Katja Behrens mit Gianni Jovanovic
Katja Behrens mit Gianni Jovanovic, Foto: Jamal Tuschick

5. Dezember 2016

Textland

Sprache und Macht

Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen

Die Darmstädter Schriftstellerin Katja Behrens erzählt das Leben des schwulen Rom Gianni Jovanovic aka Nono. Bemerkungen zu einer Lesung im Berliner Aufbau Haus

Sie sagt immer noch Zigeuner und trägt sich vor wie eine Beraubte, da ihr ein aufständiges Auditorium das Wort nicht lässt. Katja Behrens besteht auf den romantischen Mehrwert einer Schimäre unter Nebensonnen der verteufelnden Herabsetzung. Der Schriftstellerin folgt doch nur ein vom Alter abgesprengter Provokateur, der die unkorrekte Bezeichnung in ihrer abgemahnten Wiederholung vielleicht als Widerstandsakt gegen die Einigkeit im Raum begreift. Per Akklamation wird klargestellt: Wir wollen nicht, dass irgendwer Zigeuner, Neger, Schwuchtel sagt. Denn wir wissen, dass die Vernichtung des Zigeunerbarons in der Sprache gleichermaßen vorbereitet und geleugnet wird.

Das Verhältnis von Sprache und Macht ist dämonisch. Die Sprache legitimiert erst auf einem Kurs der Degradierung die Versklavung und den Mord und lässt dann Gras über der Narbe wachsen. Darauf weist Nono hin, er nennt sich selbst „mehrfach marginalisiert”. Als schwuler Rom erlebt der gebürtige Rüsselsheimer (mit serbischen Vorfahren) doppelte Ausgrenzung; das bedeutet Repräsentanz noch nicht mal in den Hinterzimmern der Randgruppengremien. Behrens hat seine Biografie romanisiert, hart an der Grenze dessen, was für Nono in der Preisgabe erträglich war. Verarbeitunsprozesse, die normalerweise von Generationen gefedert werden, gingen ohne kulturelles warm-up über die Bühne eines Lebens. Das setzt Stärke voraus.

Nono strahlt Stärke aus. Er erinnert mich an einen schmusenden Löwen, den ich gestern auf N24 gesehen habe. Riesenego, Supermachismo und das alles serviert auf einer Schillerlocke kreativer Differenz zwischen biologischem und sozialem Geschlecht.

In einem grandiosen Einfühlungsvorgang schildert Behrens den Lebensmut überall misstrauisch empfangener Leute, die sich in fremdfeindlicher Umgebung an einen vertrauten Lebensstil klammern und sich so an den Ecken und Kanten der Mehrheitsgesellschaft rau scheuern.
Devianz wird mit Delinquenz gleichgesetzt. Es gibt keine Chance, sich positiv zu individualisieren, die negative Fremdwahrnehmung zu entkräftigen. Das Scharnier des Ressentiments lässt alle Türen ins Schloss fallen. Da hilft nur Trotz.

Das beschreibt die Mehrheitsvariante im Kosmos einer Minderheit, aber Nono weicht auch noch von der zentralen Abweichung ab. Er wehrt sich gegen sich selbst, will ein richtiger Zigeuner sein. Mit vierzehn zwingt man Nono auf die dreizehnjährige Julijana und nennt das Hochzeit. Eine Oma bekämpft die Lustlosigkeit des Enkels mit einer Ordnungsschelle, Behrens exponiert die Tragik zu Lasten der Komik. Die Kinder ergeben sich als Geiseln einer Ordnung, die sie perpetuieren werden, weil sie sonst nirgendwo landen können. Erst als Vater von zwei Kindern wagt Nono die Veröffentlichung seiner Homosexualität. Die Familie zeigt sich der Offenbarung nicht gleich gewachsen.

P.S.
Der Text schließt ein lyrisches Erbe ein wie der Bernstein das Fossil. Zitiert wird auch Rajko Đurić: „Oh mein Vater, du ohne Grab/ Wir ohne Haus/ Daß wir vom Winde verweht werden/ Und der Müll der Welt sind.”

Katja Behresn: Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen, Roman, 255 Seiten, Edition Faust 2016

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erstellt am 05.12.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.