18. November 2016

Textland

Leibesfruchtwegnahme

Zwischen Wasserschlosssuizidalität, Euthanasiehorror und Heuschoberromantik – Berni Mayer schildert in „Rosalie” eine „harmlose Heimat” als Nährboden für toxische Verbindungen.

Konstantin Wolff, genannt der Schwarze, kehrt zur Beerdigung seines Vaters, einem eingesessenen Gastwirt, in das Dorf seiner Herkunft zurück. Praam liegt an der Schwarzen Laaber. Der Donauzufluss war in besseren Zeiten ein Paradies für Krebse, die es bis auf das Siedlungswappen geschafft haben. Das Fischerviertel erinnert nur dem Namen nach an einen geknickten Erwerbszweig. Doch wird die Gegend heute noch in einer Touristik-Prawda als “Flusslandschaft zum Verlieben” über den grünen Klee verkohlt.
Der Tod des Vaters nötigt den Sohn zu innerer Einkehr. Kindheit und Jugend unter der Fuchtel katholischer Fundamentalisten kommen ihm hoch. Sein Schöpfer, Berni Mayer, lässt ihn zwischen den Polen erste Liebe und Faschismus vorläufige und endgültige Grenzen erreichen.
Konstantin lebt mit einem “permanenten Karfreitaggefühl”. Frei fühlt er sich höchstens unfreiwillig, während seine vorderhand konventionelle Schwester tatsächlich ein schwungvolles, von Selbstbestimmung und ungehemmter Eigenliebe loderndes Leben führt. Sie bestimmt Schauplatz und Gepräge des Leichenschmaus’, Kremess auf bayrisch, der die bucklige Verwandtschaft final zusammenführt, so dass sich die Familienfehden zum letzten Mal personalisieren und die Verödungen ihrer Verläufe ein memorables Datum kriegen. So wie der Vater einst den Tod seines Bruders Alfons mit der letzten Kutschfahrt des Bestatters Hinrainer zu einem bei vielen Gelegenheiten besungenen Schatz des Vorhergegangenen gemacht hat. Nach dem Alfons kam der “Hinrainer nur noch mit dem Leichenwagen”.
Das liest sich richtig als Schnurre, süddeutsch sämig serviert. In Praam nimmt man sich gegenseitig auf die Schippe, man ist sich aus Prinzip nicht grün und legt Wert auf die kleinen Unterschiede. Zu Konstantins Vater kamen die Bauern nicht und nicht die Speichellecker der Großköpfe, der alte Wolff hielt das Schwesternbier und den Schweinsbraten für die Arbeiter im Vorrat. Schwesternbier, da von Nonnen gebraut; die Braumeisterin erschien den Jungen monströs. Damals wohnte der Schwarze in einem schwarzen (Kinder)zimmer, während Praam in das Einzugsgebiet größerer Werke geriet, die ihre Busse ausschwärmen ließen, um die Ärmsten auf dem Land einzusammeln. Plötzlich verdienten Arbeiter mehr als Bauern. Das führte zu Verwerfungen wie zum Beispiel besonders falschen Ehen, unauflösbar geschlossen vom Pfarrer Parzefall, dem Garanten der Gottesfurcht vor Ort.
In diesem Klima verliebt sich Konstantin in eine Halbwaise aus der Großstadt. Die Fremde Rosa legt ein erwachsenes Tempo vor, sie macht den Schwarzen auf Kollisionskurs klar. Ihr Vorsprung reißt eine Lücke in die Gewissheiten des Eingesessenen. Er schludert im Jahr von Tschernobyl vor sich hin, schließlich spricht ein athletischer Großbauernsohn mit den Initialen SS die Vorwitzige treffender an.
Mich erinnert Mayers einseifende Melodik an den frühen Helmut Krausser und an den früh verstorbenen Heiner Link. Mir hätte der kleine Plot von der traurigfrohen Rosieliebe zwischen Wirtshaus und Wasserschloss gereicht, eingedenk des Franzdoblerfazits, dass in jeder bayrischen Bretterbude mehr Leben zu erwarten sei als am Nacktbadestrand von Sylt. Der Autor lässt eine schaurige Vergangenheit, mit vom Hinrainer (Senior) gelieferten Kindersärgen und amtlich angeordneten Abtreibungen (Leibesfruchtwegnahmen) bei aus Kinos und Kirchen weggefangenen, polnischen Zwangsarbeiterinnen die Wände der Gegenwart einreißen. Das moralische Versagen der Gemeinde manifestiert sich im Boykott der Gaststätte Wolff.

Berni Mayer, „Rosalie”, Roman, Dumont, 288 Seiten

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erstellt am 18.11.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.