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Die Schauspielerin Natalie Portman hat Amos Oz' Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ verfilmt. Aus dem engmaschigen Gewebe aus Ereignissen, in das Oz eine Geschichte von Liebe, Entfremdung, Verzweiflung und Tod einbettet, ist eine fragmentarische Film-Erzählung geworden, die eine Mutter-Sohn-Beziehung bebildert, meint Stefana Sabin.

Amos Oz-Verfilmung von Natalie Portman

Immer die Mutter

Es beginnt mit einer Frauenhand, die spielerisch nach einer Kinderhand greift, während die dazugehörende Stimme eine Einschlafgeschichte erzählt. Von dieser ersten Einstellung an bleiben Mutter und Sohn die Hauptfiguren in dem Film, der so heißt wie der Roman von Amos Oz, auf den er zurückgeht: „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“.

Der Roman, 2004 erschienen, war autobiographisch insofern, als Oz die Lebensläufe seiner Eltern und Großeltern und seine eigene Kindheit als Erzählrahmen benutzte, um das Verhältnis zwischen der Realität der Fiktion, die der Schriftsteller entwirft, und der Fiktion der Realität, aus der er schöpft, zu erkunden. Oz schlug große narrative Bögen zu den politischen und sozialen Umständen, die seine Großeltern und Eltern aus Polen zur Einwanderung nach Palästina bewogen hatten, und zeigte, dass ihre Entscheidung weniger von zionistischem Ethos als von Überlebenswillen geprägt gewesen war und dass in Palästina und in dem dann neugegründeten israelischen Staat das Leben wiederum zum Überleben wurde. So fügte Oz Ereignisse aus seiner Kindheit, die er im Jerusalem der 1940er Jahre verbracht hat, Anekdoten über seine Verwandten und über Freunde seiner Eltern, die alle der aschkenasischen Intelligenzija angehörten, Überlegungen zur politischen Lage gegen Ende der britischen Mandatszeit in Palästina und nach der Gründung des Staates Israel, und Reflexionen über Klassiker der neuhebräischen Literatur wie Agnon und Bialik, an denen er sich sprachlich geschult hat, zu einer invertierten Entwicklungsgeschichte über einen Jungen, der aus der Großstadt aufs Land zieht, um sich zu (er)finden. Im Roman ist der zentrifugale Punkt dieser Entwicklungsgeschichte der Selbstmord der Mutter, der den Jungen seinem Vater und der Familie entfremdet, so dass er aus dem bildungsbürgerlichen Milieu ausschert, um in einem Kibbuz ein einfaches, naturverbundenes Leben zu führen.

In dem Film, den die israelisch-amerikanische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Natalie Portman als Regisseurin, Drehbuchautorin, Hauptdarstellerin und Interpretin des Titellieds Cossack Lullaby zu verantworten hat, ist die Beziehung zwischen Mutter und Sohn der eigentliche Anker der Handlung. Aus dem engmaschigen Gewebe aus Ereignissen und ihren erinnerten Reflexen, in den Oz eine dramatische Geschichte von Liebe, Entfremdung, Verzweiflung und Tod, also die titelgebende Geschichte von Liebe und Finsternis, einbettet, ist eine fragmentarische Film-Erzählung geworden, die eine Mutter-Sohn-Beziehung bebildert und in der erst die Erzählerstimme aus dem Off das Unglück der Mutter einigermaßen erklärt. Das Pathos der Eingangseinstellung spiegelt die letzte Einstellung des Films wieder, in der die Erzählerstimme „Mutter“ ausspricht, während er das Wort aufschreibt.

Das sozial-historische Panorama bleibt im Film kulissenhaft, wozu auch die historisierenden Bilder des polnischen Kameramann Slawomir Idziak beitragen. Obwohl der Film in Jerusalem gedreht wurde, haben die Außenaufnahmen wenig Authentisches, sondern gleiten eher ins Kitschige ab – wozu auch die melancholisch-traurige Musik von Nicholas Britell beiträgt. Jedenfalls ist es Portman als Drehbuchautorin nicht gelungen, aus dem komplexen literarischen Konstrukt des Romans eine kohärente und nachvollziehbare Film-Geschichte zu destillieren – und als Regisseurin ist es ihr nicht gelungen, die Geschichte für den Film neu zu erfinden.

Filmtrailer: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

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erstellt am 27.11.2016

Das Buch zum Film:

Amos Oz
Eine Geschichte von Liebe und Finsternis
Roman
Broschiert, 828 Seiten
ISBN-13: 9783518459683
Suhrkamp Verlag, Berlin

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