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Im Jahr 2003 besuchte der Schriftsteller Wolfgang Hilbig ein Bob-Dylan-Konzert in Berlin-Treptow. Danach schrieb er eine Liebeserklärung an den „Rock-Poeten“ und „Songwriter“, der in seiner Unberechenbarkeit den Rock'n'Roll permanent revolutioniert, indem er das Bestehende, das von ihm selbst installierte, scheinbar Beständige immer wieder verändert und erneuert.

Wolfgang Hilbig über Bob Dylan

Solange es Rock'n'Roll gibt

Von Wolfgang Hilbig

Musik ist etwas, das man nicht beschreiben kann. Man kann vielleicht nur versuchen, die Atmosphäre von Musik wiederzugeben. Man kann die Handlung einer Oper beschreiben, die Verse einer Ballade, aber was sagt man über eine Sinfonie, über die Sonate eines Streichorchesters? Es scheint, als träfe Musik auf ein Sinnesorgan in uns, das grundverschieden ist von jenem, das uns Worte verständlich macht. Oder es sind vielmehr dieselben Sinnesorgane, aber sie führen Sprache oder Melodie jeweils anderen Bereichen in unserer Seele zu, wo Zustimmung oder Ablehnung verschiedenartig hervorgerufen werden.

American Folk, das war eine Bewegung, die versucht hat, Wort und Musik zusammenzubringen, den Protest und die Anlehnung, den Zorn und das Glück, die Gefühle von Weite oder von Nähe, all dies, was von Musik oder Wörtern auf so differenzierte Weise artikuliert werden kann. Aus dieser Bewegung ist Bob Dylan hervorgegangen und aufgestiegen. Aber genau zu einer Zeit, in der die American Folk Festivals einzuschlafen, sich zu verwandeln drohten in periodisch stattfindende Feierlichkeiten für Eingeweihte (vom Vietnam-Krieg war noch nicht die Rede), hat dieser junge Mann aus Duluth, Minnesota, das Einvernehmen in die Luft gesprengt. Beim Newport Folk Festival 1965 trat er mit einer elektrischen Gitarre auf, was zu Tumulten und Prügeleien zwischen den Fundamentalisten und den Avantgardisten führte.

Fortan sprach man nicht mehr vom Folk-Revival, sondern von Folkrock, plötzlich waren da Verse zu hören, in denen von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll die Rede war. Und das ist offenbar das herausforderndste Merkmal dieses Sängers, Rock-Poeten, Songwriters, oder wie man ihn nennen mag: Er hat immer wieder das Unerwartete getan, das Ungeheuerliche gar, immer wieder das Bestehende, das von ihm selbst installierte, scheinbar Beständige aufgebrochen, verändert und erneuert. Er hat den Rock'n'Roll – bleiben wir endlich bei diesem Begriff – unaufhörlich revolutioniert.

Eine neue Form von Kultur

Er ist wahrscheinlich die Gestalt, die den Rock 'n' Roll zu einer ganz eigenständigen Kunstform entwickelt hat (ich gebe zu: er nicht allein, aber er war regelmäßig der führende Kopf). Wenn man heute von Musik spricht, meint man nicht unbedingt auch Rock 'n' Roll, und es erscheint mir nur der Ermangelung eines besseren Begriffs zu entspringen, wenn man Rock 'n' Roll lediglich als Musik bezeichnet: Rock 'n' Roll ist eine Form von Kultur, die es, sagen wir, Mitte des vergangenen Jahrhunderts so noch nicht gegeben hat.

Viele, die zu einem Dylan-Konzert in die Arena, Berlin-Treptow, gekommen sind, in eine eiserne und mangelhaft beheizte Riesenhalle, die früher eine Fabrik gewesen sein muss, waren skeptisch. Skeptisch wegen Dylans allerersten Konzerts in Ost-Berlin, wenige Jahre vor der sogenannten Wiedervereinigung (er wusste vielleicht gar nicht, wo er spielte und dass man ihn dort für einen Halbgott ansah), zu einer Zeit also, in der ich noch weit im Westen von Westdeutschland hauste und von dem ganzen Spektakel nichts wusste. Er sei damals zu spät gekommen, habe ein verkürztes Programm heruntergekrächzt und sofort danach, ohne den Applaus durchzustehen, spurlos verschwunden. Ich meinerseits war gegen solche Aussagen skeptisch: Dies sei Bob Dylan, er ist nun mal nicht anders, und dennoch ist er jedes Mal anders.

Diesmal ging ich mit, da ich eine Eintrittskarte als Geburtstagsgeschenk erhalten hatte. Es war das erste Bob-Dylan-Konzert, dem ich beiwohnen würde, und vielleicht auch mein letztes, dachte ich, denn der Mann ist drei Monate älter als ich, das heißt, zweiundsechzig Jahre alt und ein wenig darüber hinaus. Ich stand, neben meinen beiden Freunden, auf dem Stehplatz in der Nähe der unsichtbaren Tribüne und versuchte, zwischen den Hälsen älterer Männer, offenbar nur wenig jünger als ich, dafür aber entschieden größer, hindurchzupeilen, was ziemlich aussichtslos war. Endlich, mit zwanzig Minuten Verspätung, flammten die Scheinwerfer auf, und Dylan erschien, nebst vierköpfiger Band, in lockerem Laufschritt. Kein großartiges Zeremoniell einer Begrüßung, Sekunden später setzte die Musik ein. Was sage ich? Die Riesenhalle dröhnte auf, ein peitschender, donnernder Rock, den ich nicht im Traum erwartet hätte.

Als wäre er dreißig Jahre jünger

Den zweiten Titel verstand ich nicht, einer meiner Freunde musste es mir sagen: „It's All Over Now Baby Blue“, tatsächlich, nun erkannte ich die Melodie, unglaublich, dass man sie so spielen konnte, eingebettet in diesen orchestralen, nichts weniger als brachial zu nennenden Rock 'n' Roll. Bob Dylan sang mit einer Stimme, als wäre er dreißig Jahre jünger als ich. Nach drei, vier Titeln kam Bewegung ins gealterte Publikum. Ich sah mich auf einmal umgeben von Leuten, deren Zahl an Jahren kaum mehr als ein Drittel der meinen zu betragen schien, ab und zu boten sie meiner etwas wackeligen Person einen Schluck Weißwein aus einem Pappbecher an. Und dabei konnte ich in ihre Gesichter sehen: Sie leuchteten, sie leuchteten vor Glück, und zwar abgewandt von der Lichtshow auf der Bühne. Und ich konnte nun auch das Geschehen auf der Bühne erkennen: Die junge Band tat ihm anscheinend sehr gut; er sang mit einer Kraft, die ich von ihm nie oder nur auf ganz seltenen Aufnahmen gehört habe, und er stürzte sich mit der ganzen Wucht seines zarten Leichtgewichts in die Tasten des Keyboards. Der Mann ist so gut wie noch nie (natürlich hat er die besten Verstärker der Welt, dachte ich, weil ich mir selbst nicht glauben wollte) – vielleicht so gut wie damals in Liverpool, während der längsten Europa-Tournee der Welt, die so wild und rau war, wie man nachlesen kann, mit „The Band“, die sich damals noch „The Hawks“ nannten, dieses ausgerastete Monstrum einer Rock 'n' Roll-Band, damals, als er aus dem Publikum als Verräter, angepasstes Subjekt, als Judas beschimpft wurde.

Inzwischen weiß man besser, dass man sich auf ihn in keiner Weise verlassen kann. Was in der Arena in Treptow zu spüren, ja, beinahe zu greifen war, das war Freude, Begeisterung, Hingabe. Es gibt nur einen Weg, dachte ich, seinen Frieden zu machen mit dem Rock 'n' Roll, mit dieser friedlosesten aller Künste, und dieser Weg führt über Bob Dylan. Aber es ist der Weg durch „Desolation Row“, diesen langen und langsamen Titel, der sich so gut für den Abspann des Films über das Woodstock-Festival eignete. Jetzt jagt er mit einer Wut durch die schier endlose Reihe der Figuren in dieser Ballade, dass jede Romantik, auch die surrealistische, hinweggefegt wird. („Ich musste ihnen neue Gesichter geben / Und jedem einen neuen Namen“ – er hat es getan, auch an diesem Abend in Berlin.) Oder der Weg führt über „Highway 61 Revisited“, das war schon immer aggressiv, aber nun kommt es plötzlich als ein Rock in Schwermetall aus dem Schattendasein zurück. Unerhört, dachte ich, buchstäblich unerhört.

Ohne Pause, ohne nur einen Titel anzusagen, spielte er volle zwei Stunden und wurde noch zu drei Zugaben herausgebrüllt, deren letzte ich wiederum nicht erkannte: „All Along The Watchtower“, das ich auf diese Art noch nie gehört habe. Wenn es in dieser Welt noch Rock 'n' Roll, Blues gibt – oder wie man diese Musik auch nennen will in der allgemeinen Sprachlosigkeit –, so verkörpert sie dieser Mann in der allerersten Reihe.

Einen Titel, den ich mir gewünscht hätte, hat er nicht gespielt, aber vielleicht – er ist ja immer anders – spielt er ihn in Frankfurt oder einer anderen Stadt seiner Tournee. Deshalb will ich den Refrain an den Schluss setzen: “I see my light come shining / From the west unto the east. / Any day now, any day now, / I shall be released.” Ich will nicht hoffen, dass er sich so schnell entlassen lässt.

Wolfgang Hilbig, Solange es Rock'n'Roll gibt. Achten Sie auf den Mann in der ersten Reihe: Bob Dylan auf Tournee. © Wolfgang Hilbig 2003. Alle Rechte vorbehalten S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Bob Dylan: It's All Over Now, Baby Blue

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erstellt am 14.12.2016

Der Autor

Wolfgang Hilbig

Wolfgang Hilbig, geboren 1941 in Meuselwitz bei Leipzig, gestorben 2007 in Berlin, übersiedelte 1985 aus der DDR in die Bundesrepublik. Er erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, darunter den Georg-Büchner-Preis, den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis, den Berliner Literaturpreis, den Literaturpreis des Landes Brandenburg, den Lessing-Preis, den Fontane-Preis, den Stadtschreiberpreis von Frankfurt-Bergen-Enkheim, den Peter-Huchel-Preis und den Erwin-Strittmatter-Preis.

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