Ennio Morricone ist wohl der bekannteste Filmmusikkomponist unserer Zeit. Mit seiner für das Genre innovativen Arbeit hat er einprägsame Klangikonen geschaffen, mit denen er das Gebot, gegenüber dem Bild unauffällig zu bleiben, konsequent übertrat. Hans-Klaus Jungheinrich hat sich das auf CD neu erschienene Titel-Potpourri des 88jährigen Meisters angehört.

Ennio Morricone

Solitär der Filmmusik

Neben zahlreich einschlägigen Theorien über Filmmusik – eine davon entwickelten in Buchform Hanns Eisler und Theodor W. Adorno in ihrer gemeinsamen kalifornischen Exilzeit – verkörpert Ennio Morricone eine filmmusikalische Praxis, die einmalig genannt werden kann und Popstatus genießt, zugleich aber auch Kriterien einer „klassisch“ geschulten Annäherung standhält. Das ist kein Zufall, denn Morricone gehört beiden Sphären zugleich an – vielleicht trifft er damit Essentielles des Genres, für das er so erfolgreich tätig war. Zwar gab es schon seit frühesten Tonfilmjahren ingeniöse Filmmusiken (etwa die von Giuseppe Becce für den deutschen Bergfilm), doch es dauerte ein wenig, bis die Filmmusik als ästhetisch eigenwertiges Phänomen ernstgenommen wurde. Noch der ganz vom Sehen okkupierte Filmtheoretiker Siegfried Kracauer propagierte etwas einseitig eine filmmusikalische Kulisse, die sich möglichst unauffällig zu machen hätte. Der Morricone-Sound in „Spiel mir das Lied vom Tod“: unauffällig? Alles andere als das. Das berühmte Mundharmonikamotiv wurde geradezu zum klanglichen Logo dieses Films.

Morricones spezifisches Talent wäre undenkbar ohne den intellektuellen Hintergrund und die Herkunft dieses aus Rom stammenden Musikers (Jahrgang 1928). Er studierte in seiner Heimatstadt Trompete und Chormusik und erhielt erste Ermutigungen von dem namhaften Komponisten Goffredo Petrassi. Er suchte die Nähe zu den damaligen Avantgardisten und wurde Mitglied der legendären Improvisations- und Kompositionsgruppe „Nuova Consonanza“, deren führender Kopf Franco Evangelisti war. 1958 besuchte Morricone auch die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik (wo damals auch der jugendliche Schreiber dieser Zeilen verdutzt und neugierig sich umhörte). Das Schreiben „seriöser“ Werke hat Morricone seitdem nie mehr ganz aufgegeben; noch kürzlich verfasste er eine Messe zu Ehren des Papstes Franziskus.

Geschult an avantgardistischer Experimentierlust

Mag sein, dass es bloß ein Zufall war, der Morricone zur Filmmusik brachte. Er hatte in der Schule einen Klassenkameraden mit Namen Sergio Leone. Dieser wurde in den 1960er Jahren (neben seinem Kollegen Corbucci) zum „Erfinder“ des Italowestern, einer raffinierten Variante der US-amerikanischen Horse Operas mit ähnlich epischem Atem, aber südländisch-mexikanischem Ambiente und einem auffällig erhöhten Anteil von Gewaltdarstellung. Leones alter Kumpel Morricone wurde zur prägenden musikalischen Instanz dieser Filmgattung. Leone bezeichnete ihn als seinen wichtigsten „Dramaturgen“. Wie ein Drehbuch habe die Musik immer wieder Verlauf und Rhythmus seiner Filme mitbestimmt, ja generiert.

Schon im ersten Jahrzehnt seiner Tätigkeit für den Film entstanden mithin Meisterwerke wie die Filmmusiken für Leones „Zwei glorreiche Halunken“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“. Die Hauptmelodie von „Für eine Handvoll Dollars“ zeigte bereits nachdrücklich das Besondere von Morricones Stil. In erster Linie nämlich einen aparten, geradezu exzentrischen Klangsinn, der sich nicht an den Hollywood-Gepflogenheiten der großorchestralen Pseudo-Symphonik (Rachmaninow light) orientierte, vielmehr ganz eigene Wege ging – gewissermaßen geschult an avantgardistischer Experimentierlust. Die Musik zu den „Dollars“ beginnt mit der nie zuvor riskierten Klangkombination von Maultrommel und vokalen Pfeiftönen – im weiteren Verlauf treten ebenso wunderliche Klangquellen auf und zueinander in Beziehung, darunter Coyotengebell. In „Zwei glorreiche Halunken“ signalisiert das Hauptthema gleichermaßen ruhelose Bewegung wie epischen Fluss; bei der Sequenz „The Fortress“ wird zudem ein trompeterisches Zapfenstreichmotiv multitonal aufgefächert und kaleidoskopisch segmentiert. Es scheint, als habe der Komponist mitten im kommerziellen Trubel den abgründigen Spaß an anarchischer Musikalität nicht vergessen.

Natürlich kann der Soundtrack von „Spiel mir das Lied vom Tod“ (anders als der Originaltitel „C’era una volta il West“ lenkt der deutsche sogleich die Aufmerksamkeit auf die Musik) zu einer eingehenderen Analyse anregen. Das erwähnte Mundharmonikasolo, keine wirkliche Melodie, sondern eine suggestive Floskel aus wenigen Tönen, bei der die harmonische Reibung eines zur Quinte hin oszillierenden Leittons den Haupteffekt ausmacht, fungiert als Motto, bereitet auf ein geheimnis- und gefahrvolles Geschehen vor. Ambivalent dabei das Schillern zwischen balladesken und katastrophischen Assoziationen: der harmlose Straßenmusikant, eine diabolische Figur? Extrem verunsicherte Gemütlichkeit jedenfalls! Es folgt ein zweites Element, eine ostinate Bewegung nach Art der minimal music-Typik (Morricone outet sich immer wieder als Zeitgenosse dieses aktuellen Idioms), hier sozusagen eine „Soundscape“-Unterlage, wie man ihr später in „Das Schweigen der Lämmer“ oder Filmen von David Lynch begegnete. Erst dann folgt so etwas wie eine „symphonische“ Themenpräsentation, die das zunächst eng Fokussierte zu einer Art Historiengemälde erweitert, wobei dann auch eine opulente Chorstrecke zur Geltung kommt, die man als Superkitsch wahrnehmen kann, aber auch als präzise musikalische Entsprechung dessen, was die Erfüllung kollektiver Träume im erzählerischen Duktus des ambitionierten Großfilms immer bedeutet.

Serialität erfordert ihre Opfer

Filmmusik, daran kann und will auch Morricone nicht rütteln, ist „angewandte“ Musik; ihre Gestalten und Formen verfügen nur über eine begrenzte Autonomie. Viele Filmmusiken bescheiden sich demnach mit ein paar prägnant kulissenhaften Takten, einer eingängige Melodie ohne größeren Atem, ein paar illustrativen Strichen. Nicht so Morricone. Auch er muss klein dimensionieren, scheinbar ausgreifende Entwicklungen jäh „abbrechen“; dabei wahrt er jedoch die Spannung zwischen der latenten Fähigkeit, eine große Geschichte ganz mit musikalischen Mitteln zu Ende erzählen zu können, und der professionellen Bescheidenheit, das dann doch lieber den Bildern zu überlassen. Morricone schrieb insgesamt Filmmusiken zu über 500 Filmen von vielen (vornehmlich italienischen und französischen) Regisseuren, darunter, im selben Jahr 1968 wie „Spiel mir das Lied vom Tod“, auch für Pier Paolo Pasolinis „Teorema“. Bei Sergio Leones später Hollywoodproduktion „Once Upon a Time in America“ fand er geradezu herzzerreißende nostalgische Klangchiffren. Mitunter (etwa im „La Califfa“-Titel von „The Lady Caliph“, einem Echo der „Spiel mir das Lied“-Lyrismen) zitierte er auch wehmütig sich selbst. Spitz gesagt: Serialität erfordert ihre Opfer. Ein Gedanke, der für Pop kaum gilt.

Die Bezeichnung „Ennio Morricone – 60 Years of Music“ ist, wenn man sie auf die Filmmusikkarriere beziehen wollte, ein wenig geschwindelt. Aber 55 Jahre (seit 1961) sind ja auch schon etwas, und die auf der etwas vollmundig bezeichneten CD zusammengetragenen Stücke können ohnedies nur einen fragmentarischen Ausschnitt eines gewaltigen Œuvres (in 70 Minuten) vermitteln, Allbekanntes gut gemischt mit Unbekanntem, aufgenommen unter Aufsicht und Leitung (vorwiegend mit dem tschechischen National-Symphonieorchester) des Komponisten selbst. Dieser bindet die verschiedenen Titel gerne auch zu quasi symphonischen Zusammenhängen aneinander, ohne dass dadurch der Potpourri-Charakter verlorenginge. Filmmusik à la Morricone, das bestätigt sich dabei in jedem Moment, ist eine Kategorie für sich. Reiner Kommerz. Reiner phantastischer Überschuss.

Ennio Morricones Musik zum Nachhören

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erstellt am 23.11.2016

Ennio Morricone
60 Years of Music
CD
DECCA, 2016

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