Thomas Rothschild berichtet über ein neues Stück von Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil, das Fragen nach Rassismus und Doppelmoral aufwirft.

Kontrapunkt

Wen darf man erschießen?

In dem neuen Stück von Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil „Une chambre en Inde“ gibt es eine Szene, in der islamistische Propagandisten mit zahlreichen Versprechern den vorehelichen Geschlechtsverkehr als „abscheulich“ erklären. Da zieht eine voll verschleierte Frau ein Maschinengewehr und erschießt sämtliche auf der Bühne befindlichen Männer.

Es sind gerade ein paar Jahre, seit katholische Würdenträger wie der Kardinal und Erzbischof von Köln Meisner oder Papst Johannes Paul II. den vorehelichen Sex verdammten. Wer nicht eine Szene goutierte, in der der Kardinal oder der Papst wegen einer einschlägigen Äußerung und mit ihnen alle Männer, deren eine Rebellin habhaft werden kann, erschossen werden, wer sich nicht inmitten von „Andersgläubigen“, sagen wir: zusammen mit Protestanten, Agnostikern oder Muslimen über solch eine Darbietung amüsierte, im Théâtre du Soleil aber Beifall spendet, muss sich der Doppelmoral beschuldigen lassen.

Wie kommt es bloß, dass selbst eine so kluge und politisch versierte Frau wie Ariane Mnouchkine sich zu solch einem Sketch hinreißen lässt? Klar, er ist kein Mordaufruf, er ist nur Theater. Das aber wäre auch ein Stück, in dem der Kardinal oder der Papst erschossen wird, und doch kann man ahnen, welche Empörung es hervorriefe. Mehr und mehr greifen, nicht nur in der Cartoucherie in Paris, bei der Beurteilung von Muslimen Maßstäbe um sich, die man sich gegenüber Christen verbietet. Das aber ist auch eine Form des Rassismus. Dem gegenüber empfiehlt sich immer noch Kants kategorischer Imperativ, wonach man nur nach derjenigen Maxime handeln möge, durch die man zugleich wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Das gilt auch für die große Theatermacherin Ariane Mnouchkine und für den Umgang mit Verächtern des vorehelichen Geschlechtsverkehrs, welcher Religion auch immer.

Kommentare


Friedemann Schmidt-Mechau - ( 01-12-2016 11:10:33 )
Die beschriebene Szene scheint mir in dem Kommentar von Thomas Rothschild doch etwas eindimensional verstanden.

Die Neigung, scheinbar unlösbare Probleme oder Meinungsunterschiede mit Mord zu lösen, greift sichtlich um sich und wird gerade von eigentlich ganz unverdächtigen Institutionen betrieben. Man denke nur an den Drohnenkrieg der Hoffnungsfigur und des Friedensnobelpreisträgers Barak Obama.

Wenn Künstler solche Strategien darstellen, liegt die Frage doch auf der Hand, ob die Darstellung "wörtlich" zur Problemlösung per Mord aufruft, oder ob sie diese Haltung hinterfragt, solche Lösungen zu befürworten. Kann man etwa einen Song, wie "Schlagt sie tot" von Georg Kreisler (https://www.youtube.com/watch?v=1H0RqzfRCd4&t=0m33s) als Mordaufruf missverstehen?

Im Fall der beschriebenen Theaterszene kommt ja eine weitere Ebene hinzu: Wenn Männer den vorehelichen Geschlechtsverkehr verdammen, weiß man immer auch, dass dieselben Männer ihn vollziehen. Die Doppelmoral ist also schon in den Figuren selber angelegt. Und: Die Figur des Mords von "Ungläubigen" gehört ja zur Grundhaltung von islamistischen Propagandisten. Hier findet also eine doppelte Umkehrung statt. Es wird sozusagen die Doppelmoral beim Wort genommen.

Und mit Verlaub: Wenn wir meinten, das Theater dürfe nur Handlungen zeigen, "durch die man zugleich auch wollen kann, dass sie allgemeines Gesetz werde", dann müssten wir doch den allergrößten Teil der antiken, klassischen und modernen Theaterliteratur aussondern.

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erstellt am 25.11.2016