Kein Baum, keine Wiese, keine Naturidylle. Nichts von alledem, was man von einer Eugen-Onegin-Inszenierung erwartet, bekommt man in der Neuproduktion der Oper Frankfurt zu sehen. Dafür Bilder Post-Sowjet-Russlands zwischen Tradition und Aufbruch. Verstörte Menschen in einer Phase des Umbruchs, plastisch dargestellt und ergreifend musiziert. Eine äußerst gelungene Ensemblearbeit, meint Andrea Richter.

Oper

Wir werden gehen, uns küssen, altern

Abweisender kann ein Bühnenbild wohl kaum sein: Durch geschlossene Schiebegitter vor einem Flachbau schaut man ins Dunkel. Auf dem Dach kyrillische Neon- Schriftzeichen. Sie bedeuten: wir werden gehen, uns küssen, altern. Die ersten Takte erklingen, Tatianas Motiv, das sich durch das gesamte Werk hindurch ziehen wird. Denn sie steht im Mittelpunkt von Peter Iljitsch Tschaikowskis „lyrischen Szenen in drei Akten und sieben Bildern“. Nicht etwa Eugen Onegin wie in Alexander Puschkins Nationalepos gleichen Namens, das dem Komponisten als Vorlage für Text und Musik diente. Im Text des Dichters sah Tschaikowski seine Musik bereits angelegt. Selbst dem des Russischen nicht mächtigen Zuschauer/Zuhörer wird die symbiotische Einheit von Wort und Klang des Werks nicht entgehen. Es geht um Emotionen, um nichts als Emotionen.

Vor dem Rautengitter eine Alte in altmodischem schwarzen Kleid, ein Tuch bestickend, Filipjewna, die Amme sowie eine etwas jüngere Frauen in Hosen, Bluse und mit einer Schürze, Larina, die Mutter von Olga und Tatiana. Das Gitter öffnet sich. Im Hintergrund eine riesige Wand mit einem Mosaik-Bild: vom mittelalterlichen Kampf über Flüge ins Weltall mit Raketen und Astronauten (sogar der erste Hund im All, Laika, ist dabei), Industrieanlagen, Bauern bei der Ernte bis zum Kampfjet MIG mit vielen, vielen Friedenstauben dazwischen wird ein Panorama der russisch-sowjetischen Geschichte aufgemacht. Damit ist klar, dass diese Inszenierung nicht das Geringste mit Landleben zu tun haben wird. Tatiana sitzt auf einem Turm aufgestapelter Stühle und liest aus einem Liebesroman vor. Unten ihre Schwester Olga. Sie singen von Sehnsucht und Schmerz. Die beiden Frauen im Vordergrund erinnern sich vergangener Zeiten.

Die Bühne dreht sich. Vor der anderen Seite der Wand, jetzt klinisch sauber weiß, eine Großbäckerei. Larina ist die Leiterin des Betriebes. An langen Tischen kneten Arbeiter Teig und singen einen dieser wunderbaren russischen Chorgesänge, die noch öfter zu hören sein werden. Wir sind auch musikalisch ganz und gar in Russland angekommen. Olga beschäftigt sich mit einer Gruppe Kindern. Tatjana kommt hinzu. Die beiden Schwestern besingen Tatianas schwermütig-träumerischen, ganz nach innen gewandten und Olgas lebenslustigen Charakter, Filipjewna und Larina kommentieren die Unterschiedlichkeit der Mädchen.

Härter können Welten wohl kaum aufeinander prallen: Hier der Traum Tatjanas von der großen Liebe, dort das hyperrealistische russisch-sowjetische Alltagsleben in einer Großbäckerei. Ihre Schwester Olga hat sich dort recht gut eingerichtet. Als ihr Verlobter Lenski mit seinem Freund Onegin auftaucht, macht Lenski seiner Olga in der unromantischen Umgebung Liebeserklärungen. Der guatemaltekische Tenor Mario Chang verleiht ihm genau die richtige Dosis an Romantik ohne Schmalz. Manchmal kommt er im Piano leider nur schwer bis zum Zuschauer bis ins Publikum. Onegin, dieser lässige, abgeklärte, eitle Dandy in schwarzem Outfit mit Sonnenbrille spricht hingegen zu Tatiana völlig unromantisch nur von der Langweile an diesem Ort, in diesem Leben. Daniel Schmutzhard gelingt es, in so noch nicht von ihm gehörter baritonal-lyrischer und schwankungsfreier Hochform, seinem Onegin die Vielschichtigkeit eines jungen, schon jetzt des Lebens überdrüssigen Mannes zu verleihen. Tatiana überträgt ihren Traum von der großen Liebe auf Onegin. Wäre ein anderer gekommen, hätte sie sich wahrscheinlich in den verliebt.

Voller Zweifel, Zärtlichkeit, Sehnen, Hoffen und Verlangen

In der darauf folgenden Nacht denkt sie völlig aufgewühlt nur an ihn. Sie beginnt ihm einen Brief zu schreiben. Diese zentrale Arie der Oper „… und wär´s mein Untergang…“ voller Zweifel, Zärtlichkeit, Sehnen, Hoffen und Verlangen komponierte Tschaikowski als erstes. Um sie dreht sich musikalisch das gesamte Werk. Sie ist eine der längsten in der Opernliteratur überhaupt. Hier kann ein Sopran sämtliche Gefühlsfacetten ausloten. Die Amerikanerin Sara Jakubiak meistert diese Aufgabe vorzüglich.

Doch Onegin lehnt zwar höflich, aber eindeutig ihr Begehren, seine Frau zu werden, ab. Er will sich nicht binden und rät ihr, ihre Gefühle künftig nicht so leichtfertig preiszugeben, und geht. Als zu Beginn des zweiten Aktes Tatianas Namenstag aufwändig gefeiert wird, fordert er das sensible Mauerblümchen – noch immer im spießig bunten Blümchenkleid – zum Tanz auf, um dann schnell zur schicken und koketten Tatiana zu wechseln. Mit fataler Folge: Lenski wird eifersüchtig und kündigt Onegin die Freundschaft auf. Onegin nimmt das zunächst nicht ernst, doch Lenski steigert sich immer weiter in seine eifersüchtige Wut hinein, bis Onegin der Kragen platzt und er die Aufforderung zum Duell annimmt. Bis zum letzten Moment versucht er Lenski von diesem Wahnsinn abzubringen. Doch als dieser die Waffe auf ihn richtet, kracht es, und Lenski sinkt tot zu Boden.

Jahre später kommt Onegin, der sich wegen Lenskis Tod große Vorwürfe macht, von einem langen Auslandsaufenthalt zerrissen und ungepflegt in den – ausschließlich aus kunstvollem Gitterwerk gebauten und erstmals ohne die Zwischenwand auskommenden- dusteren Palast seines Freundes Fürst Gremin. Dort findet gerade ein Ball statt (zum Fürchten, alle ganz in Schwarz!). Gremin, großartig gefühl- wie kraftvoll vom Kanadier Robert Pomakov in seinem Deutschlanddebüt verkörpert, erzählt Onegin, dass er vor zwei Jahren Tatiana geheiratet hat und sie über alle Maßen liebt. Nun erlebt Onegin die einst Abgewiesene als eine selbstbewusste, geachtete, schöne Frau (jetzt im eleganten langen schwarz-weißen Blumenkleid und mit weiß-blonden Haaren). Jakubiak lässt den Zuhörer diese andere Tatiana durch eine veränderte Stimmfarbe auch gesanglich eindrucksvoll erleben. Als Onegin versucht, sie für sich zu gewinnen, wird sie zwar einen Moment lang schwach und gesteht ihm, ihn immer noch zu lieben. Doch sie fängt sich sofort wieder und weist ihn ab. Sie ist diejenige, die ganz und gar in der Realität und der Ehe angekommen ist.

Generalmusikdirektor Sebastian Weigle leitet das musikalische Geschehen sensibel und präzise. Mit großem Einfühlungsvermögen gibt er jedem Sänger die Möglichkeit zu bestmöglicher Entfaltung in Ton und Wort. Er nutzt die symphonischen Verbindungsstrecken zwischen den einzelnen Arien, Duetten, Quartetten sowie das berühmte Vorspiel zum dritten Akt für die des Orchesters. Die tänzerischen Musikelemente hätte man sich an einigen Stellen vielleicht etwas russisch schwungvoller vorstellen können. Die Inszenierung durch Dorothea Kirschbaum nach einer Konzeption des Holländers Jim Lucassen mit der Verlegung des Werks in eine andere als von Tschaikowski vorgesehene Zeit und an einen anderen Ort, ist ungewöhnlich, aber schlüssig und bleibt dem Original treu.

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erstellt am 23.11.2016

Szenenfoto Eugen Onegin, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Oper

Eugen Onegin

Von Peter I. Tschaikowski

Lyrische Szenen in drei Akten und sieben Bildern
Nach dem gleichnamigen Roman (1830) von Alexander S. Puschkin

In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Sebastian Weigle
Regie Dorothea Kirschbaum
Konzeption Jim Lucassen
Bühnenbild Katja Haß
Kostüme Wojciech Dziedzic

Larina, Gutsbesitzerin Barbara Zechmeister
Tatiana, Larinas Tochter Sara Jakubiak
Olga, Larinas Tochter Judita Nagyová
Eugen Onegin Daniel Schmutzhard
Lenski Mario Chang

Oper Frankfurt

Szenenfoto Eugen Onegin, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller