Auf den ersten Blick haben Zahl und Moral nicht miteinander zu tun. Albert Breier hat sich viele Jahre mit dem Einfluss der Mathematik auf unser Selbstverständnis in Geschichte und Gegenwart beschäftigt und ein imposantes Buch darüber geschrieben. Bernd Leukert hat es gelesen.

Albert Breiers »Zahl und Moral«

Der fachgelehrte Teufel

Philosophen schlagen gewöhnlich, wenn sie nicht gerade Lebenshilfe betreiben, argumentierend Schneisen durch das Dickicht der Umstände, um klare und nachvollziehbare Herleitungen zu präsentieren, auf denen die Beweiskraft ihrer Thesen beruht. Der Komponist, Pianist und Schriftsteller Albert Breier hat einen anderen Weg gewählt.

Im Jahr 2014 erschien von ihm eine Abhandlung über das Werk Walter Zimmermanns, in der er eine ungewöhnliche Methode wählte, um die Arbeitsweise des Komponisten zu fassen. Er entfaltete über Schlüsselbegriffe absatzweise das kulturelle Beziehungsgeflecht, in dem Zimmermanns kompositorisches Denken plausibel angesiedelt erschien.

Etwa zur gleichen Zeit erschien im Passagen Verlag Albert Breiers voluminöses Buch „Zahl und Moral. Ein Entwurf“. Es ist ein gewaltiger, über 800seitiger Entwurf, dessen Beschreibbarkeit arg begrenzt scheint. Denn auch in diesem als philosophischer Traktat angelegten Werk wird Wissen, Reflexion und Erkenntnis in einer nichtakademischen Form angeboten. Zwar werden die Textabschnitte, wie bei Wittgenstein, mit römischen und arabischen Ziffern durchnummeriert, doch folgen sie bei Breier nicht einem mathematischen Ableitungs- und Beweismodus, sondern beleuchten Begriffe und Sachverhalte von verschiedenen Seiten und führen die inhaltliche Diskussion – unter gewissenhafter Mitnahme aller Widersprüche – über unzählige Hölzchen und Stöckchen durch das ganze Buch. Die Hölzchen und Stöckchen liegen bei ihm allerdings so dicht beieinander, dass die Abfolge etwas ungemein Zwingendes bekommt. Zudem sind die Mitteilungen trotz ihrer Dichte so ansprechend und anregend, dass das Vergnügen, sie zu lesen, nur von den oft anekdotischen, zuweilen ins Groteske leitenden Fußnoten übertroffen wird. Albert Breier schlägt also vor, das Buch wie ein entspanntes Gespräch unter Enzyklopädisten zu lesen, eben so, wie man d’Alembert, Diderot, Tarin, Toussaint, Montesquieu und Voltaire spitzzüngig über das eigene System der menschlichen Kenntnisse konversierend sich vorstellen mag. Improvisiert ist in dieser imposanten Textfolge allerdings gar nichts.

„Zahl und Moral“ setzt zwei Begriffe miteinander in Beziehung, denen man überhaupt kein Verhältnis zueinander zutraut. Der Beweis des Gegenteils stellt für einen Autor ein starkes Motiv und eine große Herausforderung dar. Sie liegt insgesamt sicher darin, eine falsche Eindeutigkeit zu vermeiden. So haben zum Beispiel die Begriffe, die für diesen Diskurs relevant sind, nicht zu jeder Zeit die gleiche Bedeutung.

Friedrich Kittler zitiert in „Musik und Mathematik I,1“ den Indogermanisten und Komparatisten Johannes Lohmann* mit der Aussage: „Das Verbum μαθειν ist bei Homer noch ein ganz ‚ethischer’ Begriff, es bedeutet dort das ‚sich Gewöhnen’ an etwas durch Schicksal oder Erziehung, also genau das, was Aristoteles, als Lebens-Erfahrung in einen Gegensatz zu der unmittelbar, und deshalb auch jungen Leuten zugänglichen ‚mathematischen’ Erkenntnis stellt.“

Auch kommt es am Anfang des Buches zu einer Erklärung zum Wortpaar Ethik und Moral. Denn da hat die Tradition gewissermaßen geschlampt. In der Literatur finden sich gleichermaßen klare Unterscheidungen und Gleichsetzungen beider Begriffe. Breier versucht nun eine Unterscheidung zwischen dem Begriff des Ethischen und dem des Moralischen zu entwickeln, im deutlichen Bewusstsein davon, dass eine saubere Trennung der beiden Bereiche nicht gelingen kann.

Wie ein Ermittler setzt Breier Indizien, historisch belegte Fakten und Beweise aufeinander. So erfahren wir, dass im pythagoräischen Denken die verschiedenen Zahlen das qualitative Wesen ganz verschiedener Dinge, des Himmels, der Ehe, der Gerechtigkeit, des Kairos usw. bedeuten. Wir erfahren von der direkten Abhängigkeit der Musik von der Zahl, vom Ethos der jeweiligen Tonarten und vom Einfluss auf die gesamte Bildung. Wussten wir, dass sich gegen das Kreuz als Symbol der Addition in der Frühzeit seiner Verwendung öfter religiöse Bedenken erhoben? Dass Augustinus die abstrakten Zahlenoperationen ablehnte mit dem Bescheid, der Herr wollte Christen machen, nicht Mathematiker? Und so geht es weiter über die Grundlagen der Algebra, die im Jahr 1191 Ibn al-Yâsamin in einem Gedicht von 54 Versen erläuterte, über die Nächstenliebe, Heilige und Ketzer, über den Spitzbogen und die Tugenden zu Leibniz und Störtebeker. Und wenn Abaelard oder Klaus Berger zitiert werden, stehen da plötzlich solche Sätze: Ein Heiliger ist in einem bestimmten Sinne immer gewissenlos. Oder: Sünde ist Simulation des Guten. Da kommt man ins Grübeln, vor allem, wenn solche Aussagen im Verlauf des Buches bestätigt werden: Im Schauspieler die Bestimmung des Menschen zu sehen, wie Epiktet in der heidnischen Antike es meinte, ist unter der Herrschaft des Christentums unmöglich geworden. „Denn wie nur die Seele sich verwandeln kann, so darf auch nur die Seele spielen und nicht das Ich. Darum gibt es keinen unchristlicheren Satz als diesen des großen Stoikers. So wird Robert Kassner zitiert, der – neben Pawel Florenski, Robert Spaemann, Hugo Ball, Franz von Baader, Georg Cantor, Erik Peterson, Nicolás Gómez Dávila, Arnold Gehlen oder Jean Gebser – als Gewährsmann des großen Diskurses über Zahl und Moral fungiert.

Tatsächlich werden in dieser Abhandlung, die kaum ein Lebensthema auslässt, permanent die Differenzen zwischen Ethik und Moral markiert. Als tertium comparationis findet sich zwischen beiden die Zahl (die Mathematik und ihre Rechenarten, samt ihrer Geschichte und Epochen-Korrespondenz), die, mit Ausnahme der Eins, als Parteigänger der Moral erscheint. Warum ist das so? Breier zufolge ist der Begriff der Moral von dem der Menge nicht zu trennen: Was Moral ist, wird durch die Vielheit und durch die Vielen bestimmt. Aus deren Herrschaft folgt immer wieder, ob gewollt oder ungewollt, der Zwang durch abstrakte Pflichten und Gesetze.

Die mit dem Begriff des Überschusses verbundene Ethik beziehe sich dagegen auf den Einzelnen: Die Moral in ihrer Idealität lässt sich auf das Wissen begründen, nicht aber die Ethik: man könnte sagen, die Ethik werde vom Nichtwissen begleitet, von einem Nichtwissen, das etwas Höheres anzeigt, als es der Selbstgewissheit zu erfassen je gelingen wird.

Man erfährt also enorm viel aus dieser Enzyklopädie des Guten und des Bösen, deren Argumentationsgänge indes zunehmend von sogenannten Glaubenswahrheiten abgefangen werden. Da sind Definitionen von Engeln und Heiligen ausgestreut, und auch der Teufel wird gewürdigt, wenn es um die Division geht: Der Teufel ist der diabolos, der Spalter. Er will immer teilen. Dem ist dann ein Zitat von Hugo Ball beigestellt: Der Intellektuelle aus Metier, der fachgelehrte Teufel, dies Nonplusultra einer deutschen ‚Kultur’, die sich berüchtigt machte, ohne die Wurzel ihrer Abscheulichkeit auch nur zu ahnen – von Kants ‚Kritik der reinen Vernunft’ sind sie entsprungen.

Das Erfassen, Deuten und Beurteilen der Phänomene, die sich aus dem weiten Wirkungsverhältnis der Zahl ergeben, aus christlich-mystischer Überzeugung führt notwendigerweise zu entsprechenden Bewertungen. Die Auslegung calvinistischer Porträtkunst liest sich deshalb so: Das auffallendste äußerliche Kennzeichen des Sieges der Abstraktion über das Körperhafte ist die Halskrause. Sie ist eine Barriere, eine Sperre, durch die endgültig die Trennung von Kopf und Körper besiegelt wird. … In der Halskrause liegt bereits eine Vorahnung der Guillotine.

Gegen philosophische Schriften mit solch ausgreifendem Anspruch kann man nichts vorbringen, auch nicht gegen fromme Bücher, in denen der Leser über die Lebenswelt und ihre Geschichte religiös eingewiesen wird. Schieben sich aber beide – sich ausschließende – Konzepte in eins, wird das philosophische Interesse düpiert. Und es ist schmerzlich zu sehen, wie sich dieser enorme Aufwand, mit dem „Zahl und Moral“ ins Werk gesetzt wurde, schließlich in schlichte Glaubenssentenzen umsetzt: Gott spricht, der Mensch antwortet mit Zahlen. – Die Erfindung der Zahl resultierte aus der Erbsünde. Der Mensch hat dann die Zahl – statt des Wortes – an den Anfang gesetzt, weil er den Einspruch Gottes abwehren wollte. Damit lässt sich kein intelligibler Diskurs fortsetzen. Da kann man nur glauben – oder eben nicht. Für das Ethische hat Albert Breier im allerletzten Absatz doch noch zu einer bündigen Kennzeichnung gefunden, die (vor allem, was das Gute und Schöne angeht) problematisch bleibt: Wenn die Mathematik versucht hat, den Bereich des Gesetzmäßigen weit ins Unendliche vorzutreiben, so bezieht die Ethik ihre Kraft aus der göttlichen Ordnung. Auf dem Gebiet der Schönheit berühren sich die göttliche Ordnung und das Ethische; was immer die Ethik an Glanz ausstrahlt, rührt her aus dieser Verbindung. Das Gute und das Schöne sind letztlich untrennbar. Und wo uns der Anhauch der Schönheit trifft, werden wir die Hoffnung spüren, Ethisches werde sich zeigen und uns die Zunge lösen.

* Johannes Lohmann, Musiké und Logos (Musikwissenschaftliche Verlags-Gesellschaft, Stuttgart 1970)

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erstellt am 16.11.2016

Albert Breier
Albert Breier, Foto: Passagen Verlag

Albert Breier
Zahl und Moral
Ein Entwurf
896 Seiten
ISBN 9783709201329
Passagen Verlag, Wien 2014

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