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Als Abenteurer und Schriftsteller hat Jack London (1876-1916) einen besonderen Platz in der amerikanischen Literaturgeschichte. In seinem kurzen, unsteten Leben hat er ein umfangreiches Werk aus Erzählungen, Romanen, Gedichten, Autobiographischem, Stücken, Essays geschaffen – und dabei den amerikanischen Wohlstandsmythos und die amerikanische Männlichkeitsfantasie bedient. In ihrer Klassiker-Reihe spürt Stefana Sabin Londons Leben und Werk nach.

100. Todestag von Jack London

Der schreibende Abenteurer

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war San Francisco eine multiethnische Metropole mit etwas über einer halben Million Einwohnern, wo sich Fischer, Handwerker, Handelsleute, Eisenbahnarbeiter und Soldaten, die den Bürgerkrieg überlebt hatten, herumtrieben. Es war denn auch ein Bürgerkriegsveteran, den Flora Wellman Ende 1876 heiratete und ihren Sohn, der schon am 12. Januar 1876 geboren worden war, adoptieren ließ: als John Griffith London wurde er ins Register der Stadtverwaltung eingetragen, aber genannt wurde er Jack.

Die London-Familie führte ein Wanderleben. Erst zog man in und um San Francisco um, dann nach Oakland, dann nach Alameda, wo Jack eingeschult wurde, dann nach San Mateo County und ins Livermore Valley, schließlich wieder nach Oakland, wo Jack die Grundschule beendete und zu einem regelmäßigen Besucher der Stadtbücherei wurde. Die dortige Bibliothekarin, Ina Coolbrith, war eine renommierte Lyrikerin (sie sollte die erste „poet laureate“ in Kalifornien werden!) und eine geschickte Pädagogin, die Londons Leselust zu fördern verstand.

Aber die wirtschaftliche Lage der Familie war prekär, und London musste schon als Schuljunge dazuverdienen. Bis zu 18 Stunden täglich schuftete er in einer Konservenfabrik, dann borgte er sich Geld und kaufte sich eine Schaluppe und wurde „oyster pirate“, Austernfischer, in der Bucht von San Francisco. Mit 17 heuerte er als Matrose auf einem Schoner an und segelte über Hawaii nach Japan. Die Geschichte, die er bei seiner Rückkehr nach Kalifornien über diese Fahrt schrieb, brachte ihm den ersten Preis bei einem Wettbewerb der Zeitung San Francisco Morning Call ein: 25 Dollar! Als das Preisgeld verbraucht war, arbeitete London in einem Kraftwerk der Straßenbahnbetriebe und in einer Jutespinnerei – und erlebte einen rabiaten Kapitalismus, gegen den er auf Kundgebungen flammende Reden hielt. Als „boy socialist“ wurde er in Oakland berühmt.

Darwin, Milton und Nietzsche im Rucksack

Mit großer Überzeugung engagierte er sich in der Sozialistischen Arbeiterpartei und trat der sogenannten „Armee der Arbeitslosen“ bei, einer bundesweiten Protestbewegung, die einen Marsch nach Washington organisierte, um von der Regierung Investitionen in öffentliche Projekte und somit die Schaffung von Arbeitsplätzen zu fordern. London nahm an dem Protestmarsch teil. Von Washington aus trampte er durchs Land, wurde als Vagabund verhaftet und musste eine Gefängnisstrafe von 30 Tagen abbüßen, bevor er nach Kalifornien weiterreisen konnte.

Wieder in Oakland, besuchte er die Oakland High School, dann schrieb er sich an der University of California in Berkeley ein, musste aber das Studium aus finanziellen Gründen schon bald wieder aufgeben. So heuerte er erneut auf einem Schiff an und fuhr nach Alaska, wo er am „gold rush“ teilnahm. In seinem Rucksack hatte er Werke von Darwin, Milton und Nietzsche – Lektüren, die den anderen Goldgräbern willkommenen Anlass zu Sticheleien boten. Obwohl er an Skorbut erkrankte, fuhr er auf einem Floß den Yukon-Fluss hinunter und schlug sich den Rest des Rückwegs nach Oakland mit Gelegenheitsarbeiten durch. Seine Erlebnisse auf See und in Alaska boten den Stoff für Erzählungen, von denen mehrere 1899 zur Veröffentlichung angenommen wurden, „Eine Odyssee im Norden“ von der renommierten Zeitschrift Atlantic Monthly. London beschloss, Schriftsteller zu werden.

1900 erschien Son of the Wolf – Der Sohn des Wolfes, ein Band mit Erzählungen, und zwei Jahre später zwei Romane, in denen er seine Erlebnisse in fiktionaler Brechung verarbeitete: In A Daughter of the Snows – An der weißen Grenze griff er auf die Zeit in Alaska und in The Cruise of the Dazzler – Joe unter den Piraten auf die Zeit als Austernfischer zurück. Unterdessen heiratete er, trennte sich aber nach nur zwei Jahren Ehe wieder von seiner Frau. Auch seine politische Karriere – er wurde von der Sozialistischen Arbeiterpartei als Bürgermeisterkandidat von Oakland aufgestellt, aber nicht gewählt – blieb sehr kurz. Aber sein Roman The Call of the Wild – Der Ruf der Wildnis, der im Januar 1903 erschien und die Geschichte eines menschentreuen Wolfshunds erzählte, wurde zu einem internationalen Erfolg.

Noch erfolgreicher wurde 1904 sein Roman The Sea-Wolf – Der Seewolf – die erste Auflage von 40.000 Exemplaren war sofort ausverkauft! Wie schon in den früheren Erzählungen und in den ersten Romanen ging London auch im Seewolf von einem realen Ereignis aus, um das er ein Netz von fiktiven Geschehnissen wob. Dabei verband er krassen Naturalismus mit Elementen des amerikanischen Transzendentalismus, die Abenteuergeschichte mit einer Liebesgeschichte, den Gruselroman mit der Romanze. Zugleich versuchte er in diesem Buch, seiner darwinistischen Sozialphilosophie vom Überleben des Stärkeren eine literarische Dimension abzugewinnen, und übertrug die Eigenschaften von Ungezähmtheit, Instinktsicherheit und Überlebenskraft, mit denen er in seinem Tierroman Der Ruf der Wildnis den Wolfshund charakterisiert hatte, auf einen Menschen, auf den Seekapitän Wolf Larsen.

Vom armen Jungen zum reichen Dichter

Dieser Roman machte Jack London berühmt und sicherte sein materielles Auskommen. Über eine Million Dollar soll er damit verdient haben! Sein Lebensweg vom armen Jungen zum reichen Dichter entspricht dem amerikanischen Mythos vom selbsterarbeiteten Wohlstand: „from rags to riches“. Überhaupt bediente London eine populäre amerikanische Männlichkeitsfantasie, in der sich Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Überlebenswillen vermischten. Er war, heißt es in der kanonischen Literaturgeschichte von Marcus Cunliffe, ein „Straßendichter, in dessen Schludrigkeit immer wieder auch ein poetisches Gespür erkennbar wird, das er nie gepflegt hat.“

Stattdessen pflegte er das Bild des Reisenden und Abenteurers. Sein Zweimastsegler, den er selber gebaut und den er auf den Namen „Snark“ getauft hatte, ist in die amerikanische Mythologie eingegangen, ebenso sein Herrenhaus, das er auf seiner nordkalifornischen Ranch am Fuße der Sonoma-Berge errichtete und das er „Wolf House“ nannte. (Die Ranch, die er „Beauty Ranch“ genannt hatte, steht heute unter Naturschutz, und der Jack London State Historic Park ist ein National Historic Landmark.)

Jede Reise und jedes Abenteuer wurden zum literarischen Vorwurf. London schien unermüdlich zu sein. „Denn mein Anteil am Leben ist nur kurz. Morgen oder am nächsten Tag vergehe ich für immer“, notierte er, geradezu prophetisch, 1904. Fast jedes Jahr erschien ein Roman, außerdem Erzählungen, Essays, Berichte, Erinnerungen – fünfzig Bücher wurden es schließlich. Die Ermahnung des Arztes, der bei einer Blinddarmoperation eine Nierenerkrankung festgestellt hatte und ihm riet, ein ruhigeres Leben zu führen, ignorierte London und brach zu einer Fahrt mit der Pferdekutsche durch Kalifornien und Oregon auf, danach segelte er von Baltimore aus um Kap Horn herum und wieder hoch nach Seattle. Die Geschichten, die Abenteuer und Naturbeobachtung vermischen und den Kampf gegen Naturgewalten als Teil des Überlebenskampfes vorführen, erschienen in verschiedenen Zeitschriften und wurden in mehreren Bänden zwischen 1911 (South Sea Tales) und 1919 (On the Makaloa Mat) gesammelt.

Wenn in den Abenteuergeschichten die politische Gesinnung nur implizit bleibt, so gibt sie manchen Romanen und Erzählungen eine unverkennbare Farbe. Der utopische Roman The Iron Heel – Die eiserne Ferse von 1908 spielt die Möglichkeit einer amerikanische Diktatur der Finanzoligarchie, die sich mit Schlägermiliz und Klassenjustiz an der Macht hält – und am Ende von den aufgebrachten Massen doch niedergeschlagen wird. London hing der schönen Idee nach, dass das Volk sich aus den Fesseln der Unterdrückung befreit und eine neue Gesellschaft gestaltet – so fuhr er im April 1914 nach Mexiko, um über die dortige Revolution zu berichten.

Verkörperung des mexikanischen Revolutionärs

Die Mexikanische Revolution war – nach den Ereignissen in Russland 1905 – die zweite große soziale Umwälzung des 20. Jahrhunderts. Was 1910 mit einem Volksaufstand gegen den Diktator Porfirio Diaz begann, weitete sich zu einem landesweiten blutigen Bürgerkrieg aus, in dem sich territoriale Interessen mit politischen Zielen vermischten und die Lage immer unübersichtlicher wurde. Mit der Parole „Tierra y Libertad“ – Land und Freiheit – mobilisierte der Revolutionsführer Emiliano Zapata (1897-1919) die Massen der „campesinos,“ der Bauern, und kämpfte für eine autochthone Form des Kollektivismus und einen liberalen Sozialismus. Seine Parole wurde auch jenseits von Mexiko zu einem Kampfruf der Armen und Erniedrigten.

Nicht zuletzt durch Westerngeschichten, die in Groschenheften in den USA ein breites Publikum erreichten, wurde die Mexikanische Revolution Teil einer Poncho-Folklore, die für die Filmgeschichte sehr ergiebig werden sollte. Vor allem die Villisten, die Kämpfer um Pancho Villa (1878-1923), die im Norden Mexikos, also an der Grenze zu den USA, Stellungen bezogen und hielten, wurden zu Helden, die trotz primitiver Bedingungen und schlechter Ausrüstung ihren Kampfgeist nicht aufgaben. Londons „Mexikaner“, die Hauptfigur in der gleichnamigen Erzählung von 1911, ist gewissermaßen die Verkörperung des mexikanischen Revolutionärs, der von Entschlossenheit und Gerechtigkeitswillen durchdrungen ist und bis zur Selbstaufgabe kämpft.

Londons Revolutionäre waren seinen Seeleuten ähnlich: ob sie gegen sozialen Kräfte oder Naturgewalten antraten, führten sie einen erbitterten Überlebenskampf, in dem Aufgeben keine Alternative darstellte. Dennoch sind Londons Figuren keine strahlenden Helden und auch keine Überlebenskünstler, sondern Überlebende, die von traumatischen Erlebnissen gezeichnet sind.

Nachdem London zwischen April und Juni 1914 für die Zeitschrift Collier’s Weekly über die Lage in Mexiko berichtet und die manchmal niedere Umsetzung ihrer ehemals hehren Ziele miterlebt hatte, flaute seine Begeisterung für die Mexikanische Revolution ab. Er glaubte, dass die legitime Volksbewegung verraten worden war und sprach sich für eine amerikanische Intervention in Mexiko aus – eine Position, die ihn seinen sozialistischen Genossen entfremdete. 1916 trat er schließlich aus der Sozialistischen Arbeiterpartei aus.

Von Mageninfektionen und Nierenbeschwerden geplagt, von schweren rheumatischen Anfällen geschwächt, fuhr er im Frühjahr 1916 nach Hawaii, um sich zu erholen. Aber stattdessen schrieb er und redigierte, was er geschrieben hatte. Wieder in Kalifornien, versuchte er, weiter so zu leben, wie er bis dahin gelebt hatte. Aber einen Besuch auf der California State Fair in September 1916 musste er aus gesundheitlichen Gründen abbrechen, und er kehrte auf seine Ranch zurück. Dort starb Jack London am 22. November 1916 an akutem Nierenversagen. Da er eine Überdosis Morphium genommen hatte, halten sich bis heute Vermutungen, dass er Selbstmord begangen habe.

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erstellt am 16.11.2016

Jack London
Jack London

Jack London
Romane und Erzählungen
Goldrausch in Alaska – Der Seewolf – Ruf der Wildnis – Wolfsblut
Gebunden, Vier Bände im Schuber, 1056 Seiten
ISBN-13: 9783730600382
Anaconda Verlag, 2013

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Jack London
Der Mexikaner
Illustration: Andrea Grosso Ciponte
Übersetzung: Regine Strotbek
Gebunden, 88 Seiten
ISBN-13: 9783945400050
Edition Faust, Frankfurt am Main 2015

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Jack London
Mord auf Bestellung
Ein Agententhriller
Übersetzung: Eike Schönfeld
Leinen, 261 Seiten
ISBN-13: 9783717524267
Manesse Verlag, 2016

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