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Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat postfaktisch zum Wort des Jahres 2016 erklärt. In ihrem Beitrag zeigt Stefana Sabin, wie es dazu kommen konnte, dass sich Fakten und Fiktionen, Wahrheit und Lüge derart vermischen.

Das Wort des Jahres 2016

Fakten! Fakten? Fakten …

Schon im November hat das Oxford English Dictionary post-truth zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Nun hat die Gesellschaft für deutsche Sprache nachgezogen und ihrerseits postfaktisch zum Wort des Jahres erklärt. Auch die Begründung der GfdS ähnelt derjenigen der OED: post-truth, so das OED, bezeichne Situationen, in denen objektive Fakten weniger wichtig für die Gestaltung der öffentlichen Meinung sind als emotionale und persönliche Befindlichkeiten. Als entsprechende deutsche Wort-Konstruktion hat sich postfaktisch schnell etabliert. Das Wort, so die GfdS, verweise darauf, dass in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend Emotionen wichtiger seien als Fakten.

Tatsächlich scheint die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit, Fakten und Fiktionen fließender geworden zu sein als je zuvor. Politiker, Soziologen und Journalisten stellen mit Schrecken fest, dass ein allgemeiner Widerwille gegen eine angebliche Elite zum Ignorieren von gesicherten Tatsachen, zum Hinnehmen von evidenten Unwahrheiten und zu einer bereitwilligen Ausschaltung des Realitätssinns führt. „The willing suspension of disbelief“, die freiwillige Aufhebung des Misstrauens, die Coleridge als Bedingung für den Umgang mit literarischer Fiktion verlangte, breitet sich heute im Umgang mit der Realität aus. Während die literarische Fiktion immer noch nach Glaubwürdigkeitskriterien beurteilt wird, bewegt sich die politische Wirklichkeit jenseits des Faktischen. Fakten und Fiktionen, Wahrheit und Lüge widersprechen sich nicht mehr, gehen ineinander über, verlieren ihre moralische Relevanz.

Wahrheit und Lüge in der Literatur

„Jeder gute Roman“, erklärte Mario Varga Llosa einmal, „sagt die Wahrheit, und jeder schlechte Roman lügt. Denn 'die Wahrheit sagen' heißt für einen Roman, den Leser eine Illusion erleben lassen, und 'lügen' heißt, unfähig sein zu dieser Simulierung.“ Während Wahrheit und Lüge in der Literatur ästhetische Kategorien sind, behalten sie im Journalismus ihre moralische Geltung. Aber in den 1960er Jahren wurden mit den Gattungsgrenzen zwischen Roman, Bericht, Reportage, Autobiographie auch die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge verwischt, und in Tatsachenromanen, Erfahrungsberichten, Dokudramen und Autofiktionen erhob eine Generation amerikanischer Schriftsteller das Überlappen von realen Ereignissen und ihrem literarischen Reflex geradezu zum Gestaltungsprinzip. Von experimentierfreudigen Zeitschriftenherausgebern und -redakteuren gefördert, etablierte sich als „Neuer Journalismus“ eine literarische Gattung, die aus der Liebesbeziehung zwischen Journalismus und Literatur entstand: Joan Didion, Gay Talese, Alex Haley, Jimmy Breslin, Norman Mailer, Tom Wolfe wandten sich dem Alltag zu – den Subkulturen und den sozialen Bewegungen – und pflegten einen realistischen und doch subjektiven Stil. Mit diesem subjektiven Realismus markierte der Neue Journalismus, so der Literaturwissenschaftler Marc Weingarten in seiner Studie „The Gang That Wouldn’t Write Straight“ von 2005, eine literarische Revolution. Aber die neujournalistische Subjektivität veränderte nicht nur die Normen der herkömmlichen Berichterstattung, sondern auch die Rezeption von Literatur, indem sie die wahre Lüge als Gattungsprinzip außer Kraft setzte. Der Neue Journalismus, postulierte sein Hauptideologe Tom Wolfe 1973, werde den Roman obsolet machen.

So nannte Truman Capote seine psychosoziale Erzählung über einen vierfachen Mord und die zwei Täter „Tatsachenroman“ – einen wahren Roman sozusagen. Capotes Tatsachenroman „Kaltblütig“, 1966 erschienen, wurde zu einem Bestseller, zu einem Longseller und schließlich zu einem amerikanischen Klassiker, bei dem das Mischungsverhältnis zwischen den Tatsachen und ihrer romanhaften Ausgestaltung nicht hinterfragt wurde und dem man die wahre Lüge als literarisches Konstrukt abnahm. Im Kielwasser des Neuen Journalismus wurde jede Nachricht und jede Meldung zu einer Geschichte aufbereitet. Und eine Spätfolge des Neuen Journalismus ist es vielleicht auch, dass sich Tatsachenliteratur besser verkauft als Belletristik – in den USA sind es etwa 100 Millionen Bücher mehr pro Jahr.

Aber anders als zu Capotes Zeiten, unterliegt die Tatsachenliteratur heute der Wahrheitsprüfung und muss zugleich einem Authentizitätsanspruch gerecht werden, der wohl auch eine Nebenwirkung des neujournalistischen subjektiven Realismus ist. Wahrheits- und Authentizitätsanspruch miteinander zu verbinden, erlaubt keine Gattung wie die Autobiographie, weil sie Tatsachen wiedergibt und sie aus einer persönlichen Perspektive erzählt. So erklärte der amerikanische Bestseller-Autobiograph James Frey, als ihm 2005 in einer großangelegten Medienkampagne die Anreicherung seiner Lebensgeschichte „Tausend kleine Scherben“ mit erfundenem Material vorgeworfen wurde, dass er „eine persönliche Wahrnehmung“ erzählt habe und dass seine Erzählung trotz der fabrizierten Episoden „die emotionale Wahrheit“ enthalte.

Diese öffentliche Empörung über Freys lockeren Umgang mit den Fakten seines Biographie war eine antiliterarische Haltung, welche Wahrheit und Lüge als ästhetische Kategorien nicht anerkannte und stattdessen eine gewünschte Wahrheit für Wahrheit halten wollte. Diese Eigenschaft, durch die ein Ereignis, das nicht wahr ist, emotional für wahr erklärt wird, nannte der TV-Satiriker Stephen Colbert in Oktober 2005 truthiness – keine faktische, sondern eine gefühlte Wahrheit, die nicht die wahre Lüge der Literatur, sondern die erlogene Wahrheit des öffentlichen Diskurses ist.

Seinerzeit prangerte Colbert die scheinheilige Begründung des damaligen US-Präsidenten George W. Bush für die Irak-Invasion an. Aus Colberts satirischer Sendung schwappte der Begriff truthiness in den amerikanischen Medienjargon über und wurde 2005 von der American Dialect Society und 2006 vom Merriam-Webster zum Wort des Jahres erklärt. Truthiness beschreibe, so das Oxford Dictionary, eine subjektive Wahrheit, die nicht unbedingt wahr ist. Post-truth erweitert dieses Konzept von der isolierten Eigenschaft einer bestimmten Behauptung zu einem allgemeinen Merkmal der heutigen Zeit.

Wahrheit ist Meinungssache geworden

In kürzester Zeit hat sich post-truth etabliert und wird inzwischen ohne Erklärungsbedarf in Massenmedien und im öffentlichen Diskurs verwendet – und wurde von anderen Sprachen übernommen: post-verità im Italienischen, post-vérité im Französischen. Als Konzept, so das OED, lauert post-truth seit Jahrzehnten im englischen Sprachgebrauch, aber erst im letzten Jahr – dank der Brexit-Kampagne in Großbritanien und des Wahlkampfes in den USA – tauchte es immer öfter in dem Ausdruck post-truth politics auf. (Auch das Französische kennt heute die politique post-factuelle.) Im Englischen entspricht die Verwendung des Präfixes post einem verbreiteten Gebrauch wie in post-war oder post-modern oder post-match, um die Zeit nach einem spezifischen Ereignis zu bezeichnen. Aber in den letzten Jahren fand eine Bedeutungsverschiebung statt: in der jetztigen Verwendung suggeriert das Präfix post, dass das genannte Konzept irrelevant geworden ist wie in post-national oder post-racial oder eben post-truth.

In dieser Bedeutung, dass also Wahrheit irrelevant und Meinungssache geworden ist, wurde der Begriff post-truth durch den Dramatiker Steve Tesich (1942-1996) in einem Artikel in der Zeitschrift „The Nation“ in Januar 1992 eingeführt. Tesich diagnostizierte in Ronald Reagans vorgetäuschter Gedächtnislücke in der Iran-Contra-Affäre und in der Begründung von George Bush für den ersten Golfkrieg den freiwilligen Verzicht auf Information und eine Bereitschaft, ja eine Neigung, belogen zu werden. „Diktatoren vergangener Zeiten mußten hart daran arbeiten,“ so Tesich, „um die Wahrheit zu vertuschen. Heute zeigen wir durch unsere Haltung, dass das nicht mehr nötig ist, dass wir einen geistigen Mechanismus entwickelt haben, das der Wahrheit jede Bedeutung abstreift. Als freie Bürger haben wir uns freiwillig entschieden, dass wir in einer Art postfaktischer Welt leben wollen.“

2004 erhob der Sachbuchauthor Ralph Keyes den damals noch seltenen Begriff zum Titel eines Buches über die schleichende Lügenepidemie in der Gesellschaft: „The Post-truth Era.“ Ein Charakteristikum dieser postfaktischen Ära, so Keyes, sei die unklare Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, so dass das Belügen anderer nicht mehr sanktioniert wird, sondern zu einem Spiel, zu einer Gewohnheit mutiert.

Aber vor allem das populistisch geschürte Misstrauen gegenüber einer angeblichen Elite und den herkömmlichen Informationsmedien hat die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge, Fakt und Gerücht schwieriger gemacht. Der Dichter Paul Valéry erkannte schon Anfang des 20. Jahrhunderts, dass die „Mischung aus Wahr und Falsch viel toxischer als das rein Falsche ist.“ Dieses Toxin durchtränkt heute den öffentlichen Diskurs. So stieg der Gebrauch des Begriffs post-truth im Vergleich zum Vorjahr um 2000 % ! Das Oxford Dictionary will mit dem Wort des Jahres den Sprachgebrauch reflektieren. „Es kann nicht überraschend sein,“ erklärte der Präsident des Oxford Dictionaries Casper Grathwohl, „dass unsere Wahl ein Jahr widerspiegelt, das von rabiaten politischen Diskussionen geprägt war. Befeuert von den Sozialnetzwerken als Nachrichtenquelle und von einem steigenden Misstrauen gegenüber etablierten Wahrheiten, hat das Konzept des Postfaktischen sich linguistisch etabliert.“ Post-truth wurde ins OED aufgenommen – und die weitere Verwendung wird von den Redakteuren beobachtet.

Für die Gesellschaft für Deutsche Sprache steht bei ihrer Kür eines Wortes des Jahres nicht die „Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität“ im Vordergrund, so dass die ausgewählten Wörter „eine sprachliche Jahreschronik“ darstellen – ohne jede Wertung oder Empfehlung. Das Wort dieses Jahres verweist darauf, so die Presseerklärung der GfdS, „dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht.“

In dieser postfaktischen Welt, in der die Vermischung von Wahrheit und Lüge, Tatsachen und Spekulationen auch moralische Grenzen versetzt, bleibt die Literatur jene Lüge, die die Wahrheit sagt. Damit kommt der Literatur gerade heute eine besondere Bedeutung zu, denn, so seinerzeit der Literaturnobelpreisträger William Faulkner, Dichter interessierten sich nicht für Fakten, sondern nur für die Wahrheit, weshalb die Wahrheit der Literatur begeisternd und erschreckend sei. Es ist vielleicht die einzige Wahrheit, die auch postfaktisch bestehen bleibt.

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erstellt am 13.12.2016