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Foto: Jamal Tuschick

11. Dezember 2016

Textland

Zwischen Vorglühen und Nachbeben

Zeitzeugnis – Werner Kletts Spielfilm „Make Love Not War – Die Liebesgeschichte unserer Zeit” konserviert die Aufbruchstimmung vor Achtundsechzig

1966 spielte sie Tulla Pokriefke in „Katz und Maus”. Das Publikum lernte Claudia Bremer als Berliner Germanistikstudentin kennen. Der Film adaptiert Danziger Heimatverlustmeldungen von Günter Grass. Willy Brandts minderjährige Söhne Peter und Lars teilten sich die Rolle des im Handlungsverlauf zügig alternden, seinen Platz in der Welt herausfordernd einnehmenden Mahlke. Berlins Regierender Bürgermeister (er behält das Amt bis zum Dezember Sechsundsechzig) sei mit seiner Zustimmung Einflüsterungen erlegen, behaupteten Eingeweihte. Angeblich hatten ihn die Wahlkampfhelfer Grass und Wolfgang Neuss gemangelt. Die mit zig Vorbehalten verkoppelte Überwindung pädagogischer Bedenken bestimmten die Berichterstattung und überschatteten Claudia Bremers im Spektrum zwischen Vorglühen und Nachbeben oszillierenden Einsatz, zumal Brandt auch noch Schirmherr der Berliner Filmfestspiele war, die der umgetopften Novelle den Premierenrahmen lieferten.

Es blieb alles in der Familie. Die Kritik überging Claudia Bremer, fast schien es, als habe sie im Film gestört. Als ich “Katz und Maus” zum ersten Mal sah, störte mich nur, dass die Vorlage von Grass war. Nicht, dass mir das klar gewesen wäre. Ich wurde von meinem Gedächtnis darüber nicht informiert, das der Schaumbläser Grass und sein Mutbolzen Mahlke gegen den Stelzvogel Uwe Johnson in einer Doppelrolle als Autor und Held ausgetauscht worden waren. Die Fantasie bearbeitete die Sache im Marinestil, bis ein mecklenburgisches Seestück haften blieb, dem mancher Pastiche folgte.

1967 spielte Claudia Bremer in „Make Love Not War” eine namenlose Bielefelderin, die sich in das Fluchtschicksal eines amerikanischen Deserteurs verwickelt. Eine Schlagzeile ersetzt den Titel. Sie wiederholt die Formel einer Avantgarde noch ohne den Hall der Redundanz. Die Zeile ist aus dem Leben gegriffen wie ein Klospruch. Fern der Geschichtsbücher aufgeschnappt und abgeschrieben.

Eine synkopisch enervierte Rückblende reduziert die absolute Gegenwart im Film auf den Moment zwischen Tod und Gefangenschaft. Die Erzählerin bebt nach und tritt doch wie eine Vorglühende ein (in den Raum der Erzählung). Während sie einen Punkt der jüngsten Vergangenheit anstrebt, erscheint sie der Zukunft zugewandt.

Sie macht Aussagen wie in einer Vernehmung. Suggeriert wird eine milde Form der Verhaftung oder vielleicht auch nur eines Rechtfertigungszwangs. Die Suggestion steht im Widerspruch zu einer losgelassenen Art. Die Erzählerin kommt nach Berlin und stolpert durch eine Reklameproduktion in der Steglitzer, der Wilhelm Foerster-Sternwarte benachbarten Villa ihres abwesenden Bruders. Ein Angestellter mit der Aura des notorischen Notzüchtigers erklärt das Geschäft. Er wirkt zwielichtig wie ein Schieber, erlebt aber volle Akzeptanz.

Die Erzählerin erwägt und verwirft ein berufliches Fortkommen als Gebrauchskünstlerin. Eine Einladung zum Abendessen schlägt sie aus. Sie erwartet ihren Verlobten. Bevor dieser bekennende Leutnant der Reserve sich einer Zuneigung versichern kann, taucht der Amerikaner auf. Der englische Schlagzeuger Gibson Kemp spielt den Vietnamverweigerer. Kemp ersetzte Ringo Starr bei Rory Storm & the Hurricanes. Im Film übernimmt er einmal ein Schlagzeug, die Kamera hält seine Verwandlung fest. Erst in Verbindung mit dem Instrument kriegt man den ganzen Menschen.

„Make Love” variiert Michelangelo Antonionis Blow Up-Ästhetik. Die Illegalität schweißt das Paar anarchisch zusammen. Das westfälische small town girl und der schöne Flüchtling (Fremde) sind einander genug. Das Außen wird zur Störung, es verschafft sich Geltung umso mehr es nicht erwünscht ist. In seinem Cabrio erreicht der Verlobte Berlin zu spät.

Der Komponist Oskar Sala hat einen Auftritt mit Trautonium. Die Klangwunderkiste dient in der freihändig zusammenhängenden Ereignisversammlung als Gebrauchsgegenstand. Man bastelt eine Soundverführung zum besseren Verkauf von Kaffee. Sala gibt den Onkel Oskar. Die Nichte kapiert mal wieder gar nichts. Ich sage das nur, weil die Sexuelle Revolution in der Spätbetrachtung ihrer frühen Ausschläge sich mitunter ausnimmt wie eine patriarchale Verschwörung.

Bundesrepublik Deutschland 1968, Regie: Werner Klett, mit Claudia Bremer, Gibson Kemp, Heinz-Karl Diesing, Oskar Sala

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erstellt am 11.12.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.