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„Drehtür“ heißt der jüngste Roman von Katja Lange-Müller. Darin geht es um teils groteske und komische, aber auch ganz und gar übliche, gewohnte Katastrophen. Katja Lange-Müller hat die Fähigkeit erworben, dem Grauen so zu begegnen, dass es uns Lachen macht, meint Harry Oberländer.

Katja Lange-Müllers Roman »Drehtür«

Was vom Helfen übrig bleibt

„Beim Erzählen ist wie beim Rauchen, ne Zigarette muss man irgendwie zu Ende rauchen.“ sagt Katja Lange-Müller und deshalb muss sie, wenn aus einem Fragment der Erfahrung eine Erzählung macht, das Ende der Erzählung kennen, wenn sie mit dem Schreiben beginnt. Das Ende des Romans „Drehtür“ kenne ich jetzt, verrate es aber nicht, sondern empfehle lieber, die Erzählungen aus denen er zusammengesetzt ist, selber zu lesen.

Im September fuhr ich am Rhein entlang und hörte im Radio, wie Katja Lange-Müller sehr munter ihr Leben erzählte. Sie ist Tochter kommunistischer Eltern, die Führungspositionen in der SED ausübten, Eltern, die Kinder und Karriere nicht vereinbaren konnten. So hatten sie Katja in ein Wochenkinderheim gesteckt, in dem sie sich gar nicht nur schlecht fühlte, sondern sich mit einem großen Kaninchen, einem „belgischen Riesen namens Pestalozzi“ tröstete. „Dem konnteste ins Fell flennen, das machte dem nichts aus.“ Als die Eltern aus Moskau von der Parteiuniversität zurückkehrten konnte keine heile Familie mehr entstehen, und mit sechzehn verließ sie die Familie. Sie erzählte vom Studium am Johannes R. Becher Institut in Leipzig und dem „Giftschein“, dem Privileg, alle Bücher aus dem Westen lesen zu dürfen, wie es sie für ein Jahr in die Mongolei verschlug und wie sie ihre Manuskripte – verfasst während der Nachtwachen, als sie Hilfsschwester in der Psychiatrie war – auf geheimen Wegen in den Westen schaffte, sodass sie schon bei S. Fischer angekommen waren, als ihr 1984 die Ausreise in den Westen gelang. Wie sie das erzählte, war einfach so gut, dass ich beschloss, „Drehtür“ zu lesen.

Am Beginn von Katja Lange-Müllers Schreiben stand eine gewisse Dringlichkeit, sich der Realität zu entledigen, so hat sie es in einer ihrer Frankfurter Poetikvorlesungen mitgeteilt. 1974 war sie als Hilfsschwester in der geschlossenen geropsychiatrischen Abteilung der Berliner Charité tätig, als während ihres Nachtdienstes eine Patientin starb. In der nahegelegenen Gaststätte „Wein ABC“ trank sie ungarischen Rotwein mit dem schönen Namen „Erlauer Stierblut“ und schrieb zehn Stunden lang, was später als die Geschichte „Manchmal kommt der Dot auf Latschen“ 1986 in ihrem ersten Erzählband „Wehleid – wie im Leben“ veröffentlicht wurde. Katja Lange-Müller hatte sich damit etwas vom Leibe oder auch von der Seele geschrieben, die Verzweiflung vielleicht, aber das wäre ihr wahrscheinlich schon viel zu pathetisch formuliert. Zwischen Schizo-Omas und senilen Demenzen, die in ihren ausgetretenen Filzpantoffeln den Weg zum Klo suchen, hatte sie Dienst getan. Immer, wenn wieder eine tot war, wurden ihr die Latschen ausgezogen und für die nächste Sterbekandidatin bereit gestellt. Das macht aus ihnen Figuren in einem Totentanz. Und was wäre aus Katja Lange-Müller geworden, wenn sie an dieser Stelle nicht Schriftstellerin geworden wäre? Eine Krankenschwester wie ihre Figur Asta, die ausgemustert aus dem globalen Betriebssystem des Helfens, an einer Drehtür des Münchner Flughafens Franz Josef Strauß steht, am östlichen Ende der Ebene B3, wohlmöglich?

So halten wir es aus

Diese Drehtür jedenfalls ist ein genialer Apparat, um die Figuren auf- und abtreten zu lassen, die den gleichnamigen Roman bevölkern, in dem es um teils groteske und komische, aber auch ganz und gar übliche, gewohnte Katastrophen und sozusagen gut etablierte katastrophale Zustände geht. Katja Lange-Müller hat die Fähigkeit erworben, dem Grauen so zu begegnen, dass es uns Lachen macht. So halten wir es aus. Und so hält sie es aus.

Dazu zuallererst ein paar Sprachbonbons, ehe der Vorhang aufgeht, das entspannt. Blitzgewitter, Muttersprache, Platzregen, Regenschauer, Kettenglied. Asta denkt, aber die Stimme lenkt. Asta steht an der Drehtür und schweigt. Sie kennt ja auch keinen mehr im Vaterland. Im Hospital Alemán Nicaragüense in Managua habe sie gedankenverloren im Pausenraum herumgesessen, so der Mobbingbrief ihrer Kollegen, kettenrauchend. Glimmstengel, auch so ein Wort. So wurde ihr gekündigt, aber für das Flugticket nach Deutschland haben die Kollegen gesammelt, professionelle Helfer eben.

Und so erinnerte sich Asta an Episoden aus ihrem Leben. Die erste handelt von den Zahnschmerzen eines koreanischen Kochs, der der Botschaft Kim Il Sungs in Ostberlin entlaufen war. Warum ihm dort keine Hilfe zuteil wurde, werden wir nie erfahren, auch nicht was später mit ihm geschah, als er nach Astas Zuwendungs- und Alkoholtherapie spurlos wieder verschwunden war und eine Delegation der Botschaft im Namen des Großen Führers mit Blumenstrauß ihren Diplomatendank abgestattet hatte. Wir sind als Leser gefordert, es uns zu denken.

Die Idee der Weltrevolution, die damals noch nicht vollständig beerdigt war, gehört in gewisser Weise auch zu Thema Helfersyndrom. Tania Schröder jedenfalls, eine Kollegin, an die Asta sich erinnert, kannte sich bestens aus mit der kubanischen Revolution und wusste alles über Tamara Bunke, eine deutschstämmige Argentinierin, die 1960 als Dolmetscherin Che Guevara kennengelernt hatte. Der war auf Staatsbesuch in die DDR gereist. Che hatte, erinnere ich mich, aber ich weiß nicht mehr woher, auf die Frage Fidel Castros ob ein economista anwesend geantwortet: presente! weil er sich verhört hatte, Fidel habe nach einem communista gefragt. So war er Direktor der Kubanischen Nationalbank geworden. Nicht als romantische Ballade, sondern als Tatsachenbericht wird in „Drehtür“ die Geschichte der Guerillera Tanja, alias Tamara Bunke, erzählt. Sie reiste ihm nach Bolivien nach, wo auch sie den Tod fand.

Überhaupt sind die Episoden, die im Verlauf des Romans immer deutlicher als Astas Lebensbilanz erscheinen, von großer Ernüchterung hinsichtlich der Welt und ihrer Zustände gekennzeichnet. Ob es sich dabei um private Tragödien, Liebesunfälle oder auch Katzengeschichten handelt, der realistische und distanzierte Blick Katja Lange-Müllers erfasst jederzeit die grotesken Konstellationen der Wirklichkeit, aber oft vergeht einem das Lachen schneller als es einem lieb ist.

Komisch und grotesk ist auch der Literaturbetrieb dargestellt, als die Frankfurter Buchmesse das Gastland Indien feiert, zum ersten Mal 1986, und wir Zeugen einer internationalen Autorenlesung voller absurder Überraschungen werden. Tanja Schröder, Astas Schwesternkollegin, die eine zeitlang als Schriftstellerin unterwegs war, hat dafür eigens eine Kurzgeschichte verfasst, die von einer einfachen armen Frau, der Nähmaschinistin handelt, die so um die Zeit herum als in der Literatur der Naturalismus blühte, davon träumt, ein einziges Mal in ihrem Leben mit der Eisenbahn zu fahren. Zu ihrem siebzigsten Geburtstag gönnt sie sich ein Billet für eine längere Fahrt, die sie tief enttäuscht. Sie sei, will uns die Erzählerin Tanja Schröder weismachen, bei 30 Stundenkilometern noch während der Fahrt ausgestiegen. Die Realität war gegen den Traum nicht angekommen.

Die Hölle ist eine Höhle

Die vergnügliche Persiflage aufs altmütterliche Erzählen führt, um es sehr kurz zu machen, nach Indien, dem Land, aus dem die besten Mangos kommen, die aber ebenfalls nie das Aroma erreichen, das jemand ihnen in der Vorstellung angedichtet hat. Nähmaschinen der Marke Singer werden in einer kompliziert organisierten Aktion nach Indien gebracht, um dort Arbeitsplätze für Frauen zu schaffen, die von ihren Ehemännern verstoßen, aufs übelste verstümmelt worden sind: Schwiegertöchter, die nicht die erwartete Mitgift mit in die Ehe bringen, es soll sie zu Tausenden geben. Eine Methode, sie loszuwerden ist, Anschläge auf sie mit Kochbenzin zu verüben. Wenn sie überleben, sind sie grauenhaft entstellt. Und so wird Tanja Schröder, Helferin, die den Nähmaschinentransfer organisiert hat, mit den Näherinnen konfrontiert, gespensterhaften Wesen mit grauenhaft entstellten Gesichtern oder verstümmelten Gliedmaßen. Ein traumatisierender Anblick, der die Erzählerin noch lange bis den Schlaf verfolgt und weinend erwachen lässt. „Gemessen an dieser Höhle – oder vielmehr Hölle – dort bei Kalkutta ist die von Dante Alighieri besungene Kasperletheater für Krippenkinder.“

Die Hölle ist eine Höhle mit vielen Kammern und das Mitleid, das sich in Tränen Bahn bricht, taugt am Ende vielleicht doch zu mehr, als kritisch befragt und verworfen zu werden. Empathie und deren Grenzen, christlich Caritas, sozialistisch: Solidarität, Mutter Theresa und Che Guevara, und deren Verwicklungen und Grenzen sind jedenfalls die Achse, um die sich die Tür in diesem Roman dreht. Schopenhauer, der weder Christ war, noch auf irgendeine Weise – schon gar nicht auf sozialistische – an den Fortschritt glaubte, sondern daran, dass die Welt vor allem verrückt ist, sah im Mitleid immerhin das wirksamste Mittel zur Linderung der  menschlichen Leiden und das Gegengewicht des Egoismus. Dass es auch viel Unheil anrichten kann, wie Friedrich Nietzsche dazu anmerkte, ist in „Drehtür“ zwar vielfältig beschrieben, ändert daran aber nichts.

Aber wenn die Welt schon verrückt ist und die Zeiten vorbei sind, wo das Helfen noch geholfen hat, gibt es keinen Grund, nicht gelegentlich ein gutes Buch zu lesen, zum Beispiel „Drehtür“.

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erstellt am 15.12.2016

Katja Lange-Müller
Drehtür
Roman
Gebunden, 215 Seiten
ISBN: 9783462049343
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016

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Katja Lange-Müller liest aus »Drehtür«