Kürzlich ist der Spielfilm „Egon Schiele – Tod und Mädchen“ des Regisseurs Dieter Berner in den Kinos angelaufen. Er zeigt vor allem den privaten, den Casanova-Schiele. Riccarda Gleichauf vermisst in dem Film die Abgründigkeit von Egon Schieles Werken.

Der Film »Egon Schiele – Tod und Mädchen«

Nackte Oberfläche

Als Kunstlaiin gehe ich gerne in Ausstellungen und lasse Bilder auf mich wirken, weil sie mich in andere Welten, andere Zeiten und an andere Orte entführen. Oft vergesse ich die betrachteten Bilder allerdings schnell wieder, wie es vielleicht manchen LeserInnen geht, die Bücher wie Schokolade konsumieren.

An die Ausstellung in der Frankfurter Schirn vor über zehn Jahren („Die nackte Wahrheit“), erinnere ich mich jedoch besonders genau. Dort wurden Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Egon Schiele zusammen ausgestellt, und gerade bei den Bildern von Schiele meinte ich in Abgründe zu schauen, die mich gruselten. Dieser Eindruck lag nicht an den dort dargestellten nackten Körpern, sondern an den Gesichtern, den irgendwie existenziell-angsteinflößenden Blicken der Personen.

Jetzt ist der Spielfilm „Egon Schiele – Tod und Mädchen“ des Regisseurs Dieter Berner in den Kinos angelaufen. Egon Schiele, ohne Frage professionell gespielt von Noah Saavedra, hüpft energiegeladen durch die Szenen, wenn er nicht gerade mit einer lebensbedrohlichen Grippe im Bett liegt und von seiner liebevollen Schwester und erstem Aktmodell gepflegt wird. Den möchte eigentlich jede/r vernaschen, auch oder gerade wegen seines Wiener Schmäh, seiner ganzen unbeschwerten Leichtlebigkeit, der Leidenschaft für seine Kunst. „Tod und Mädchen“ ist, worauf der Titel schon verweist, ein Film, der sich mit dem privaten, dem Casanova-Schiele beschäftigt. Er braucht seine Akte, um Kunst zu schaffen. Wenn sie ihm mitten im Schaffensprozess davonlaufen, weil er ihnen das Herz gebrochen hat, bekommt er ein Problem, denn es geht ihm zunächst um das Bild und erst danach um die gemalten Personen mit eigener Biographie, mit eigenen Wünschen.

Was der Film dabei schön zeigt, ist, wie Kunst aus dem Moment heraus entsteht, in einer spontanen Handlung, die manchmal auch vom Aktmodell ausgeht, und die der Künstler als irgendwie „besonders“ wahrnimmt. So muss nicht nur der Maler die Fähigkeit besitzen, interessante Momente zu erkennen und bildlich einzufangen, sondern auch das Modell braucht eine gewisse Begabung, sich intuitiv „richtig“ zu verhalten. Die Szenen mit seiner Muse Wally (Valerie Pachner), die diese Fähigkeit besitzt, wirken durch ihre spontanen und natürlichen Bewegungen, und entwickeln einen Zauber, der einen hineinzieht in den Plot.

Egon Schiele, Porträt von Wally, 1912, Leopold Museum, Wien
Egon Schiele, Porträt von Wally, 1912, Leopold Museum, Wien

Wally ist es auch, die Egon Schiele hilft, dass die Anklage gegen ihn wegen Pädophilie und sexueller Nötigung fallengelassen wird. Der Verdacht wurde gegen ihn erhoben, weil er Kinder als Modelle benutzte. Wenn man der inhaltlichen Intention des Filmes folgt, ist dies ein haltloser Verdacht, weil Kunstproduktion hier vor sexuellen Begierden steht. Schiele malt nicht fast ausschließlich „Nackerte“, weil er etwa ein verkappter Spanner ist, sondern weil er sich als Künstler für die Wahrheit hinter dieser ausgestellten Nacktheit interessiert. Sicher steht dabei, wie schon betont, die Liebe im Vordergrund, aber sie geht vor allem von den Aktmodellen aus.

Brisante Vorgänge in der Welt, wie zum Beispiel der Erste Weltkrieg, werden angedeutet, aber spielen nicht wirklich eine Rolle. Vielleicht ist das der Grund, warum „Tod und Mädchen“ zwar durchaus eine Wirkung hat, aber keine Botschaft hinterlässt, nichts, was mich Jahre später an den Film erinnern lassen würde, wie es Schieles Kunstwerke tun. Möglicherweise wäre das anders, wenn die Figur Egon Schieles zu aller erotischen Leichtfüßigkeit gleichzeitig die Abgründigkeit einzelner Werke des Künstlers widergespiegelt hätte. Aber dafür dringt zu wenig Welt in die Liebeshandlungen, wird die politische Bühne zu sehr von privaten Tändeleien überdeckt, deren langatmige Wiederholungen an der Oberfläche bleiben, statt Tiefe zu erzeugen.

Filmtrailer „Egon Schiele – Tod und Mädchen“

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erstellt am 11.12.2016

Egon Schiele
Egon Schiele, undatiertes Foto
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