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Die in Frankfurt am Main lebende und arbeitende Künstlerin Katrin Paul (*1966) nahm im Winter 2015/16 an einem Artist-in-Residence-Programm in dem 2011 vom Tsunami verwüsteten Gebiet in Japan teil. Das Projekt in Rikuzentakata (Präfektur Iwate) wurde von Teiko Hinuma, Professorin für bildende Kunst und Museumsstudien an der Joshibi University of Art and Design in Tokio 2013 initiiert, nachdem der Tsunami 2011 die Stadt fast vollkommen zerstört hatte. Ziel des Programms ist es, mehr Aufmerksamkeit auf dieses Gebiet zu lenken, ist es doch in den Medien von Ost und West weitaus weniger präsent als das mit dem Atomunglück verbundene Fukushima. Im Gespräch berichtet Katrin Paul, die 13 Jahre in Japan gelebt hat und vor fünf Jahren nach Deutschland zurückgekehrt ist, von der heutigen Situation vor Ort, von den Begegnungen mit den Überlebenden und wie sie darauf und auf ihre eigene Betroffenheit angesichts der zum Zwecke der neuen Tsunami-Schutzmaßnahmen totalen Landschaftszerstörung künstlerisch reagiert hat. Ihre aus der Auseinandersetzung mit dem Ort und den Menschen entstandenen Werke drehen sich um Verlust, Heimat und das Überwinden und Weiterleben nach einer Katastrophe.

Gespräch mit Katrin Paul

Vom künstlerischen Umgang mit der Katastrophe

Isa Bickmann: Katrin, für Dich ist Japan ein Land, das bis 2011 – 13 Jahre lang – dein Zuhause war. Du hast dort als Künstlerin und als Fotografin gearbeitet. Seit fünf Jahren bist Du wieder in Deutschland. Wie kam es dazu, erneut zurückzukehren?

Katrin Paul: Ich war vom Rikuzentakata Artist in Residence Program in das Tsunami-Gebiet eingeladen worden. Das Projekt gibt es seit 2013. Wir waren die bereits dritte Gruppe. Mit mir nahmen Angkrit Ajchariyasophon, ein Maler aus Thailand, und der ebenfalls aus Thailand stammende Fotograf Tawatchai Pattanaporn teil. Betreut wurden wir von dem Künstler Jun Matsuyama, einem Maler. Es handelt sich um ein Stipendium mit kompletter Finanzierung. Direkt nach der Tsunami war ich noch einmal in Japan, nicht in diesem Gebiet, sondern nur in Tokio und im Süden, wo die Auswirkungen sich deutlich zeigten. Die Leute waren sehr traumatisiert.

Wer unterstützt das Projekt finanziell? Wozu nutzt man die Künstler? Es geht doch sicher nicht um eine Aufarbeitung?

Drei Geschäftsleute, ein Sojasoßenfabrikant, der Inhaber einer Fahrschule und der Besitzer einer Holzbaufirma haben sich zusammengesetzt und überlegt, wie sie die Gegend – auch international – wiederbeleben können. Gemeinsam mit der Tokioter Professorin Teiko Hinuma haben sie das Konzept entwickelt, in dem es darum geht, sich mit dem Gebiet zu beschäftigen. Es wird von diesen drei Geschäftsleuten und einem Ministerium finanziert.
Obligatorisch für uns Künstler war ein Vortrag an der Joshibi University of Art and Design in Tokio und die Teilnahme an einem internationalen Symposium, wo es um die Organisation und Umsetzung von Artist-in-Residence-Projekten im Allgemeinen ging.

Beschreibe mal den Ort Rikuzentakata!

Die Tsunami, ich sage die Tsunami, weil es „die Flutwelle“ heißt, hat ja fast die ganze nördliche Ostküste Japans betroffen. Die meisten Menschen im Westen assoziieren damit eigentlich nur Fukushima und das Atomunglück, aber dass dort fast 20.000 Menschen gestorben sind, d. h. weggeschwemmt wurden, ist nicht in unseren Köpfen, auch nicht, dass dieses Gebiet derart zerstört wurde. Rikuzentakata liegt ca. 700 km von Tokio weg, und die Entfernung zwischen dem Atomkraftwerk und Tokio beträgt etwa 250 km. Rikuzentakata befindet sich also gar nicht mehr in dem Bereich des Nuklearunglücks. Das Besondere ist seine Lage an einer reizvollen Bucht. Es stand an der Küste ein sehr, sehr schöner Pinienwald vor dem eigentlichen Strand. Damit dieser schöne Blick für die Touristen zu sehen war, hatte man keinen der Schutzwälle errichtet, wie sie nicht überall an der Küste, aber oft zu finden sind. Ein einziger Pinienbaum hat übrigens die Tsunami überstanden. Durch das Salzwasser ist er jedoch eingegangen. Jetzt steht dort eine perfekte Replik, absolut nicht als solche zu erkennen.
Im Gebiet von Rikuzentakata ist die Tsunami acht Kilometer ins Land eingedrungen. Alle Häuser wurden zerstört bis auf drei oder vier. Man hat nur Gebäude stehen gelassen, in denen keiner gestorben ist, denn man lebt ungern in einem Haus, in dem jemand umgekommen ist. Also blieben nur Apartment-Blöcke aus Beton, in denen keine Toten gefunden wurden.

Katrin Paul: Rikuzentakata, Ippon Matsu, Winter 2015/16

Den Rest hat man abgerissen?

Genau.
Es gab einen Fluss, der begradigt worden war und der die Welle wie ein Kanonenrohr beschleunigt hat. So wurde das Wasser nach hinten in das nächste Tal geschossen. Die Tsunami traf auf ein Gebiet, hinter einem hohen Hügel, wo man das Meer nicht sieht. Du rechnest überhaupt nicht damit … Die Menschen, die direkt am Meer wohnten, haben zum größten Teil Versicherungen, aber die Leute im Wald denken: Wieso soll ich mich gegen eine Tsunami versichern, wenn ich das Meer noch nicht einmal sehen kann?

Was fandest Du vor, als Du in Rikuzentakata eintrafst?

Ich wusste von den Zerstörungen, auf das Ausmaß, auf das, was ich dort gesehen habe, fünf Jahre später, war ich überhaupt nicht vorbereitet.

Katrin Paul: Rikuzentakata, Rekonstruktion, Erdpyramiden, Winter 2015/16

Du klingst immer noch betroffen. Was meinst Du mit „Ausmaß“?

Das ist einmal die Naturkatastrophe. Dazu kommt, was mir hier an neuer Zerstörung begegnete: Die Verwüstung, die der Mensch im Nachhinein für den Wiederaufbau in für mich nicht nachvollziehbaren Maßnahmen betreibt, wirkt auf mich wie ein Schildbürgerstreich. Was bis jetzt unternommen wurde oder wird, ist Folgendes: Die Tsunami war offiziell 14 Meter hoch und inoffiziell zwischen 16 und 18 Meter. Jetzt wird diese Ebene, die völlig überflutet war, aufgeschüttet mit dem Ziel, sie um 12 Meter anzuheben. Um die Erde dafür zu bekommen, werden ringsherum die Berge abgeschlagen. Mit einem riesigen Aufwand transportiert man diese Erde ins Tal. Im Dezember konnte man die Förderbänder noch sehen. Die Erde wurde zu großen Pyramiden angehäuft und dann nach und nach verteilt. Man sah also den von den Zerstörungen der Tsunami aufgeräumten Landschaftsraum, in dem Pyramiden aus Erde stehen, sonst nichts. Diese Arbeiten waren noch nicht beendet, als ich Rikuzentakata verließ.
In dem Gebiet dürfen auch zukünftig keine Wohnhäuser stehen, nur noch kommerziell genutzte Gebäude. Das ist ein Problem, denn die meisten Menschen in Japan, auf den Dörfern oder auch in den Kleinstädten, leben in einer Verknüpfung von Werkstatt oder Geschäft und Wohnen. Viele haben mit der Tsunami ihr Haus, auf dem teilweise noch Kredite lagen, verloren und müssen jetzt zwei Häuser neu bauen. Sie bekommen zwar wieder Kredite, aber verknechten sich damit bis in die Generation der Urenkel. Das ist ein ganz großes Missverhältnis: dieses viele Geld, was in die Aufschüttungen gesteckt wird und die Probleme, die die Leute haben, die jetzt nach fünf Jahren immer noch in Containern leben. Es betrifft nicht alle, doch einige, und für viele stellt sich die Frage: Was soll ich machen? Ich kann mir nicht auf dem Berg ein Wohnhaus errichten und im Tal mein Geschäft wieder aufbauen. Daher fragen sich viele, für wen wird das jetzt aufgeschüttet? In anderen Gegenden wird übrigens eine Mauer hochgezogen, d. h. es kann passieren, dass z. B. ein Hotel nur knapp einen halben Meter vor einer 14 Meter hohen Mauer steht.

Katrin Paul: Rikuzentakata, Wiederaufbau durch Zerstörung

Erwarten die Menschen, dass Aktion gezeigt wird? Macht man das für die Öffentlichkeit?

Das ist natürlich politisch motiviert. Sicher, es gibt dazu tausend Meinungen und im Westen noch einmal tausend mehr. Die Menschen in Rikuzentakata sagen verständlicherweise, irgendwas muss halt gemacht werden. Ich weiß nicht, inwieweit jede Stadt selbst wählen darf, ob sie eine Mauer bekommt oder aufgeschüttet wird, oder wie das entschieden wird. Für mich waren diese neuen Zerstörungen ein wirklich großer Schock. Die Stadt lag sehr ungünstig, aber wunderschön. Durch diese unglaubliche Abholzung sieht die Gegend aus wie eine Mondlandschaft. Und deshalb dachte ich, ich werde hier überhaupt nicht arbeiten können. Ich kann hier nur gucken.

Katrin Paul: Rikuzentakata. Rekonstruktion, Landschaft, Meer, Winter 2015/16

Warum macht man diese Aufschüttungen, wenn dort niemand mehr wohnen darf?

Das ist eine Frage, die uns niemand beantworten konnte. Wenn man die Leute gefragt hat: Wie siehst Du das? Was meinst Du dazu?, haben sie gesagt: Irgendwas muss man ja tun! Es geht wohl auch darum, dass man die Region nicht sterben lassen will. Ich hatte vor meiner Reise bereits Bilder gesehen, dennoch war ich sprachlos!
Mit einer Frau habe ich mich länger und öfter unterhalten. Sie könne auch nicht sagen, ob das richtig oder falsch sei, sagte sie. Sie bedauerte es, dass die Landschaft so sehr „verändert“ wird – sie hat nicht von Zerstörung gesprochen – und dass man die Berge, insbesondere den Hausberg nicht mehr wiedererkennt. Einen anderen Einwohner habe ich nach seiner Meinung gefragt, und er meinte, er würde sie mir geben, bis ich abfahre. Er hat mir bei der Abfahrt einen Brief überreicht, in dem aber nur stand, dass er keine Haltung habe, weil ein Teil in ihm sage, es sei richtig, und ein anderer sage, es sei komplett unsinnig, was da gemacht wird.

Ist alles durch den Tsunami zerstört worden?

Ich habe Dir diese Landzunge gezeigt, die von beiden Seiten überschwemmt worden ist. Aufgrund der Austern- und Fischzucht war die Gegend wohlhabend. Dort stehen sehr viele alte, stattliche Bauernhäuser. An der Stelle gibt es keine Zerstörungen durch das Erdbeben. Diese Häuser sind nicht weggeschwommen, sondern nur überschwemmt worden. Und dann gibt es die Tempel, die durch jedes Rütteln immer fester werden. Ich habe gefragt: Warum wird heute nicht mehr so gebaut? Es kam die Antwort: Wer will und kann denn drei Monate auf sein Haus warten? D.h. das Wissen ist da, aber es muss schnell gehen, es muss konsumiert werden.
Das Gespräch mit einer Frau hat mich sehr berührt. Ihr Haus war nicht weggeschwommen, allerdings komplett durchspült worden. Sie sagte, manchmal wisse sie nicht, was emotional leichter gewesen wäre. Jetzt müsse sie alles in die Hand nehmen, alles reinigen, alles noch mal angucken und dann doch wegwerfen. Wenn alles weggewesen wäre, hätte sie bei Null wieder angefangen. Das sind Dinge, über die man sich als Nichtbetroffener keine Gedanken macht.

Katrin Paul: Wohncontainer in Rikuzentakata, Dezember 2015

Gab es eigentlich eine Zielvorgabe für die eingeladenen Künstler?

Die Hauptaufgabe war, dass man kommt, guckt, kommuniziert und weiterträgt wie durch unser Interview. Es gab keine Ausstellungspflicht. Ein greifbares Ergebnis war erwünscht, aber keine Pflicht. Es gab also keinen Druck, irgendwas aus dem Boden zu stampfen.
In meiner Arbeit spielt das Prozesshafte, das Alltägliche eine wichtige Rolle. Viele meiner seriellen Papierarbeiten entstehen durch Zerstörung: kratzen, beißen, brennen, werfen.
Oft ist auch Sprache ein wichtiger Aspekt in den Entstehungs- bzw. Herstellungsprozessen. Und nun hier in Rikuzentakata? Wo schon alles zerstört ist? Was ist hier alltäglich, was ist wichtig?
Nach zwei, drei Wochen habe ich mich wiedergefunden. Ich war nicht mehr ganz so sprachlos und habe mir überlegt, was mir Trost geben würde. Wenn du überlebst, dann musst Du ja weiterleben. Trost gibt etwas, das man aus der Kindheit kennt, wie warmer Griesbrei oder ein Nutellabrot. Das Nähren, die Nahrung können Trost geben. Außerdem ist das ein guter Moment, mit Einwohnern in Kontakt zu kommen. Also habe ich sie gebeten, mir ihr Reiswaschwasser zu geben und die verbrauchten Teeblätter. Reis ist in Asien Comfort-Food – grüner Tee ist wichtig. Diese zwei Dinge habe ich mir dann täglich von einer ausgewählten Gruppe von vier bis fünf Personen, die im Laufabstand erreichbar waren, abgeholt. In Asien wird der Reis gewaschen bis das Wasser klar ist. Diese erste Waschung, die noch sehr viel Stärke enthält, habe ich mir geben lassen. Sie wird in Japan auch zum Hausreinigen genutzt. Mein Anliegen war also für die Leute nicht ungewöhnlich, anders bei den Teeblättern, denn die waren verbraucht.
Ein weiterer Gedanke war: Wenn man alles verloren hat, möchte man sich wieder erden. Hätten die Leute gesagt, hier oder dort hat mein Haus gestanden, wäre das eine Nullinformation gewesen, denn diese Stellen waren schon aufgeschüttet worden. Also habe ich mir von verschiedenen Stellen der vielen aufgeschütteten Pyramiden ein Säckchen Erde mitgenommen, und diese Erde habe ich dann in einem ganz stoischen, meditativen, aber auch zähen Prozess auf Papier poliert.
Inzwischen konnte ich mich mit einer Geologin unterhalten. Ich habe ja beim Sammeln der Erde sehr verschiedene Erdtöne erhalten. Normalerweise hat der Mutterboden einer Region dieselbe Farbe. Eigentlich hätten sich nur ganz schwache Nuancen ergeben müssen, dadurch, dass die Berge abgeschliffen wurden und man dabei in die Tiefe gehen musste, erhielt ich die verschiedenen Farbtöne.

Katrin Paul, Dokumentation, Foto: JUN MATSUYAMA, 2015

Du hast dann die Erde, so wie Du sie vorfandest, in Kreisbewegungen aufgetragen? Wie man sieht, hat die Erde etwas mit dem Papier gemacht!

Ich habe die Erde genommen, wie sie war, kein Bindemittel und kein Wasser dazugegeben. Daher sind manchmal Kratzspuren sichtbar durch Steinchen, die in der Erde vorkamen. Bei anderen Proben war die Erde ziemlich feucht, und durch das lange Polieren wurde sie immer trockener, deshalb ist nur die Mitte so dicht, fast lehmig. Der Rand ist quasi nur noch Staub.
In anderen Arbeiten war die Erde verhältnismäßig feucht, dadurch hat sich das Papier ausgedehnt und Knicke bekommen. Manche Blätter haben Löcher durch die Steinchen. Mich interessierte das Prozesshafte, dieses Immer-Wieder-Wiederholen, immer wieder, immer wieder, und das ist für mich das Gefühl, das man nach so einer Katastrophe hat. Man muss einfach da durch. Man muss es immer wieder machen, dieses Überleben, dieses Weitermachen, deswegen auch der Kreis und das stoische Polieren. Täglich habe ich das Reiswasser auf Papier in kreisenden Bewegungen aufgetragen und die Teeblätter immer im Kreis auf Papier gelegt, wobei ich von einer Familie nur Kaffee bekommen habe.

Katrin Paul, Eternal Recurrence, Ausstellungsansicht Container Exhibition, Rikuzentakata 2015, Foto: Katrin Paul

Du installierst die Blätter an der Wand zu mehreren. Das ist dann jeweils ein Haushalt?

Ja. Das ist von den unterschiedlichen Personen, das ist der Tee und das ist der Kaffee. Daran siehst Du die unterschiedlichen Qualitäten und die Verarbeitung des Tees. Hier ist ein grobblättriger Tee, dort ein ganz feiner, noch kein Matcha, aber schon ein sehr, sehr feiner Tee. Die anderen wechselten ihren Tee. Der Kaffee war immer gleich. (lacht)
Hier die Arbeiten mit dem Reiswaschwasser. Aufgrund der Jahreszeit brauchten sie länger zum Trocknen und haben dadurch Konturen bekommen. Für mich hat das außerdem sehr viel mit den Bergen zu tun, wie sie zugerichtet wurden. Alles wurde in Kreisform aufgetragen. Ich bekam die Flüssigkeit in einer Plastikflasche und habe sie direkt auf das Papier geschüttet und mit der Hand verstrichen. Die einzelnen Blätter sind so angeordnet, dass sie gemeinsam ein Quadrat ergeben: Drei große Teebilder, neun kleine Teebilder, ein großes Erdbild und zwei quadratische Reiswaschwasserbilder. Insgesamt sind acht von diesen Quadraten entstanden.

Katrin Paul, Rikuzentakata, Prozess Tee, 2015, Foto: Katrin Paul

Die Kreisform hat ja noch mehr Bedeutungen als das bloße meditative „Immer-Weiter“. Sie steht auch für keinen Anfang und kein Ende haben. Für Endlosigkeit.

Deswegen heißt die Arbeit „rund und rund und rundherum“ („eternal recurrence“, jap. ぐるぐるぐるぐる „guruguruguruguru“): Du musst überleben und wieder von vorne anfangen, alles wiederholen! Die Kreisform ist für mich die natürlichste, weil sie in meiner Bewegung liegt, ich kann mich zwar eckig bewegen, aber das fühlt sich nicht natürlich an. In der Kreisform kommt die Bewegung immer zurück, der Anfang ist das Ende.

Hast Du öffentlich gearbeitet oder hattest Du ein Studio?

Es gibt den „Zukunftsmarkt“, das ist ein Viertel, in dem Schiffscontainer zu einer Art Marktplatz aufgestellt sind. Dort befinden sich ein Sushi-Laden, eine Chiropraktikerin etc. Wir Künstler haben uns drei ineinander verschraubte Container gemietet als Studio. Das heißt, ich war zugänglich, hatte immer die Tür geöffnet. Die Chiropraktikerin kam mit jedem neuen Patienten herüber, um zu gucken, was die Ausländerin macht.

Katrin Paul: Rikuzentakata-Container-Atelier, Ansicht Arbeitsprozess, 2015, Foto: Katrin Paul

Die kamen herein, interessieren sich und stellten Fragen?

Die Hauptgesprächspartner waren zum einen der Sushi-Meister und jene Chiropraktikerin. Beide sind extrem kommunikative Menschen, sehr offen und sehr interessiert. Sie haben immer wieder Leute mitgebracht – auch aus dem Wissen heraus, dass Ablenkung, immer wieder etwas Neues kennenzulernen, gut tut.

Gab es eine Abschlussausstellung? Wie waren die Reaktionen auf Deine Arbeiten?

Wir Künstler hatten zwar ganz unterschiedliche Projekte, fassten aber den Plan, zum Schluss eine gemeinsame Abschlussausstellung zu machen. Man überließ mir die Box, die beiden thailändischen Künstler – einer hat fotografiert und der andere wollte tausend Regenbogen sammeln, sie sich von anderen zeichnen lassen, – stellten mit unserem Betreuer, dem Maler gemeinsam in der Markthalle aus. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Obwohl ich japanisch spreche, war es natürlich nicht einfach zu vermitteln, was ich gemacht habe. Eine Sache hat mich dann sehr berührt: Ein Mann von der Statur eines stämmigen Bären hat mir abends gesagt, wenn sein Chef nicht dabei gewesen wäre, hätte er vor meiner Arbeit geweint. Das hat mich tief berührt, irgendwie wusste ich schon, dass ich da einen Punkt treffe …

Eine solche Reaktion gehört gewiss zum Prozess der Aufarbeitung eines Traumas. Deine Kunst scheint hier etwas ausgelöst zu haben, wenn du erzählst, dass der Mann so gerührt war, d. h. er arbeitet die Geschehnisse auf, also lässt er den Schmerz zu. Es gibt doch sicher auch die andere Reaktion: die völlige Verdrängung, und dem Klischee nach wäre das vielleicht für Japaner eher typisch. Wie ist die Aufarbeitung? Existiert vor Ort eine psychologische Betreuung? Gibt es Möglichkeiten, Gefühle zu kanalisieren?

Ich hörte, dass sehr viele Volunteers und einige Künstler gekommen waren, um mit Kindern oder in Schulen zu arbeiten. Alle Schulen haben gesagt, nein, die Kinder sind traumatisiert. Wir wollen das nicht. Sie haben es nicht so formuliert, aber sie wollen die Katastrophe nicht …

… lebendig halten?

Doch, ja, lebendig halten schon, im Sinne von Erinnern, sie wollen vielmehr verhindern, dass die Kinder benutzt werden, damit sich Künstler oder Volunteers darüber profilieren. Und das fand ich eigentlich sehr schlüssig. Im Gespräch haben manche sofort gesagt, ich habe das und das gesehen oder das und das erlebt und mein Kind, meine Frau, mein Hund, mein Mann sind gestorben. Ich traf auch auf Leute, die gar nichts mitgeteilt haben. Von diesen Straßenüberwachungskameras gibt es Filme, da siehst Du die Leute die Berge hochrennen und wer es nicht schafft … Das ist wirklich schwer auszuhalten! Es wirkt wie inszeniert, wie in einem dieser Katastrophenfilme, aber du weißt, das ist real …

Katrin Paul, Atelierausstellung, Rikuzentakata, Reiswaschwasser, Detail, 2015, Foto: Katrin Paul

Man hat ja noch die Bilder von dem Tsunami im Kopf, der 2004 auf Indonesien und Thailand traf!

Diese Gegend hat schon immer Erdbeben und schon immer Tsunamis erlebt. 1960 trat in Chile das schwerste Erdbeben des 20. Jahrhunderts auf. Zu jener Zeit gab es die Frühwarnsysteme für Tsunamis noch nicht, und auch diese Gegend wurde komplett zerstört durch die Tsunami, die von dem Erdbeben in Chile ausgelöst worden war. Vor dem Unglück 2011 gab es mehrere Beben und eine Tsunamiwarnung. Das war nicht die erste Tsunamiwarnung. Es war halt wieder eine Tsunamiwarnung. Und die Leute haben gesagt: Ja, ja.
Ich traf eine Frau, die oben auf dem Berg in einem Museum arbeitet. Sie hat die Tsunami gesehen. Das Meer ist komplett zurückgegangen, und so wie es zurückgegangen ist, ist es wiedergekommen. Sie hat es gesehen und konnte nichts machen. Alles was sie hatte, jeder, den sie liebte, war da unten.
Wir Ausländer haben immer jedes Erdbeben gezählt und kommentiert und dann haben wir beim Leben dort gelernt: Das Gefährlichste ist, wenn es nicht bebt. Wenn es nicht bebt, baut sich die Spannung auf, man weiß, es kann immer schlimmer werden, und dann macht es solch einen Riesenschlag. Das schwerste Beben, das ich in den 13 Jahren erlebt habe, war – wenn ich mich richtig erinnere – eine 4,8 oder 5,0. Da war ich gerade im Begriff, eine Treppe herunterzugehen und musste mich festhalten und setzen. Eine neun wie beim Tōhoku-Erdbeben 2011 ist für mich unvorstellbar.

Das Gespräch führte Isa Bickmann

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erstellt am 05.12.2016

Katrin Paul
Katrin Paul, Foto: Dieter Schwer

Katrin Paul

1966 in Frankfurt geboren; 1992 Diplom in Photo-Design an der Fachhochschule Dortmund; 1997 Diplom Hochschule für Gestaltung Karlsruhe; 2001 M.A., Tama Art University, Tokio, Japan; 2004 Ph.D., Art Tama Art University, Tokio, Japan, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Website der Künstlerin

Einzelausstellungen
2012 Museum Goch, Goch, 2011 Aufschlagen Hakone Museum of Photography, Hakone, Japan, Zusammenfassen Youkobo Art Space, Tokio, Japan, 2010 Durchbeissen projektraum schwarz, Berlin, Aufgelöst Kristallisiert 融解:結晶, Creative Center Osaka, Osaka, Japan, 2009 Durchbeissen, Youkobo Art Space, Tokio, Japan, Lichtpunkt | 舞う International Art Village, Nishiaizu, Fukushima, Japan, 2008 20070714_No4Youkobo Art Space, Tokio, Japan, 2007 ARE YOU IN LINE? alpha Gallery, Saigon, Vietnam, 100 100 100 0 or 0 0 0 100 und des Teufels GrossmutterYoukobo Art Space, Tokio, Japan, 2004 KEOPS Project /The Flanders Center Photographic Gallery, Osaka, Japan, 2002 Katrin Paul Solo Exhibition Yokohama Museum of Art and Yokohama Portside Gallery, Yokohama, Japan, 2000 PlayingSummer Gallery Shimada, Tokio, Japan, Fuji Photo Salon, Tokio and Osaka, Japan, Galerie Ohm, München, 1999 skindeep LIGHT WORKS, Yokohama, Japan, Murata & Friends, Berlin, 1995 Gallery Canolfan, Nagoya, Japan

Gruppenausstellungen
2016 Galerie Maurer, Frankfurt, 2015 Nice Meeting You:, temporary container box exhibition, Rikuzentakata, Iwate, Japan, Paper Gobal III, Stadtmuseum und Handwerksmuseum Deggendorf, 2014 Paper Biennial Rijswijk 2014, Rijswijk, NL, 2013 Zuviel? Zuwenig? Kunstverein ArtHAUS, Ahaus, un-fold Barriera, Turin, Kessler Contemparary, Valencia, A room, Helsinki,2012 La Mutante, Valencia, Asme Galerie, Berlin, 2011 Trolls Open Air Art Exhibition, Zempukuji Park, Tokio, Japan, 2010 Iwami International Exhibition of Contemporary Art Iwami, Tottori, Japan, UND#5 Karlsruhe, sense perceptionThe Third Gallery Aya, Osaka, 2007 Yatsuo Slow Art Show Yatsuo, Toyama, Japan, glue, Berlin, 2006 Mana Fine Arts, Jersey City, NJ, USA, Contemporary Art Factory, Tokio, Japan, 2005 wanakio Okinawa, Japan, Sagamihara Photo Festival Tokio, Japan, 2004 Tama Art Museum, 2003 wanakio Okinawa, Japan, 2002 wanakio Okinawa, Japan, 2001 Best 12 Contemporary Art Factory, Tokio, Japan, FIELDWORKS Contemporary Art Factory, Tokio, Japan, 1998 Art Festival in Tsurugi Tsurugi, Japan, Yamagata Landscape Art Festival Shinjo, Japan, 1996 Begegnungen mit dem Fremden Reiss-Museum der Stadt Mannheim, Mannheim, 1995 Multimediale 4 Karlsruhe, 1994 Widerstand – heute?! Villa Merkel, Esslingen, Stellwerk Design-Zentrum Nordrhein-Westfalen, Essen, 1993 Dauerbrand Badischer Kunstverein, Karlsruhe, Focus Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund, 1992 Zeche Zollverein, Essen, 1989 The Other Photography Gerrit Rietveld Academy, Amsterdam, Focus Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund