ochs und Esel, die der Besucher von Kirchen, Klöstern und Museen auf allen Bildern der Weihnachtsgeschichte gesehen hat, ist dieses Schicksal des Ochsen für ihn nur schwer zu ertragen. Wie beglückt ist er da, wenn er plötzlich in Pieter Bruegels des Älteren volkreicher und ins verschneite Flandern verlegten „Volkszählung in Bethlehem“ (1566) neben Mann und Frau mit Kind auf dem Esel den Ochsen dahertrotten sieht!

Pieter Bruegel der Ältere „Volkszählung in Bethlehem“ (Ausschnitt) (1566)

Und wie erfreulich ist es weiter, auch im Dom von Como auf der von Gaudenzio Ferrari (ca. 1523–26) gemalten „Flucht nach Ägypten“ den Ochsen einträchtig neben dem Esel zu sehen, ebenso wie bei Jacob Jordaens, der sich 1640 die Freiheit nimmt, den Ochsen nicht rot, sondern schwarz mit weißem Gesicht darzustellen.

Diese, wenn auch leider sehr seltenen Darstellungen der Flucht nach Ägypten MIT dem Ochsen, sind geeignet, Otfried Preußlers grausames Szenario zu entkräften. Allerdings werfen sie (für sensible Juristen) möglicherweise Fragen nach dem Eigentumsübergang des Ochsen auf: Hat die heilige Familie ihn womöglich einfach mitgenommen?

Glücklicherweise enthebt uns der heilsgeschichtliche Jahreskreis all dieser Sorgen: Ochse und der Esel werden für alle Zeit lebendig im Glauben bleiben.

Gaudenzio Ferrari, Flucht nach Ägypten, Dom von Como (ca. 1523-26)

Zuerst erschienen in: Die Tagespost, 21. Dezember 2015

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erstellt am 19.12.2016

Domenico Ghirlandaio, Anbetung der Hirten (1482-85), Florenz