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Thomas Rothschild ist zu Besuch in der sizilianischen Stadt Catania. Dort stößt er auf menschliches Elend und Hilfsbereitschaft. Rothschild berichtet zudem von einem Opernbesuch, der ihn an der europäischen Leitkultur zweifeln lässt.

Kontrapunkt

Clash of Cultures

11.12.2016

II

Immer noch in Catania. Eine ältere Frau fällt beim Einsteigen in den Autobus auf die Straße. Der Fahrer kommt aus seiner Kabine, fragt die Frau, ob sie sich verletzt hat, ob er die Ambulanz rufen soll. Die Frau lehnt ab. Der ganze Bus ist in Aufruhr. Alle Passagiere kümmern sich um die Frau, die, offenbar unter Schock stehend, nicht sagen kann, wo sie aussteigen möchte. Der Fahrer hält zwischen zwei Stationen, beugt sich herab zu der verwirrten Frau, bittet die Passagiere, auszusteigen und stoppt, mitten auf der Strecke im lebhaften Verkehr, den nächsten Bus.

Eine andere Kultur als 1000 Kilometer nördlich. Wenn man durch Catania geht, besteht kein Zweifel mehr: Die „Dritte Welt“ ist in Europa angekommen. Ja, es gibt sie auch hier, die Damen in Pelzmänteln, denen man ansieht, dass sie den größten Teil des Tages mit Kosmetik verbringen, und ihre rosawangigen Begleiter, die sich an den Büffets mit verlockenden Süßigkeiten vollstopfen und schon vormittags Prosecco trinken. Wenn es aber Nacht wird, kommen die Kleinbusse der Hilfsorganisationen an eine finstere Ecke gefahren, wo sich herbeiströmende Schwarze und Weiße ein warmes Essen holen und aus dem Plastikteller löffeln. Wenn man diese beiden Szenen in einem Film zeigt, schreiben die Kritiker, das sei satirisch zugespitzt und entspreche keiner Wahrheit. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Film die Szenen hart aneinander schneidet. Im wirklichen Leben kommen sie nicht zusammen. Die kuchenfressenden Pelztiere sind im Licht. Die Kundschaft der Ausspeisung im Dunkeln sieht man, ganz im Sinn von Brechts bekannten Versen, nicht. Das menschliche Elend ist allgegenwärtig. Aber die menschliche Hilfsbereitschaft ist es auch. Jedenfalls in Sizilien. Die Autofahrer verhalten sich im Straßenverkehr wie gesengte Säue, scheinbar bereit, jeden unvorsichtigen Fußgänger ins Jenseits zu befördern. Aber wenn eine Frau stürzt, murrt niemand, sondern tut, was früher einmal auch anderswo selbstverständlich war. Er leistet Hilfe.

8.12.2016

I

Bei den Syrern ist alles anders. Die passen nicht in unsere europäische Leitkultur. Sie haben zwar ein prachtvolles Opernhaus, aber auf den Toiletten fehlen die Brillen. Draußen gießt es in Strömen, aber weil es keine Garderoben gibt, sitzen die Zuhörer mit ihren dampfenden Mänteln im Saal. Ganze Großfamilien und Freundeskreise unterhalten sich über mehrere Reihen hinweg, andere tippen während der Vorstellung ihre Botschaften in ihre Smartphones, die den Saal erleuchten. Beginn ist nach Kartenaufdruck und Homepage um 20:30 Uhr. In Wahrheit aber erst um 21 Uhr. Wer wird’s denn so genau nehmen, wenn er draußen im Regen steht.

Ach so, wir befinden uns nicht in Syrien, sondern in Catania. Das liegt in Sizilien, Italien. Und das gehört bekanntlich zur EU. Na ja, die passen dann doch zu uns. Wer wird denn kleinlich sein.

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erstellt am 07.12.2016