Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Seit dem mittelalterlichen altfranzösischen „Rolandslied“ verkörperte der Roland, der Paladin Karls des Großen, ritterliches Heldentum – mit dem italienischen Epos „Der rasende Roland“ von Ludovico Ariost wurde er zum ritterlichen Antihelden. Vor 500 Jahren erschien Ariosts Epos, in dem das Heldentum ironisiert und mit der mittelalterlichen Ritterliteratur endgültig gebrochen wird. Stefana Sabin erinnert an ein kanonisches Werk.

Ariosts rasender Roland

Von Frauen, Rittern und Schlachten

Sogar die Banditen, die auf den Straßen um Ferrara Reisenden auflauerten, kannten seine Verse vom unglücklich verliebten Ritter Roland, und statt den verehrten Dichter auszurauben, gaben sie ihm sicheres Geleit in die Stadt – so jedenfalls erzählt es eine Anekdote über Ludovico Ariost. Ariost, 1474 in Reggio Emilia geboren, war als Kind nach Ferrara gekommen und hat sich später immer für einen Ferrareser ausgegeben.

Stadtspaziergänge gehörten zu seinem Alltag, und als er 1503 in die Dienste des Kardinals Ippolito d’Este trat, waren ihm vor allem die Reisen lästig, die ihn von der Stadt entfernten. Als der Kardinal nach Budapest versetzt wurde, verzichtete Ariost lieber auf seine Anstellung, als mit ihm wegzuziehen. Dass er die Stadt nicht verlassen wollte, hatte auch mit einer Frau zu tun: Alessandra Benucci, die er 1527, nach einer lange geheimgehaltenen Beziehung, heiratete. Vor allem jedoch war es das intellektuelle Ambiente Ferraras, das er nicht entbehren wollte. Denn unter der Herrschaft von Alfonso d’Este, dem Bruder des Kardinals, war Ferrara am Anfang des 16. Jahrhunderts ein Zentrum der Künste. Ariost war mit Dosso Dossi und Tizian befreundet. Mit Oden und Sonetten und mit Lustspielen wie „La Cassaria“ (1508, deutsch „Die Kästchenkomödie“), „I suppositi“ (1509, „Die Unterschobenen“) oder „Il negromante“ (1520, „Der Geisterbeschwörer“) hatte Ariost schon ein gewisses Renommee erlangt, als 1516 sein Versepos „Orlando Furioso“ (Der rasende Roland) erschien und ihn weit über die Grenzen Ferraras hinaus bekanntmachte – nicht nur unter Banditen! Denn die Mischung aus Glaubenskampf und Liebeslyrik, die die Handlung bestimmt, und die phantastischen Abenteuer, die die Ritter bestehen, machten Ariosts Epos geradezu populär.

Der Ritter Roland gehörte gewissermaßen schon zum literarisch-mythischen Personal jener Zeit. Denn schon seit dem 11. Jahrhundert wurden seine Abenteuer im „Rolandslied“ durch ganz Europa besungen, und er galt als Verkörperung edlen Heldentums. In „Orlando innamorato“ (Der verliebte Roland) hatte Matteo Boiardo 1494 von Rolands Abenteuern und seinen Liebschaften erzählt und sein unvollendet gebliebenes Werk wurde zur unmittelbaren Vorlage für Ariost, der Rolands Kriegsabenteuer und seinen Liebeswahn in 40 Gesängen bedichtete:

Le donne, i cavallier, l’arme, gli amori,
le cortesie, l’audaci imprese io canto,
che furo al tempo che passaro i Mori
d’Africa il mare, e in Francia nocquer tanto,
seguendo l’ire e i giovenil furori
d’Agramante lor re, che si diè vanto
di vendicar la morte di Troiano
sopra re Carlo imperator romano.

So beginnt – mit homerischem Gestus – Ariosts Bericht von den Heldentaten des Ritters Roland an der Seite Karl des Großen.

Von Frauen sing ich euch, von Rittern und von Schlachten,
Von Edelsitte, von der Liebe Glück und Qual,
Von Thaten, die erstaunen machten,
Zur Zeit, als Mauren ohne Zahl,
Bewaffnet durch die Wuth, die Agramant durchglühte,
Auf Gallien den wilden Sturm gethan,
Zu rächen den erschlagenen Trojan
An Kaiser Karls verwüstetem Gebiete.

So klingt der Anfang von Friedrich Schillers Übersetzung. Karls des Großen Kampf gegen die Sarazenen bildet in Ariosts Epos nur den Rahmen für verworrene und fantastische Geschichten. Ariost erzählt von den Abenteuern, die Roland an Karls Seite im Krieg gegen den Sarazenen Agramante erlebt, von Rolands Liebe zu Angelica und seinem Liebeswahn, als diese ihn zurückweist. Roland wird als Neffe Karls des Großen vorgestellt; die schöne Angelica, die an Karls Hof kommt und in die sich die meisten Ritter verlieben, ist eine fernöstliche Prinzessin; Medoro, der Fußsoldat, in den sich Angelica verliebt, ist Maure; Astolfo, der mit einem fantastischen Gerät zum Mond reist und von dort Rolands Verstand zurückbringt, ist ein englischer Prinz.

Ein ironisches Bewusstsein

Diese kulturelle Vielfalt des Personals und der Wechsel der Schauplätze von Paris nach Jerusalem zum Mond und zum Himmel waren eine Anleihe bei dem Repertoire der Märchen und zugleich eine deutliche Abkehr von dem nationalen Narrativ der Heldenepen. Auch indem er die strengen Glaubensstreiter der höfischen Epik als liebessüchtige und abenteuerlustige Ritter vorführt und Roland, dem Helden aller Helden, nicht nur Stärke im Kampf, sondern auch Anfälligkeit für das Leidenschaftliche andichtet, weicht Ariost von der Konvention der höfischen Epik ab. Er verschränkte historische Handlungsstränge mit Episoden aus der Artussage und kombinierte antike Motive mit solchen der Karls-Epik zu einem Handlungsgewirr, in dem das Heldentum entmythisiert und mit der mittelalterlichen Ritterliteratur endgültig gebrochen wird.

Damit trat ein ironisches Bewusstsein in die europäische Literatur ein, so dass die Differenz zwischen der alten gedichteten Welt und der prosaischen Realität auch inhaltlich reflektiert wurde. Nicht zufällig lässt Cervantes in einem der Eingangsgedichten zu „Don Quijote von der Mancha“ den rasenden Roland auftreten und die „Heldentaten“ des „geistreichen Hidalgo“ zugleich besingen und für verrückt erklären:

No puedo ser tu igual, que este decoro
se debe a tus proezas y a tu fama,
puesto que, como yo, perdiste el seso.

Dich kann ich nie erreichen, und dies Lob
gebührt all deinen Heldentaten, deinem Ruhm,
warst du mir gleich im Kopf auch nicht gescheit.

Nicht zuletzt als Parodie auf eine abgelaufene Gattung, als Abgesang wurde Cervantes’ Roman rezipiert: als Abgesang auf die Ritterromane, die Don Quijote den Kopf verdreht hatten! Cervantes war nicht der einzige, der zu Ariost zurückgriff. In der spanischen Barockepik und im französischen Theater, in Edmund Spensers „Faerie Queene“ und in Shakespeares Komödien, in Voltaires „La pucelle d’Orléans“ und in Wielands „Oberon“ sind Ariosts Spuren wiedererkennbar. Das Musiktheater seinerseits hat dem Versepos einige Opern abgewonnen, die immer noch zum Repertoire gehören: Jean-Baptiste Lullys „Roland“ von 1685, Antonio Vivaldis „Orlando furioso“ von 1727, Georg Friedrich Händels „Orlando“ von 1732, Joseph Haydns „Orlando paladino“ von 1782.

Der italienischen Literatur vererbte Ariost eine ironische Erzählhaltung und eine Fabulierlust, die sie nie wieder verlor und die noch Italo Calvino in seiner munteren Nacherzählung von 1970 geschickt ausschlachtete. Ins Deutsche wurde Ariosts Epos erst mehr als ein Jahrhundert nach seinem Erscheinen übersetzt: 1632 erschien eine erste deutsche Teilversübersetzung, der 1808 eine gereimte Nachdichtung von Johann Diederich Gries folgte; ein weiteres Jahrhundert später, 1908, wurde eine neue Übersetzung veröffentlicht, und wieder ein Jahrhundert später, 2002, eine Nacherzählung in Prosa. In seinem Essay „Über naive und sentimentalische Dichtung“ vergleicht Friedrich Schiller Ariost mit Homer und sieht in Ariosts Beschreibung der höfischen Verhaltensweisen seiner Helden eine implizite Sittenkritik, die den Dichter zum Rebellen wider Willen macht. Als „Ariosts rasender Roland. Neue Übersetzung“ veröffentlichte Schiller 1793 im dritten Band seiner „Neuen Thalia“ eine Teilübersetzung des „Orlando“. Und für Friedrich Schlegel war Ariosts Epos der Inbegriff romantischer Ironie – ein „widerspenstiger Klassiker“.

1521 erschien eine zweite, überarbeitete Auflage des „Orlando furioso“ aber der Ruhm reichte nicht aus, als dass sich Ariost 1522 der Ernennung zum Gouverneur der Garfagnata durch den Grafen d’Este hätte widersetzen können. Drei Jahre blieb er Ferrara fern. Bei seiner Rückkehr konnte er sich ein Haus außerhalb der Stadt, aber in Stadtnähe kaufen, das er nach eigenen Plänen umgestalten ließ und in das er am Michaelistag 1532 einzog. Hier bereitete er die dritte Auflage des „Orlando furioso“ vor, die, um sechs Gesänge ergänzt, 1532 erschien. Nur wenige Monate danach, Anfang Juli 1533, starb Ariost. Sein Haus ist heute wieder zu besichtigen.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 10.12.2016

Ludovico-Ariost-Statue in Reggio Emilia
Ludovico-Ariost-Statue in Reggio Emilia, Foto: Paolo da Reggio / Wikimedia Commons
Der rasende Roland
Casa di Ludovico Ariosto in Ferrara
Casa di Ludovico Ariosto in Ferrara