27. November 2016

Textland

Nachtfahrt der Seele

Man muss dem Tod zuvorkommen – Jutta Winkelmann beendet die multimediale Dokumentation ihres Lebens mit einer Krankengeschichte.

Schließlich geht es nur noch darum: wach zu sein mit Schmerzen, die leicht unerträglich werden, oder unterzugehen im Medikamentenschlummer nah der Bewusstlosigkeit.

Das Leben am Rand des Todes geizt sogar mit Illusionen. Jutta Winkelmann notiert ihre letzten Reinfälle in der Folge vorsichtiger Hoffnungen. Tumore greifen die Autorin an, ihr zerstörtes Rückgrat wurde mit Zement geflickt. Der sarkomen Gier entreißt Jutta eine Geschichte vom wilden Tier Tod.

James Hetfield bemerkt in einem Interview, er würde sich nirgendwo auf der Welt so lebendig fühlen wie im Wald angesichts einer frischen Strecke. Der Vorgang des Tötens und der Anblick des Getöteten verpassen seiner Befriedigung einen Klimax mit dem Potential einer Katharsis. Um es verschraubter als Hetfield zu sagen: Vielleicht deklarieren wir eine humane Konstante als Atavismus, um uns zu blenden. Kommt es knüppeldick, zeigt sich im Überlebenswillen auch der Veganer ein merkwürdiger Stolz. Der Stolz, andere überlebt zu haben. So stellt sich auf dem Vorhof die Frage, wen könnte man denn noch? Unter dem Druck andauernder Erpressungen, wie sie in den Banditendiktaturen der Knochenfresser üblich sind, klärt sich das Bewusstsein bis zum Wahnsinn – und so stellt Jutta Winkelmann mit geringem Lustgewinn (bei gleichzeitiger Trauer) fest, dass Bommi Baumann vor ihr gehen musste. Und jetzt auch noch Leonard Cohen, der dem Schmerzbuch ein Motto stiftet. Bloß Bob, mit dem Jutta in der Zeit des vollen Glanzes eine Woodstockvoodooséance, die das kosmische Gleichgewicht erschütterte, Sterne in Trance versetzte und Jahwe mit Shiva versöhnte, in der Küche von Dennis Hopper oder Kris Kristofferson abhielt, macht einen auf unsterblich. Am Morgen nach der spirituellen Himmelfahrt flog Jutta into the great wide open. Auf Sardinien landete sie mit Rainer Langhans im Bett. Rainer wollte Energie sparen, Jutta empörte sich: Dafür habe ich Bob Dylan verlassen.

Zeit ihres Lebens kämpft Jutta mit Zwillingsschwester Gisela verh. Getty, um ein Leben, in dem Selbstbestimmung und Einzigartigkeit Hochzeit feiern. Niemand konnte ihr bisher erklären, dass kein Mensch so einzigartig frei ist wie sie es wohl für möglich hält. Erst die Krankheit individualisiert sie total, wie schrecklich ist das denn.
Eine, die sich immer zurückgestumpt fühlte, will wenigstens mit dem tödlichsten Schmerz in die erste Reihe der Aufmerksamkeit. Mit Heilerwartungen soll in Indien transzendiert werden, Christa Ritter und Brigitte Streubel erweitern die Reisegesellschaft. Ein Knie, zeigt wie kompliziert es sein kann. Es ist kein Knie von Jutta.

„Innerlich rase ich. Dann bricht es heraus. Im Blog komme ich kaum vor, nicht der Anlass der Reise, nicht, dass ich ihnen die Reise geschenkt habe, undankbare, narzisstisch gestörte Weiber. Und meine Krebskrankheit verkommt zur Bagatelle. Meine!”

Ich. Meine. Der Schmerz formuliert kein Ich. Er ändert nichts am Zwillingsdilemma. Er nimmt der großen Wut & Enttäuschung nur Schwung.
Die Zwillinge sind Lebensstilpionierinnen und Rainer Langhans ist ihr Zeuge auf einer „Nachtfahrt der Seelen”, die als Reise ins Licht begann. Jutta weiß heute: „Karma is a bitch”. Sie erinnert aber das Ideal ihrer Doppeljugend. Die Zwillinge aus Kassel erlebten sich als Eroberinnen von Inseln und Helden im Sommer der Liebe.

Inzwischen fühlt sich Jutta „daheim auf dem Mörderplaneten”. Auch da bleibt das Private politisch. Jutta treibt das Experiment eines wissenschaftlichen Exhibitionismus’ auf die Spitze. Sie verlangt, dass man zur Kenntnis nimmt, was ihrer Schönheit angetan wurde. Sie ändert schließlich die Erzählweise. Von Cut-up zum Comic – bildhaft versichert sie sich letzter Gewissheiten. Immer wieder zeigt sie Rainer in Prozessen gemeinsamen Widerstands und paralleler Ergebenheit. Er soll mit auf die andere Seite, Jutta will da multimedial weitermachen. Ich warte auf die Nachricht von der ersten Witwerverbrennung.

Jutta Winkelmann, „Mein Leben ohne mich – Ein Bericht”, Weissbooks

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erstellt am 27.11.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.