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Für „Ich, Daniel Blake“ erhielt der britische Regisseur Ken Loach 2016 die Goldene Palme des Filmfestspiele in Cannes. Das Thema des Films ist die Entwürdigung des Menschen durch Armut. Erzählt wird die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem kranken Mann, der um seine Sozialhilfe kämpfen muss, und einer alleinerziehenden Mutter. Thomas Rothschild hat sich den Film angesehen.

Neuer Film von Ken Loach

Armut und Würde

In einer der zentralen Szenen öffnet Katie in der Essensausgabe, in der sie mit einer für Sozialhilfeempfänger ausgestellten Bestätigung für sich und ihre Kinder Lebensmittel entgegennehmen darf, eine Konservendose und übergibt sich fast. Schlimmer aber als der Hunger, der sie dazu getrieben hat, quält sie die Scham, als sie bei ihrer spontanen „Tat“ entdeckt wird. Die Szene zeigt uns eine Wirklichkeit, die wir gemeinhin verdrängen: dass es Menschen gibt, die – nicht in Somalia, nicht in einer chinesischen Provinz, sondern in Newcastle upon Tyne, in Nordengland – hungern. Zugleich illustriert sie das Thema des jüngsten Films von Ken Loach: die Entwürdigung des Menschen durch Armut.

Dass die Auseinandersetzung mit Film im Fernsehen zunehmend ausschließlich unter Verwendung der vom Verleih zur Verfügung gestellten, sorgfältig ausgewählten Clips stattfindet, dass Rezensenten oft absatzweise aus den gewiss nichts weniger als kritischen Presseaussendungen abschreiben, ist jedem bekannt, der sich auch nur ansatzweise in der Branche umgesehen hat. Vor dem deutschen Start von Ken Loachs „Ich, Daniel Blake“ hat die Praxis der (versuchten) Instrumentalisierung der Medien für die Ziele der Werbung eine neue Dimension angenommen. Da schickte der Verleih den Kritikern folgende „Randbemerkung“: „Natürlich liegt es bei diesem Regisseur nahe, das Wort ‚Sozialdrama‘ einfließen zu lassen und damit eine Schublade zu öffnen, was leider nicht alle Zuschauer als reizvoll empfinden um ins Kino zu gehen. Wenn Ihnen ICH, DANIEL BLAKE also gefällt und Sie ihn Ihren Zuschauern, Hörern, Lesern nahe legen möchten, bitten wir Sie diese enge Genre-Bezeichnung außen vor zu lassen.“ Man wird sehen, ob die unabhängigen Journalisten der Aufforderung Folge leisten oder sich solche Anweisungen verbieten.

Ich kann mich nicht erinnern, das Wort „Sozialdrama“ im Zusammenhang mit Film jemals verwendet zu haben. „Drama“ bezeichnet eine Gattung der Bühnenliteratur, und dass die Amerikaner Begriffe des Theaters undifferenziert auf den Film übertragen, war für mich nie ein Grund, das auch im Deutschen zu tun, wo es eingeführte – beim Theater zumeist aus der Antike übernommene – und allgemein akzeptierte Termini sowohl für die Bühne wie auch für den Film gibt. Aber Ken Loachs deutscher Verleih rät nicht aus Sorge um die korrekte Benennung von Filmgenres von der Verwendung des Wortes „Sozialdrama“ ab, sondern weil dieses „nicht alle Zuschauer als reizvoll empfinden um ins Kino zu gehen“. Muss man wirklich betonen, dass es nicht Aufgabe der Filmkritik ist, Zuschauer ins Kino zu treiben, sondern dass sie Filme korrekt einzuordnen, zu analysieren und zu bewerten hat? Die Interessen einer unabhängigen Kritik und ihrer Leser sind nicht identisch mit den Geschäftsinteressen des Verleihs. Er ist der Allerletzte, der Sprachregelungen vorzuschlagen hätte. Wenn Rezensenten einen Begriff benützen, der für Ibsen oder Hauptmann, nicht aber fürs Kino taugt, so mag man die terminologische Schlamperei bedauern – die Vorlieben der Zuschauer spielen in diesem Zusammenhang keine Rolle. Die Unterstellung, die der Empfehlung des Verleihs zugrunde liegt, dass die Zuschauer nämlich für soziale Fragen nicht empfänglich seien, ist schlimm genug.

Ken Loachs Realismus

Der mittlerweile achtzigjährige Ken Loach steht, wie sein Kollege Mike Leigh, in einer britischen Tradition der Filmgeschichte. Die Dokumentarfilmschule von John Grierson sowie die Spielfilme von Karel Reisz („Saturday Night and Sunday Morning“ von 1960) oder Tony Richardson („A Taste of Honey“ von 1961 oder „The Loneliness of the Long Distance Runner“ von 1962) können als Vorläufer gelten.

Ken Loach arbeitete zunächst, von 1964 an, als Spiel- und Dokumentarfilmregisseur fürs Fernsehen. Ab 1967 drehte er Spielfilme fürs Kino. Sein Fernsehfilm „Cathy Come Home“ von 1966 nimmt bereits Thematik und Stil seiner Kinofilme vorweg. Techniken des Dokumentarfilms prägen auch die Spielfilme von Ken Loach. Das Stichwort heißt: Authentizität. Loach gelingt immer wieder auf eindrucksvolle Weise eine überaus genaue Charakterisierung der Figuren. Sein Realismus steht in diametralem Gegensatz zur Künstlichkeit seines Landsmanns Peter Greenaway und markiert somit das eine Ende des Spektrums filmischer Möglichkeiten.

Seine Abneigung gegen Zooms formulierte Loach einmal so: „Wenn man Menschen Raum gibt, gibt es ihnen Würde.“ Und über die übliche Kritik meinte er mit Blick auf seinen folgenlosen Politkrimi „Hidden Agenda“, der eine Intrige beim Regierungsantritt von Margret Thatcher beteuert: „Die Kritiker untersuchen die Pinselstriche, aber sie treten nicht zurück, um den Inhalt der Malerei zu sehen.“

Das Interesse von Loach gehört den so genannten „kleinen Leute“. Er bekennt sich, ganz im Sinne des gescholtenen sozialistischen Realismus, zur Parteilichkeit. Traditionelle Kategorien der Arbeiterbewegung wie Klassenbewusstsein, Klassenstolz und Solidarität sind für ihn kein alter Hut.

Schwerpunkt der Filme von Loach sind britische Themen der Gegenwart, und darin liegt auch seine Stärke. Daneben hat der Brite die internationale Geschichte revolutionärer Bewegungen exemplarisch verfilmt: in „Land and Freedom“, „Carla’s Song“ und in „Bread and Roses“, für das offensichtlich der Klassiker „Salt of the Earth“ von Herbert J. Biberman als Vorbild diente. Auch ein deutsches Thema hat Loach mit „Fatherland“ angesprochen. Mit „Ich, Daniel Blake“, der heuer in Cannes die Goldene Palme errang, kehrt er wieder nach England zurück.

Gegensatz zwischen der Bürokratie und den Menschen

„Ich, Daniel Blake“, die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem kranken Mann, der um seine Sozialhilfe kämpfen muss, und einer alleinerziehenden Mutter, kommt daher wie die Essenz, das dramaturgisch verschlankte Resümee seiner bisherigen Filme von „Poor Cow“ über „Raining Stones“ und „My Name Is Joe“ bis „Jimmy‘s Hall“. Das Rückgrat des Films bildet ein schlichter Gegensatz: zwischen der menschenverachtenden staatlichen Bürokratie und den verständnisvollen, hilfsbereiten „einfachen Menschen“.

Worin die Besonderheit von Loachs Filmen im Allgemeinen und „Ich, Daniel Blake“ im Besonderen besteht, wird deutlich, wenn man sie mit dem amerikanischen „House of Cards“ oder dem dänischen „Borgen“ vergleicht. Diese in ihrer Art hervorragenden Fernsehserien zeigen, wie die Zwänge, denen sich Politiker aussetzen, ihr Privatleben und ihre persönlichen Beziehungen zerstören. Die Auswirkungen auf die Menschen draußen auf der Straße bleiben ausgespart. Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty nehmen uneingeschränkt die Blickrichtung der Opfer der Politik ein, und die Kamera von Robbie Ryan folgt dieser Perspektive. Dabei scheut Loach auch nicht vor Klischees zurück – etwa wenn Katie in ihrer Not zur Prostituierten wird. Der amerikanische Krimi-Autor Ross Thomas lässt in „Voodoo, Ltd.“ eine Figur sagen: „Ich benütze Klischees, weil jeder sie versteht. Deshalb sind sie Klischees.“

Am Schluss von „Ich, Daniel Blake“ wird die Botschaft überdeutlich verlesen. Der Titelheld Daniel Blake hat sie vor seinem plötzlichen Tod notiert. Es geht um die Würde des Menschen. Nicht mehr und nicht weniger. Ken Loach ist sich und seinem Thema treu geblieben.

Filmtrailer »Ich, Daniel Blake«, 2016

Kommentare


wolfram schütte - ( 25-11-2016 09:44:48 )
lieber thomas rothschild, ihr empörung über den versuch einer sprachregelung ad kritik von loachs jüngstem film kann ich verstehen, nicht aber, wie & was sie da kommentieren.
meines erachtens ist der dt. verleih der unschuldigste im dreieck mit kritik & publikum. er hat ein interesse daran, dass ein möglichst großes publikum den film sieht. das hat ja jeder, der z.b. einen verleih führt, besonders, wenn er mit solcher sensiblen “ware” umgeht. nachdem eine goldene palme in cannes heute keine nachhaltige empfehlung (& kostenlose werbung) mehr ist, muß ein verleih, der einen solchen film in sein programm genommen hat, darauf achten, dass er weder bei der kritik noch beim publikum in die falsche kehle kommt. sein von ihnen öffentlich gemachter versuch, ist ebenso hilflos wir ihre kritik daran. sie empören sich wenigstens noch darüber, wenn auch als gebildeter kenner, obwohl ja gewiß gerade sie nichtig adressiert waren; die damit gemeinten, fühlen sich jedoch davon kaum angesprochen & irgnorieren derlei – aufgrund ihres machtbewußten selbstwertgefühls, das natürlich keinen pfifferling wert ist. der verleih wollte mit seine unterlassungs-bitte offenbar verhindern, dass “die filmkritik” eine ihrer semantischen schubladen aufzieht & den film darin ablegt. der verleih weiß auch, dass das publikum eine schublade mit diesem titel nicht aufzieht & schon gar nicht neugierig ist, das darin abgelegte sich anzusehen. denn hitchcocks “zynische”(?) bemerkung über die “spülsteinfilme” (& das angebliche Desinteresse an ihnen) trifft heute für mehr kInokonsumenten zu als zu seiner & der zeit der von ihnen auszugsweise erinnerten britische realisten. Loachs Film entfaltet seine wahrheit meines erachtens vor allem vor dem hintergrund einer noch immer erkennbaren britischen klassenstruktur, schlägt aber auch in so klassenspezifisch verwischten gesellschaften wie unserer möglicherweise deshalb durch, weil die dramaturgie ganz & gar dem modell folgt, das bei goethe meines erinnerns nach ungefähr so lautet: “ihr macht den armen schuldig”, will sagen: wir wohnen dem heroischen kampf & untergang einer “ehrlichen haut” bei, die gegen den systematischen “übermut der ämter” um das ihr materiell zustehende & ihre menschliche würde kämpft. die verlesung des briefs des vorzeitig gestorbenen, der dramaturgisch sterben musste, folgt dem gleichen humanistischen pathos wie chaplins rede am ende des great dictator. auch halte ich es nicht für ein cliché, wenn die junge mutter in der klandestinen vorstadtprostitution landet. sie hat nichts als ihren körper, mit dem sie in ihrer situation, materialistisch gewinnbringend arbeiten kann. gerade diese episode & die wechselseitige scham der beiden halte ich für sehr gelungen. sorry, dear thommy: “es ist wie es ist. und es ist fürchterlich”(H.H.Jahnn).

Thomas Rothschild - ( 27-11-2016 04:08:35 )
Ja, lieber Wolfram Schütte, "dafür wär Bier nötig". Worauf wir uns aber einigen können, ist dies: wir wünschen dem Film möglichst viele Zuschauer. Herzliche Grüße - auf dem Weg zu einer Bühnenversion von Pasolinis "Porcile"
Thomas Rothschild

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erstellt am 22.11.2016

Filmstill »Ich, Daniel Blake«, 2016

Film

Ich, Daniel Blake

Ab 24. November 2016 im Kino