Noch immer ist Hermann Hesse ein Bestsellerautor. Sein Leben und sein Lebensstil sind eine Quelle für fiktionale und wissenschaftliche Erkundungen. Thomas Lang durchleuchtet in seinem neuesten Roman Hesses erste Ehe, und ein prächtiger Bildband präsentiert Hesses Garten am Bodensee, wo sich diese Ehe abspielte. Stefana Sabin hält beide Bücher für schöne Ergänzungen zur Hesse-Philologie.

Neue Bücher zu Hermann Hesse

Der Selbstsucher mit dem grünen Daumen

Nachdem er eine Buchhändlerlehre absolviert und auch schon Gedichte und Erzählungen veröffentlicht hatte, gelang Hermann Hesse 1904 der literarische Durchbruch mit dem zivilisationskritischen Bildungsroman Peter Camenzind. Als erfolgreicher Dichter heiratete er die Schweizer Fotografin Maria Bernoulli, genannt Mia, und ließ sich mit ihr in Gaienhofen, einem abgelegenen Dörfchen am Bodensee, nieder, wo sie ein einfaches, naturverbundenes Leben führten. Es war eine Idylle, aber diese Idylle war trügerisch, suggeriert Thomas Lang in seinem Hesse-Roman, in dem er diese erste Ehe als Rahmenhandlung benutzt.

Langs Hesse reist viel – Heilkuren für seine Magen- und Kopfschmerzen oder lebensreformerische Experimente oder Fernreisen –, und wenn er zu Hause ist, entzieht er sich dem Familienleben. „Er will bei Mia sein und gleichzeitig nur weg von allem.“ Die Kinder nerven ihn, die Frau wird ihm zunehmend fremd, die Ehe zerbricht. „Er spürt, wie die Fäden schlaff werden, die ihn mit seinem Alltagsleben verbinden, und er genießt das.“

Eigentlich ist dieser Hesse auf einer inneren Reise zu sich selbst, so jedenfalls porträtiert ihn Lang und gibt seinem Roman einen Titel, der aus Novalis zitiert ist: „Immer nach Hause“. Dieser Titel weist auf Hesses Sehnsucht nach einem idealen Zuhause und zugleich auf seine reale Unruhe hin. „Und ich bleibe ein Wanderer, der immer an den besseren Ort gelangen will und niemals dort ankommt,“ denkt Langs Hesse über sich selbst.

So ist es der Dichter als Selbstsuchender, der im Zentrum des Romans steht. Lang beschreibt Hesses Befindlichkeit zwischen bürgerlichem Verantwortungsgefühl und reformerischer Lebensvorstellung und sieht in der Gratwanderung zwischen Schreibwut und Schreibhemmung einen Reflex darauf. Der Roman deckt die Zeitspanne zwischen 1907 und 1918 ab und stellt dank vieler Vor- und Rückblenden („wir springen einmal zurück“ oder „wir springen noch einmal in der Zeit“) doch einen ganzen Lebensentwurf vor.

»Ein schönes, zu beneidendes Los«

Zu diesem Lebensentwurf gehörte der Garten, den Hesse in Gaienhofen entwarf und den Mia pflegte. 1907 kaufte Hesse von einem Landwirt am Bodensee etwa 1.600 Quadratmeter, also weniger als einen Hektar Ackerland, und legte einen Gemüse- und Blumengarten an. Nur ein Jahr später kaufte Hesse Land hinzu, legte einen Obstgarten an – „der untere Garten“, wie Mia diesen Teil nannte – und baute eine Laube. „irgendwo heimisch zu sein, ein Stückchen Land zu lieben und zu bebauen, nicht bloß zu betrachten und zu malen, teilzuhaben am bescheidenen Glück der Bauern und der Hirten, am vergilischen, in zweitausend Jahren unveränderten Rhythmus des ländlichen Kalenders, das schien mir ein schönes, zu beneidendes Los“, schrieb Hesse im Rückblick 1931.

Als die Ehe schon bröckelte und die Hesses nach Bern zogen, verkauften sie Haus und Garten. Die neue Besitzerin kaufte Land hinzu und vergrößerte den Obstgarten, aber schon nach wenigen Jahren zog sie ihrerseits weg und verkaufte ihrerseits das Anwesen an einen Dresdner Maler. Anfang der 1990er Jahre geriet es an einem Investor, der die Bäume fällen und vier Doppelhäuser bauen ließ.

Als 2003 das ursprüngliche Haus abgerissen und das Gartengelände überbaut werden sollte, kauften Eva Eberwein und ihr Mann das Grundstück und begannen, das verfallene Haus zu renovieren und den verwilderten Garten freizulegen. Nach akribischen Recherchen und detailversessener Arbeit stellten die Eberweins – gefördert durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz – den Hesse-Garten wieder her, der seit 2009 besichtigt werden kann. In dem Band „Der Garten von Hermann Hesse“ erzählt Eva Eberwein von ihrem biographischen Verhältnis zu diesem Ort, von ihrem Entschluss den Garten zu rekultivieren und zu bewahren und von ihrer Begeisterung, wenn die Kapuzinerkresse, Hesses Lieblingsblume, wieder blüht. Historische Bilder, Zitate und die Fotos von Ferdinand Graf Luckner stellen den Garten von Hermann Hesse in seiner Pracht vor.

Während also Thomas Lang ein Porträt des Dichters auf der Suche nach sich selbst mit grünem Daumen zeichnet und die Entstehung des Gartens in Gaienhofen am Bodensee beschreibt, so gibt der Band von Eva Eberwein einen Eindruck von dem landschaftlichen Entwurf, mit dem sich Hesse beschäftigt hat. Beide Bücher werden den Hesse-Afficionados gefallen und die, die es noch nicht sind, neugierig machen.

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erstellt am 01.12.2016

Thomas Lang
Immer nach Hause
Roman
Gebunden, 379 Seiten
ISBN-13: 9783827013330
Berlin Verlag, 2016

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Eva Eberwein
Der Garten von Hermann Hesse
Mit Fotografien von Ferdinand Graf von Luckner
Gebunden, 160 Seiten, 103 Farbfotos, 23 s/w-Fotos
ISBN-13: 9783421040343
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016

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