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Gisela von Wysockis Roman „Wiesengrund“ kreist um den Philosophen Theodor W. Adorno. Die Autorin erzählt aus der Sicht der Protagonistin Hanna Werbezirk, zu Beginn des Romans siebzehn Jahre jung und in Salzburg beheimatet. „Wiesengrund“ ist eine zarte, ja zärtliche Liebeserklärung an einen der großen Denker des letzten Jahrhunderts, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Gisela von Wysocki: Wiesengrund

„Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.“

Mit diesem, durchaus nicht unkomplizierten Gedanken, beginnt das Hauptwerk eines einst berühmten, doch, zugegeben, auch berüchtigten Philosophen, seine „Negative Dialektik“ aus dem Jahr 1966. Sein Einfluss war enorm, vor allem auf eine neue, heranwachsende Studentengeneration, und, damit verbunden, auf das intellektuelle Klima der jungen Bundesrepublik. Drei, vier Jahrzehnte hielt diese Wirkung an. Sie stand sicher in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu der Schwierigkeit, ihn zu verstehen. So proklamierte er beispielsweise:

„Wahrheit“, sei „objektiv“ und eben „nicht plausibel.“

Die Schwierigkeit einer gedanklichen Anstrengung wurde damals weniger als Zumutung, eher als Herausforderung begriffen.

Nur, dieser Hinweis scheint mir jetzt angebracht, wir reden hier von einem Roman. Auch wenn dieser Roman, ähnlich wie kürzlich Sibylle Lewitscharoff mit ihrem „Blumenberg“, von einem Philosophen handelt. Es wird erzählt. Nicht philosophiert. Es geht um eine Geschichte, nicht um eine Theorie. Es geht um das Studium einer jungen Salzburger Studentin in der noch immer vom Krieg gezeichneten Stadt Frankfurt am Main.

Von heute aus gesehen, erscheint das alles wie ein Märchen. Doch der Mann, der uns vorgestellt wird, meinte es ernst. Er verlangte viel. Sehr viel, von seinen Lesern, seinen Zuhörern, seinen Studenten. Für das etwa drei Seiten umfassende Protokoll einer seiner Seminar-Sitzungen, planten seine Studenten die ganze darauf folgende Woche ein. Viel Arbeit, sie wurde mit einem Seminar-Schein belohnt. Seine Ansprüche waren hoch.

Er war, zu seiner Zeit, im Hörsaal, im Radio und auch schon vor der Kamera, ein „Star“, selbst wenn man nie gewagt hätte, ihn so zu nennen. Denn er blieb Philosoph, egal ob er von den „theologischen Mucken der Warenform“ oder der Traumfabrik Hollywood sprach. Seinetwegen kamen die Studenten aus aller Welt nach Frankfurt, auch Gisela von Wysocki.

Damals war das Radio noch eine Art Leitmedium. Wer im Radio sprach, wurde gehört. Und einer wie er gleich an der Stimme erkannt. Es war keine wirklich angenehme Stimme. Eher hoch und scharf und sehr prononciert. Das Fernsehen, noch wenig verbreitet, verfügte nur über ein einziges Programm. Aber auch dort war er zu sehen. In Diskussionen, deren intellektueller Anspruch heute unkontrollierbare Affekte provozieren würde. Er wurde bekannt. Er wurde berühmt.

Er wurde „Adorno“.

Ein kleiner rundlicher Mann, mit dem ernstem Blick, den man sich lachend kaum vorstellen konnte, obwohl er mit seinen gut platzierten Bonmots wie dem von der „Fledermaus in Hollywood“, einer Léhar-Operette unter der kalifornischen Sonne, gerne seine Vorlesungen aufzulockern suchte, oder wenn er beim Studentenfasching im schwarzen Anzug mit einer seidenen Narrenkappe auf dem Kopf erschien. Gern bezog er sich auch auf den „Schneider Wibbel“, ein Frankfurter Original, um nicht nur seine Herkunft aus dieser Freien Reichsstadt zu betonen, sondern, mehr noch, um seine Gedanken in der Lebenswelt zu verankern und damit eine Verbindung herzustellen zwischen Reflexion und Realität. Von diesem Vermögen haben einige seiner Schüler einiges gelernt, zum Beispiel auch Gisela von Wysocki.

In vierunddreißig oft kurzen Kapiteln, nähert sie sich dem Phänomen „Wiesengrund“, dem Philosophen und mehr noch, dem Menschen, der dahinter aufscheint. Aus der Entfernung, nicht nur der geographischen, sucht sie die Annäherung. Sie wahrt Distanz und wünscht gleichwohl die Nähe.

In der Universität war der Philosoph immer von Studenten umgeben, manche in respektvoller Entfernung, gefeit vor der Gefahr, womöglich angesprochen zu werden. Andere in unmittelbarer Nähe. Doch alle spürten, selbst in der Distanz, eine Art von Aura, die ihn umgab. Sogar einen Hauch des Erotischen.

In seinen späten Jahren warteten immer hunderte von Studenten auf ihn. Der größte Hörsaal der Universität war proppenvoll, in den Türen, auf den Gängen standen Zuhörer, selbst auf der kleinen Empore, auf der das Pult stand, lagerten sich die Studenten. Mühsam kämpfte der Professor sich durch. Nickte kurz einigen zu, denen er seine Gunst antrug. Und dann begann er zu sprechen, frei, aber hochkonzentriert, ging zuweilen einige Schritte nach links, um junge Damen, die er kannte und die, oft mit Bedacht, zu spät gekommen waren, kopfnickend, während er immer weiter sprach, zu begrüßen. Ein vorweg, von seinen Hilfskräften umständlich aufgestelltes und in Betrieb gesetztes riesiges Tonbandgerät zeichnete seine Vorlesungen auf. Die Stimme, metallisch klar, konnte schneidend klingen. Das warme Timbre, über das er verfügte, kam nur im privaten Rahmen durch. Jedes seiner Worte im öffentlichen Auftritt saß. Er sprach mit einer bewundernswerten Präzision, streute gern handfeste Verweise ein, ohne, wie er zu sagen pflegte, „in der Sache“ nachzulassen. Er entwickelte seine „Negative Dialektik“, entwarf die Grundzüge seiner „Ästhetischen Theorie“, in langen Satzkaskaden. Es war alles andere als einfach, ihm zu folgen. Doch nahezu alle seiner Zuhörer versuchten es. Die Faszination, die von dieser ‚Figur’ ausging, hatte nicht das Verführerische, wie es Thomas Mann in seiner Erzählung „Mario und der Zauberer“ aufscheinen lässt. Es war nur, als würde der ‚Weltgeist’ selbst aus ihm sprechen. Sogar seine Manierismen nahm man ihm ab, weil man stets spürte: ihm geht es um die „Sache“.

Wie gesagt: klein, dicklich, stets im Anzug, entweder mit Weste oder in einem Pullover mit V-Ausschnitt, immer mit Krawatte, außer Hauses stets mit Hut, im Sommer gern mit einem hellen Panama, der leicht nach hinten geneigt, die helle, hohe Stirn und vor allem die dunklen Kulleraugen gut zur Wirkung kommen ließ. Dieser Mann war für eine ganze Epoche zur Ikone geworden, viel bewundert, von seinen politischen Gegnern auch gehasst. Geliebt, das glaube ich eher nicht. Ihn umgab, zumindest in der Öffentlichkeit, etwas, das Abstand signalisierte. Eine unsichtbare Mauer.

Eben: Prof. Dr. Theodor W. Adorno.

Das „W“ stand, was damals, in den fünfziger Jahren bis zum Ende der sechziger kaum jemand wusste, für Wiesengrund, seinem Geburtsnamen, dem Namen seines Vaters, Oscar Wiesengrund, einem Frankfurter Weingroßhändler. „Adorno“, das war der Name seiner Mutter, verkürzte seinen Namen bei seiner Emigration nach Amerika, vermutlich um die schon am Namen erkennbare hohe (nämlich hundertprozentige) Quote der jüdischen Mitglieder des später legendären Instituts für Sozialforschung, das an der Columbia University in New York Unterschlupf gefunden hatte, vermeintlich zu verringern. „Wiesengrund“ steht auch auf dem kleinen Denkmal, das ihm Thomas Mann als Dank für Adornos Mithilfe in seinem „Doktor Faustus“ gesetzt hatte.

„Wiesengrund“ – so heißt nun auch der neue, eben erschienene Roman von Gisela von Wysocki, ihr zweiter, nach ihrem erzählerischen Debut „Wir machen Musik“, 2010. Tatsächlich ein Roman. Nicht etwa, was bei ihrer ‚Herkunft’ nahegelegen hätte, ein Essay. Mit „Die Fröste der Freiheit. Aufbruchsphantasien“, 1981, einer Sammlung von Essays, unter anderem über Sylvia Plath, Unica Zürn, Leni Riefenstahl, war sie auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Gisela von Wysocki erzählt. Sie erzählt von einem jungen Mädchen, Schülerin noch, in Salzburg, Hanna Werbezirk, und deren erster Bekanntschaft mit dem Philosophen, und zwar unter der Bettdecke.

Tatsächlich wird, durch einen leicht mädchenhaften Ton der Erzählung noch verstärkt, der strikt akademische Rundfunk-Vortrag zugleich zum erotischen Erlebnis. Eine Verlockung, wie sie vielleicht Odysseus durch die Sirenen erleben konnte, wird in dieser Prosa spürbar.
Hannas Vater, ein Astronom, stets mit seinen Sternen beschäftigt, wähnt sie schlafend, während sie, das Radio gut verhüllt und sehr leise eingestellt, mühsam nach Luft und ebenso nach den Worten schnappend, versucht, etwas von dem zu verstehen, was sie ebenso elektrisiert wie fasziniert, ein Philosoph im „Nachtstudio“ des Rundfunks.

Der Begriff der platonischen Liebe ist hier angebracht. Eros mit Erkenntnis verschränkt. Die hohe, metallische Stimme, verkündet ein Versprechen. Ihr erst einmal nur zu Teilen verständlich. Führt sie in das Reich von Ideen und Gedanken. Hinzu kommt das Verbotene ihres Tuns – eben unter der Bettdecke, das alles zusammen schafft einen Raum von hoher, auch sinnlicher Attraktivität.

Wiesengrunds Einfluss zeigt sich auch bald schon in Hannas schulischem Verhalten. Sie eckt an, provoziert ihre reaktionären Lehrer zu genau jenen Ressentiments des gesunden Menschenverstands, der alles ablehnt, was ihn übersteigt. Ihr Philosoph konnte sich darüber trefflich auslassen.

Eines Tages wagt die kleine Salzburger Schülerin an den großen Frankfurter Professor zu schreiben.

Die Antwort hatte auf sich warten lassen.

Doch ein Anfang war gemacht. Und später einmal, in der Sprechstunde des Philosophen, kommt der, dank seiner aufmerksamen Sekretärin, auf diesen Brief aus Salzburg zurück. Hanna Werbezirk spürt hier, wie ein Traum Wirklichkeit wird.

Sie hatte ihren Philosophen, über Wochen, bereits im Hörsaal erlebt und steht ihm jetzt erstmals unmittelbar gegenüber. Die erotische Attraktivität des kleinen, rundlichen Mannes bleibt dabei seltsamerweise ungebrochen. Es gelingt Gisela von Wysocki nämlich, diese feinen Grenzlinien, die beides, Erotik und Sexualität, auseinander zu halten und zugleich deren Verbindung zu zeigen. Adorno wirkte, offen gesagt, alles andere als attraktiv. Trotzdem ging eine mächtige Attraktion von ihm aus. Der kleine dickliche Mann verkörperte schließlich den großen ‚Geist’.

Warum Gisela von Wysocki ausschließlich von „Wiesengrund“ spricht, aber naturgemäß genau den Adorno meint, den wir kennen, das ist mir bis zum Ende nicht ganz klargeworden, zumal das Initial „W.“ in seinem Namen den frühen Wiesengrund immer, wenn auch verkürzt, mit sich trägt.

Die Philosophie wird zum Ereignis. Der Philosoph zu einer sinnlichen Erscheinung. Das wurde er, damals, für viele.

Gisela von Wysocki erzählt natürlich auch von dem Studentenleben in der noch sichtbar vom Krieg gezeichneten Stadt. Man wohnte in aller Regel zur Untermiete oft und eher unfreiwillig mit Familienanschluss. Man lernte gemeinsam, in kleineren Gruppen, man begann sich zu organisieren. Man besuchte studentische Versammlungen, auf denen bereits politische Fragen diskutiert wurden. Die junge Hanna Werbezirk nimmt das alles mit großen Augen staunend wahr. Auch eine, für sie recht überraschende Einladung des Philosophen, mit ihr eine neu eröffnete – man möchte es kaum glauben! – „Zoohandlung“ in Sachsenhausen zu besuchen. Die beiden treffen sich, einige Tage später, auf der Straße vor dem Geschäft.

Die Zoohandlung hat zwei große Schaufenster, deren Boden mit Sand bestreut ist. Hier und da sind ein paar Gräser und Andeutungen von Strauchwerk zu sehen. Auf diese Weise stören Käfige nicht weiter. Sie sehen aus, als wären sie ein für ihre Bewohner von Natur aus bestimmter Aufenthaltsort. Wiesengrund wartet schon, in ihren Anblick vertieft. In den der Käfige oder den der Tiere? Bei unserer Begrüßung tritt dieses ganz bestimmte Lächeln in sein Gesicht, es lässt das Weiche, das Weiße der Züge noch nachgiebiger, noch wehrloser erscheinen.

Der unterdessen weltberühmte Philosoph erscheint ihr als „wehrloser“ Mensch. Das ist schon sehr genau beobachtet. Das „physiognomische Denken“ Adornos, das hier zum Ausdruck kommt, berührt den Kern seiner Philosophie. Die Sensibilität des Mannes macht ihn nicht nur angreifbar, sondern mehr noch: schutzlos. Hier nähert sich Gisela von Wysocki nicht nur ihrer Figur „Wiesengrund“, sondern zugleich dem Zentrum von Adornos Philosophie. Sie fährt kein schweres Geschütz auf, spricht weder von Zwangsidentität noch vom Vorrang des Objekts, sondern schlicht vom Leiden eines Menschen – und trifft damit genau den zentralen Impuls, dem dieses Denken folgt.

Gisela von Wysocki kann, wie ihr Lehrer, genau hinsehen. Sie sieht die Pein, die ihr widerfährt, ebenso wie die Angriffsflächen, die der Philosoph bietet. Etwa bei einem Essen im Kronberger Schlosshotel, zu dem er Hanna mitgenommen hatte:

Wiesengrund hat seine rechte Hand auf meinem Unterarm abgelegt. Die Geste hat etwas von Gedankenlosigkeit an sich. Die Hand auf meinem Arm sieht aus, als wäre sie dort vergessen worden.

Ein Narr, wer da noch Böses denkt. Weiter geht Gisela von Wysocki nicht in der Entmystifizierung ihres Helden. Sie kommt ihm nie, an keiner Stelle zu nahe. Sie vermeidet die Gefahr, von der Hegel so hübsch gesprochen hat, als er meinte, dass es für einen Kammerdiener keinen Helden gebe. Nicht weil der Held kein Held, sondern weil der Kammerdiener Diener sei. Sie sieht die Schwächen, die der Philosoph zeigt. Das mindert nicht ihre Faszination. Der Roman „Wiesengrund“ ist eine zarte, ja zärtliche Liebeserklärung an diese faszinierende Figur, einen der großen Denker des letzten Jahrhunderts. Doch nicht der Philosoph steht im Zentrum, sondern „Wiesengrund“, der Mensch. (Das könnte der Grund für den Titel sein?) Der Mensch, mit seinem Charme, seiner Liebenswürdigkeit, seiner immensen Strahlkraft, seiner chinesischen Höflichkeit, der Attraktivität, die von ihm ausging, und auch – mit seinen unverkennbaren Schwächen.

Kurzum: ein schönes, altmodisch gesagt, ein feinfühliges Buch, voller Sympathie, ohne Indiskretion, über eine Zeit, die noch nicht so lange vergangen und doch schon ewig her ist.

Kommentare


Alban Nikolai Herbst - ( 20-04-2017 10:24:39 )
S c h ö n e Kritik! (Wie aber auch Otto A. Böhmers dort: http://www.faustkultur.de/3075-0-Gisela-von-Wysocki-Wiesengrund.html )

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erstellt am 02.12.2016

Gisela von Wysocki
Wiesengrund
Roman
Gebunden, 264 Seiten
ISBN-13: 9783518425497
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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