Kolumne

NOTIZEN von Jürgen Werner

Lass gut sein

1. Februar 2017

Es gehört wesentlich zur Macht, dass neben ihrem Vermögen, dieses zu beschließen und jenes auszuführen, die Kraft besteht, dies und das sein zu lassen. Das allerdings setzt ein Talent voraus, das jede Herrschaft allererst mit der vorsichtigen Hoffnung erfüllt, sie könnte sich klug entwickeln: die Gabe der Selbstbeherrschung.

Nachrichtensperre

31. Januar 2017

Die größte Strafe für den Selbstverliebten ist nicht der Widerstand gegen ihn; darin fühlt er sich nur angemessen aufgewertet. Sie ist die Ignoranz, weil ihn nichts mehr langweilt als die Not, sich mit sich selbst abgeben zu müssen.

Erreichbarkeit

30. Januar 2017

Ziel: die Sache, die ich erreichen will.
Zweck: die Sache, die mich erreicht hat.

Überraschungscoup

29. Januar 2017

Es ist verblüffend, wie oft einer Minderheit gelingt, sich gegen den Mehrheitswillen durchzusetzen. Was macht die Dreistigkeit so erfolgreich? Warum siegt der Unverschämte meist im ersten Moment über die höfliche Umgangsform? Weshalb lässt sich die kluge Ordnung schockieren von der Unberechenbarkeit eines Einzelnen? Hinter jeder Überrumpelung steht das Erstaunen, dass Macht ihre Überlegenheit nicht aus der Quantität gewinnt. Es ist nicht die Vielzahl, die entscheidet, sondern deren Organisation. Und die ist ungleich schwieriger bei einer Majorität als unter den Wenigen, die hemmungslos genug sind, die Herrschaft an sich zu reißen.

Denken, Sprechen

28. Januar 2017

Sieben Thesen zur Sprache:

1. An der Sprache fasziniert den Menschen, dass er eine ganze Welt – nicht nur mitreißen, sondern vor allem – bilden kann.

2. In der Sprache meint der Mensch eine Heimat zu finden, eine Parallelwelt zu seinen Lebenswirklichkeiten.

3. Durch die Sprache orientiert sich der Mensch in seinen sozialen, psychischen oder ökonomischen Verhältnissen.

4. Mit der Sprache beschreibt und bestimmt der Mensch einen Raum, in dem über Hierarchien, Wertigkeiten, Distanz und Nähe zu den Dingen oder zu Menschen entschieden wird.

5. Über die Sprache täuscht sich der Mensch, weil er ihr, begeistert von ihren aufwendigen Leistungen, zu viel zumutet.

6. Zur Sprache muss der Mensch eine kritische Einstellung entwickeln, will er sich nicht von ihr über seine Möglichkeiten betrügen lassen.

7. Gegen die Sprache kann er allerdings nicht andenken, da sie niemals bloß ein Mittel des Geistes ist, sondern Geist selbst, so dass geistlos genannt zu werden verdient, wer sie nur als Mittel einsetzt.

Wieso, weshalb, warum?

27. Januar 2017

Bei großen Themen wie der Liebe oder einer Krankheit taugt die Warumfrage allenfalls als intellektuelle Richtschnur für die Suche nach Trost. Angesichts der Komplexität solcher Lebenseinschnitte ist der Abschied von Kausalitätsvorstellungen so zwingend, wie er den, der fragt, mit sich allein lässt und ihn zuweilen verführt, irgendeinen Grund anzunehmen für das, was ihn getroffen hat. Es gibt – schwer auszuhalten – tiefgreifende Wirkungen, die keine Ursache haben.

Wohin des Wegs?

26. Januar 2017

Metapher des Menschlichen: Zielunbestimmtheit ist nicht selten das Los derer, die nicht ziellos sein wollen. Was man zu erreichen hoffte, erschließt sich erst, wenn man angekommen ist.

Die Pünktlichkeitsoffensive der Bahn zeigt erste Früchte: Am Hauptbahnhof in Hamburg fallen nur noch die Buchstaben aus, die Züge hingegen fahren.

Belastungstest

25. Januar 2017

Alte Wahrheit, neu entdeckt:
In dem Maße, wie wir uns vor der Verantwortung drücken, wird Freiheit zu einer Belastung, der wir nicht gewachsen sind

Der Preis der Genauigkeit

24. Januar 2017

Armut in der Sprache ist oft der Preis für ein Denken, das sich dem Ideal der Exaktheit absolut verpflichtet sieht.

Gewöhnungsunbedürftig

23. Januar 2017

Jenseits einer Psychopathologie des narzisstischen Alltagslebens:
Nichts hasst der Narzisst mehr, als dass man sich an ihn gewöhnt. Für den Selbstverliebten ist jeder Kompromiss der unglückliche Versuch, eine Niederlage zu verschleiern. Weil ihm Ich und Du ausschließlich als Alternative erscheinen, erkennt er auch in jeder Entscheidung nur die Wahl zwischen Alles oder Nichts. Aus Mangel an Weltgefühl und fehlendem Ernst in einer Beziehung zu anderen hält er sich jung. Der Mythos verheißt ihm ein langes Leben, so lang er sich nicht selbst erkennt.* Jede Provokation, von ihm ausgehend oder an ihn herangetragen, dient einzig dem Zweck, sich zu spüren. Erst kränkt ihn seltene Aufmerksamkeit, dann macht sie ihn krank. Sein Vernichtungspotential lauert im Zwang, sich steigern zu müssen, um seiner selbst gewiss zu sein. Lieber zerstört der Narzisst alle Erinnerung an ihn, als dass er zulässt, dass man ihn vergisst. Leben ist ihm bis ins Letzte Unterhaltung.

*Ovid, Metamorphosen III, 408

Wahrhaft, ein Dreisatz

22. Januar 2017

Wir können lügen, weil wir frei sind.
Indem wir lügen, gefährden wir unsere Freiheit.
Wer seine Freiheit schätzt, liebt Wahrheit.

Die Wahrheit des Dilettanten

21. Januar 2017

Nirgendwo wird eine Sache ehrlicher verfolgt als dort, wo sie dilettantisch betrieben wird. Mangels Perfektion wird die liebevolle Beziehung deutlich, die einer zu ihr entwickelt hat.

Politischer Spieltrieb

20. Januar 2017

So manche politische Wahlentscheidung der jüngeren Vergangenheit mag nicht zuletzt jenem fatalen Spieltrieb vieler Individuen entstammen, die mit ihrem Ohnmachtsgefühl so vertraut geworden sind, dass sie nicht glauben wollen, wie folgenreich jeder Willensausdruck sein kann. Auch ein über Jahre wiederholtes, wütend oder verärgert gesetztes Kreuz auf dem Wahlzettel hat irgendwann Folgen, die mehr bedeuten, als dass einer sich frustriert arrangiert hat mit dem Empfinden eigener Impotenz. Demokratie lebt von der spannungsreichen Beziehung zwischen Verantwortungsübernahme und Verantwortungsdelegation: Jeder, der abstimmt, sollte so handeln, als würde er für die Einstellung, die er in seinem Entschluss formuliert, selber gewählt werden und müsste diese Haltung nun vor allen sinnvoll vertreten.

Angstfrei

19. Januar 2017

Am Nachbartisch:
„Ich habe vor nichts Angst“, sagt er selbstbewusst.
„Dann lebst du nicht“, erwidert sie knapp.
„Das Gegenteil würde ich dir gern heute Abend noch beweisen“, flüstert er.
„Mal sehen“, reagiert sie unbeeindruckt. „Angst haben bedeutet, sich in etwas nicht auskennen. Mal abgesehen, dass mir gerade eine Menge Sachen einfallen, die dir unbekannt sind: Eines lernt kein Mensch zu verstehen, seinen eigenen Tod.“
„Du machst mir Angst“, grinst er.

Voller Pläne

18. Januar 2017

Der Visionär ist ein Chronist der Zukunft.

Hemmungen aufbauen!

17. Januar 2017

Wodurch wird ein Erlebnis zu einer Erfahrung? Durch Widerstand. Dass er im Zeitalter des freien Zugangs, digitaler Zeitgleichheit und Grenzfreiheit schwächer wird, mag der entscheidende Grund sein für eine Gesellschaft, die auf ihre Erlebnisvielfalt setzt, aber weniger vom Erfahrungsreichtum zehrt.

Mehr Kultur

16. Januar 2017

Eine einfache Bestimmung von Kultur: sie ist die Voraussetzung, eine Sache besser zu verstehen, als diese sich selbst verstehen kann.

Lob des Umwegs

15. Januar 2017

Der kurze Draht, der zwischen zwei Menschen gespannt ist, bildet sich selten über deren Geradlinigkeit, sondern hängt an deren Langmut, mit der sie eine Beziehung pflegen.

Wenn das Gehirn gähnt

14. Januar 2017

Die infame Form der Langeweile hat eine Namen. Sie heißt Phrase. Wer mit Gemeinplätzen sein Reden füllt, ermüdet nicht nur; er verdummt mutwillig.

Machtspiele

13. Januar 2017

Der Tyrann von heute ist ein Spieler.

Risikomanagement

12. Januar 2017

Ein Risiko einzugehen bedeutet, dass Menschen sich einer Situation freiwillig aussetzen, von der sie wissen, dass das in ihr Nützliche für sie zugleich auch das Bedrohliche darstellt und das Bedrohliche ihnen im selben Maße nützlich sein kann.

Atmosphären, in denen Lügen gedeihen

11. Januar 2017

Harmonie mag die Grundschicht sein, auf der der eigene Seelenfrieden still gedeiht, aber sie ist immer auch der fruchtbare Nährboden für Verlogenheit.

Organisationstalent

10. Januar 2017

So manches Unternehmen hat sich um das Versprechen organisiert, dass der Wille der Einzelnen, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern, genügt, um alle erfolgreich sein zu lassen.

Ein Augenzwinkern zur Unzeit

9. Januar 2017

Wie leicht der Spaß ins Erhabene fallen kann, ein kleiner Ulk für das große Universale stehen, wie nahe der Humor dem Ernste kommt oder ein unbedachtes Augenzwinkern mindestens private Weltgeschichte zu schreiben vermag, das alles symbolisiert die Sprache, die zwischen dem Komischen und dem Kosmischen nicht einmal einen tönenden Laut, sondern nur einen Konsonanten setzt.

Rechtsordnung

8. Januar 2017

Was ist ein Rechtsstaat? Ein Gemeinwesen, in dem mächtige Rechthaber sich so geschickt rechtfertigen, dass die Rechtschaffenheit in der politischen Macht links liegen gelassen wird. Was ist ein Rechtsstaat nicht? Ein Land, das sich vor den Rechten verbeugt, ja sich den Rechten beugt. Was sollte ein Rechtsstaat sein? Eine Nation, die sich dem Recht beugt und nicht das Recht beugt.

Schlichte Moral

7. Januar 2017

Den wichtigsten Vorstellungen der Moral entsprechen nicht selten die schlichtesten Verhältnisse: Was ist das schlechte Gewissen anderes als die Folge eines allzu guten Gedächtnisses (und andersherum)?! Warum kommt das Glück oft parallel vor mit der Einfalt?! Wie könnte der gute Mensch besser verstanden werden, als dadurch, dass er eine freundliche Umschreibung darstellt für das Maß der Langeweile, das ihn umgibt?!

Körper-Controlling

6. Januar 2017

Moderne Medizin: der Arzt wandelt sich zum diskreten Berater des menschlichen Organismus. Er steuert seine Entwicklung und unterstützt alle Abwehrkräfte wider Fehlformen; er optimiert die Kontroll- und Steuerungsfunktionen des Körpers oder lenkt vorsichtig die Selbstheilungsintelligenz der Zellen. Gesundheitsdesign überwiegt das fachliche Handwerk einer Krankheitskorrektur. Zum Doktor geht nicht mehr der Patient, sondern jener, der es nicht werden will.

Luftikus

5. Januar 2017

Bis auf den großen Gelehrten Jacob Burckhardt, der den Geist in den Tiefen und Untiefen des Menschlichen vermutete*, haben die meisten Denker diesem intellektuellen Vermögen meteorologische Metaphern zugeschrieben. Als Windhauch, Sturm, Atem, ja als flüchtig wie eine Böe wird er beschrieben, anders als der Verstand, der gründlich und gründend arbeitet, oder die Vernunft, die schließt und zusammenfügt. Kaum anders ließen sich Eigenschaften benennen, die den Geist sonderlich auszeichnen: seine Kraft zu klären; die Bewegung, die Neues entstehen lässt; der Widerstand, gegen den man anrennen muss, wenn man nicht seine Richtung eingeschlagen hat; das Überraschende, Plötzliche, Einnehmende, Unberechenbare. Was sich fassen lässt, ist schon deswegen nicht geistreich.

* „Der Geist ist ein Wühler und arbeitet weiter.“ Weltgeschichtliche Betrachtungen, 8

Dialogfetzen

4. Januar 2017

Sie: Wie nennt man eigentlich jenen Augenblick, in dem alle Fragen schweigen?
Er: Sowas kennst du?
Sie: Was soll diese Anspielung? Also, sag schon: gibt es einen Namen für den Moment, in dem sich jeder Zweifel erübrigt?
Er: Vielleicht – Geborgenheit.
Sie: Hm.
Er: Warum sagst du nichts?

Woher, wohin, warum?

3. Januar 2017

Die Grundregel, auch in späteren Jahren noch kregel und alert zu sein: dem Problem, wohin wir gehen, stets ein größeres Interesse beizumessen als der Antwort auf die Frage, woher wir kommen. Lebendigkeit bedeutet, den Zweck vor den Sinn zu setzen.

Übergangsweise

2. Januar 2017

In Übergangsphasen sind Endpunkt und Anfangssituation begünstigte Augenblicke. Die schwierigen Momente setzen ein, wenn das Glück nachlässt, den Wandel geschafft zu haben und der Alltag regelmäßig fordert, sich neue Routinen zu schaffen. Auch im neuen Jahr folgt der Ernüchterungskater nicht gleich, sondern begleitet erst die Tage, die nach den lichten Festzeiten beginnen.

Aufs Leben!

1. Januar 2017

„Das Meer hat etwas Unerklärtes“, sagt der Philosoph unter den Inselfreunden unvermittelt. Doch bevor die Umstehenden darüber rätseln, was der Satz bedeuten könne, erläutert er: Immerhin stammt aus dem Wasser das Leben. „Dann lässt sich das Leben also nicht letztlich verstehen“, wirft einer in die Runde. Der Philosoph schaut ihn streng an: „Was sich nicht erklärt, erwartet kein Verständnis, sondern Respekt.“

Summa summarum

31. Dezember 2016

Abschied: der Versuch, einer Gegenwart die Zukunft abzusprechen.
Erinnerung: die List, mit der sich Vergangenes wieder in die Gegenwart schleicht.
Wiederholung: die Zukunft hat sich der Vergangenheit bemächtigt.

Augen wischen

30. Dezember 2016

Die einzig sinnvolle Form, in die Zukunft zu schauen, ist, auf unsere Möglichkeiten zu blicken.

Mehr dazu am 30. Dezember in SWR 2, 17:05 Uhr im „Forum“: eine Stunde Gespräch über die Macht der Zuversicht unter dem kühnen Titel „Alles wird gut“.

Auweia

29. Dezember 2016

Peinlichkeit ist nichts, was einer Rede selber anhaftet, sondern deren Raum- und Zeitbestimmung. Unangenehm berührt, wenn ein Satz zur Unzeit fällt oder am falschen Ort gesprochen wird. Je allgemeiner ein Gedanke, desto geringer die Gefahr, dass er beschämt. Theorien sind Instrumente, einer Gewissheit ihre Verlegenheit zu nehmen.

Wir Täter

28. Dezember 2016

Wider allen Augenschein ist Lassen selber ein Tun.

Zwischen den Jahren

27. Dezember 2016

Im Niemandsland der Zeit lässt sich das Alte noch einmal wertschätzen, ohne dass das Neue schon zur Eile drängt. Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr taugen – wenn schon nicht dauerhaft als Vorbild für den Umgang mit Zeit, so wenigstens – als heilsame Unterbrechung im natürlichen Gang der Dinge. Gelassenheit ist letztlich aus der atemlosen Einsicht gefolgert, dass uns das Ideal der Gleichzeitigkeit à la longue überfordert.

Schreib doch mal

26. Dezember 2016

Jenseits des Schreibens: klar, die Leser. Vor allem aber all jene Gedanken, die sich geklärt haben, indem sie zu Papier gebracht wurden.

Das Wort wohnt mitten unter uns

25. Dezember 2016

Ein Wort, das alle meint? Nichts ist abstrakter. Ein Wort, das jeden anspricht? Nichts ist allgemeiner. Ein Wort, das ohne Ausnahme gilt? Nicht ist prinzipieller. Die große Kunst einer Weltreligion ist, für alle, zu jedem ohne Ausnahme dasselbe zu sprechen, ohne dass es abstrakt, allgemein und prinzipiell wird. Das gelingt nur über Geschichten, deren Zauber nicht in ihrer Größe, sondern in ihrer Unscheinbarkeit liegt.

Fast unmenschlich

24. Dezember 2016

Bevor sich auf das Fest wieder der Edelkitsch süßer nie klingender Glocken legt – das Wort der Weihnacht ist ein fast unmenschliches, das den Anspruch erhebt, das menschlichste von allen zu sein: die Verheißung, dass Versöhnung nur gelingt, wenn der Verzeihung vor der Vergeltung Raum gewährt wird.

Einmal werden wir noch wach

23. Dezember 2016

Weihnachtsfest im Weihnachtsstress: die Erfahrung, dass Erlösung viel mit Erleichterung zu tun hat.

Sammelklage gegen den Egoismus

22. Dezember 2016

Seltsam, dass ein Wort, das einst dem Gemeinsinn entstammte, nur noch das Eigeninteresse ausdrückt: Da handelt einer „politisch“, das bezeichnet eine Denkungsart, der es um Machtbesitz, Intrigenspiel, den nächsten Karriereschritt, um Anpassungszwänge oder einen persönlichen Vorteil geht.

Selbstdistanz

21. Dezember 2016

Die anthropologische Voraussetzung für Frieden und Versöhnung: fähig zu sein, sich von sich selbst zu distanzieren.

Wozu wir fähig sind

20. Dezember 2016

Wohl nie lässt sich von digital gesteuerten Maschinen mit künstlicher Intelligenz reproduzieren, was wir Trost nennen: jene Hilfe, die möglich ist, obwohl wir nicht mehr helfen können. Er ist das Menschliche am Menschen.

Was steckt dahinter?

19. Dezember 2016

Ein Wort, das immer überladen erscheint: Bankgeheimnis. Was könnte es anderes offenbaren als einen notorisch leeren Kontostand? Wenn die Kreditwirtschaft sich nicht selber ohne Not um ihre Glaubwürdigkeit gebracht hätte, könnte sie dem Geld sogar Geheimnisvolles noch abgewinnen. So abstrakt das Geld ist, so tauglich als Symbol für Großes: für Freiheit und Sicherheit, Vertrauen und Lebenschance, Kraft und Macht, Gleichheit und Grenzenlosigkeit. Nichts in dieser Welt vereint mehr Talente (auch die waren der Name für eine Währung).

Die traurige Geschichte vom Weihnachtsbaum

18. Dezember 2016

Frohe Weihnachten 2015 from Magnus von Keil on Vimeo.

Miteinander reden

17. Dezember 2016

Der Weihnachtsmann kommt direkt vom Coaching:

Wurzelwerk

16. Dezember 2016

Es gibt eine heimliche Beziehung zwischen dem Wasser und der Bewegung, die sich nicht nur metaphorisch erschließt, weil eine Sache im Fluß sei. Sondern anthropologisch: Wo das Wasser ist, kommt der Mensch zur Ruhe und kann sich niederlassen; wo das Wasser fehlt, muss er aufbrechen und sich auf den Weg machen.

Kompromittierende Kompromisslosigkeit

15. Dezember 2016

Was im Handeln der Kompromiss ist, bedeutet im Denken der logische Schluss. Und in der Moral, die ein Denken des Handelns sein will? Da scheint die Zwischenform zu fehlen. Es gibt wenig, was gegen das Moralische spricht; eines indes bringt sie zu Fall: ihre Unversöhnlichkeit.

Mehr sehen

14. Dezember 2016

Die Zuversicht unterscheidet sich vom blinden Vertrauen durch das genaue Hinsehen. Beide verlassen sich nicht auf das, was unmittelbar vor Augen liegt. Doch während dieses den Fortschritt einer Sache von außen erwartet und nach der Maxime vorgeht „Augen zu und durch“, schafft sich die Zuversicht eine neue Perspektive, indem sie das Handeln orientiert am Leitmotiv: „Augen auf für das, was sich erst im zweiten Blick erschließt“.

Geometrie der Wirtschaftswissenschaft

13. Dezember 2016

Wirtschaftswissenschaft, eine Kreuzung aus Betriebsanalyse und analytischer Betriebsamkeit: Wo die Wirtschaft Weite sucht, verlangt die Wissenschaft nach Tiefe; wo die eine sich horizontal über Größenverhältnisse definiert, bohrt die andere vertikal, um den letzten Grund zu finden.

Nur das eine

12. Dezember 2016

Die Schwachstelle der Begeisterung ist ihre Stärke: dass sie eine Sache verabsolutieren kann. Ideologie: das Missverständnis, die Begeisterung für eine Sache zur moralischen Pflicht zu erheben.

Familiensinn

11. Dezember 2016

Weil sie der soziale Hort der Beständigkeit ist, versinnbildlicht die Familie auch den Ort gepflegter Langeweile. Nicht immer ist leicht zu identifizieren, ob einer im Kreis seiner Lieben aus ideeller Ermattung gähnt oder im Gefühl selbstverständlichster Geborgenheit.

Bilanz ziehen

10. Dezember 2016

Im Unterschied zur wirtschaftlichen Bilanz, in der wir das Ergebnis einer Entscheidung entwickeln, ist die erzählerische Bilanz der Versuch, die Entwicklung einer Sache durch die getroffenen Entscheidungen nachzuvollziehen. Wir haben gelernt, Geschichten zu gebrauchen, weil wir dem Scheitern einen Sinn geben mussten.

Die geglückte Wiederholung

9. Dezember 2016

Nur das, was wir gern hören und sehen, verträgt die Wiederholung, ohne fad zu werden. So gilt es im Privaten wie im Politischen. Der künstlerische Kniff, dasselbe noch einmal ganz anders erscheinen zu lassen, unterschätzt die Unterhaltungsbedürftigkeit des Publikums. Und dessen Intelligenz. Je aufmerksamer und ablenkungsbereiter sie ist, desto stärker wächst die Lust am Experiment. Gute Erfahrungen sind keine Garantie, dass nicht neue Erfahrungen gesucht werden. Eher im Gegenteil: Nicht selten scheitert eine Sache, weil sie nicht mehr verspricht, als dass man sich auf sie verlassen könne. Das verzeiht man ihr nicht.

Mit den Pfunden wuchern

8. Dezember 2016

Es gehört zu den schwierigen Übungen in einer Biographie zu entdecken, welche Talente wofür tauglich sind und worin die Aufgaben bestehen, die diesen Gaben beigeordnet sind. Viel von dem, was einen Lebenssinn auszeichnet, hängt ab vom Verständnis, dass jede individuelle Anlage, jede Fähigkeit sich in dem Maße entwickeln lässt, wie sie für andere eingesetzt wird.

Allüberall

7. Dezember 2016

Es ist das Los des Besonderen, den Plural nicht zu mögen. Unter dem Üblichen, dem Gewöhnlichen, dem Vielerlei kommt es nicht zur Geltung. Was taugen schon „herzlich“ übermittelte Grüße, wenn Hinz und Kunz so schreiben. Da muss eine gepflegte Steigerung leisten, was sonst im Gewimmel persönlicher Empfindungen, die als Sendboten den Briefen immer öfter beigegeben werden, unterginge. Die Rettung indes kommt schon nicht mehr vom intimen Superlativ: „herzlichst“ grüßt heute jeder. Es muss „allerherzlichst“ sein, um auszudrücken, dass man es mit den Wünschen auch ernst meint. Keine Schlussformel einer eMail, die nicht einen leichten Hang zum Hysterischen zeigt. Was kann da noch kommen? Wer die förmilich-diplomatischen Wendungen – mit vorzüglicher Hochachtung und größtem Respekt … – vor Augen hat, mag ahnen, dass ein erhebliches Wachstumpotential in der Gruß- und Anredeweise lauert, bis irgendwann der Letzte aus lauter Eifer für das Einzigartige sein Herz ganz und gar ausgeschüttet hat. Dann aber erschließt sich unmittelbar, woraufhin jede Steigerungsdynamik in Wahrheit zielt. Sie endet in der Leere.

Work-Life-Balance

6. Dezember 2016

Der ausgeprägte Wille zur Lebensgestaltung sorgt nicht selten dafür, dass die Lebendigkeit des Lebens vor lauter Gestaltung verlorengeht.

Die Stimme des Volks

5. Dezember 2016

Populismus: der politische Taschenspielertrick, mit den niedrigen Instinkten hohe Wahlergebnisse zu erzielen.

Wörtlich

4. Dezember 2016

Aus der Serie „Beim Wort genommen“:
Viel wird schwerer durch ein Vielleicht.

Im Anfang war der Teig

3. Dezember 2016

Plätzchen stechen mit dem wunderbaren Christoph Niemann und seiner Kolumne „Abstract Sunday“ in der New York Times, die er dort Woche für Woche mit den schönsten Ideen befüllt.

Das demokratische Untalent

2. Dezember 2016

Keine Charaktereigenschaft ist für die Demokratie so wenig geeignet wie die Sturheit; kein Talent braucht der demokratische Prozess zu seinem Erfolg so sehr wie die Hartnäckigkeit. Was der Unterschied ist? Jene meidet, diese sucht die Auseinandersetzung. Die Sturheit sagt: „Ich nehme Ihre Kritik zur Kenntnis.“ Die Hartnäckigkeit spricht: Ich nehme Ihre Kenntnis zum Anlass, kritisch zu sein.

Nichts als die Wahrheit

1. Dezember 2016

Plausibilität: Wahrheit ohne Beweis.
Meinung: Überzeugung ohne Wissen.
Gewissheit: Sicherheit ohne Geltung.
Glaube: Wissen ohne Grund.
Einsicht: Erkenntnis ohne Abstand.

Selbst ist der Mann, die Frau

30. November 2016

Glück zu haben, ist die letzte große Demütigung einer Menschheit voller Selbstoptimierer.

Lach doch mal

29. November 2016

Nie wird dem Redner sein Publikum vertrauter als in den Momenten, da er es zum Lachen gebracht hat. Eine gut bestätigte Regel in solchen Fällen: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Wer zuerst lacht, am lautesten.

Oh wie niedlich!

28. November 2016

Alle Großfeste im Feierkalender gefährden sich selbst durch die Verniedlichung ihrer Sache. So geschieht es in der Weihnachtszeit, zu Ostern oder Karneval. Weil wir nicht mehr verstehen, was ein reflektiertes Verhältnis zur Naivität sein könnte, weil wir Arglosigkeit mit Unbedarftheit gleichsetzen, muss dort, wo das Staunen die einzig angemessene Haltung wäre, ein sentimentaler Kitsch eintreten und bildet Zuckerbäckerformen in dem Maße, wie sich das Pathos entleert hat.

Parallelaktion

27. November 2016

Ein wacher Geist zeichnet sich durch seine Fähigkeit aus, Spannungen aufzubauen und auszuhalten. Er fühlt, wenn er denkt; hört, während er redet; argumentiert, wo er erzählt; sucht die Erfahrung in der Theorie; führt ein Gespräch in der Einsamkeit; reflektiert und postuliert; sucht sich und meint den anderen; ist vorbereitet für Überraschungen; wählt stets noch den zweiten Blick. Wachheit ist der Zustand eines Lebens, das weiß, dass es sich in dem Maße erlebt, wie es sich entwirft.

Endlich aufgeklärt

26. November 2016

Zu meinen, dass die Aufklärung, das Zeitalter der Vernunft, ein für allemal hinter uns liegt, mag eines der üblichen Missverständnisse sein im historischen Bewusstsein. Aufklärung ist nichts, was sich irgendwann einmal erledigt haben wird, sondern ein steter, kritischer Prozess der Selbstirritation. Kühn indes wird der Gedanke, wenn er aus der Überzeugung, keine Zeit hätte sie so nötig wie die unsere, folgert, der Aufklärung stünde eine große Zukunft bevor. Das muss nicht sein. Es reichte ja schon, wenn eines ihrer wesentlichen Talente wieder zu Gebrauch käme: die Urteilskraft, die dafür sorgt, dass wir unsere Entscheidungen selbstverantwortlich treffen und vor jedermann rechtfertigen können. Nichts verlangt eine Periode der Ignoranz gegenüber Fakten und deren Komplexität mehr als die ungefährdete Achtung der Tatsachen, ja die Fähigkeit, sich Sachverhalten gegenüber sinnvoll und streitbar zu stellen. Wir denken nicht mehr, weil es uns immer weniger gelingt, die Dinge deutlich sein zu lassen.

Sprache denken

25. November 2016

Zur Arroganz der Sprache gehört die Überzeugung, es könne keinen Gedanken geben, der ohne sie auskommt, nicht einmal der, der sie selber denkt.

Nicht verzweifeln!

24. November 2016

Hoffnung ist Verzweiflung des Optimisten.

Auffällig unauffällig

23. November 2016

Der talentierte Opportunist beherrscht die Sprache als einen gymnastischen Ausdruck: Seine Worte sind so geschmeidig, seine Gesten so biegsam, seine Entscheidungen so knetbar, dass sie jederzeit die gegenteilige Form annehmen können, ohne dass es einer größeren Verrenkung bedarf. Tägliches Training in der kosmetischen Anbiederung sorgt dafür, dass seine Rede kein Gramm Substanz ansetzt. Wo andere vernehmlich knirschen, wenn ein Richtungswechsel verlangt wird, bewegt er sich lautlos und höchst gefällig durch die langen Flure der Institutionen, fast instinktsicher zum nächsten Schlupfloch, das nach oben führt.

Flaneur auf Rädern

22. November 2016

Die moderne Stadt erzieht ihre Bürger über das Tempo. Für den Spaziergänger zu schnell, für den Autofahrer zu zäh, für den Bahnnutzer zu flüchtig, empfiehlt sie das Fahrrad als das ideale Gefährt, sich in ihr aufzuhalten. So schafft sie einen neuen Typus des metropolitanen Beobachters: den Flaneur auf zwei Rädern. Als hätte Walter Benjamin ihn und sein Bedürfnis schon gekannt, sich rasch und geschmeidig, eilend, aber nie gehetzt zu bewegen, schreibt er: „Er bildet Formen des Reagierens aus, wie sie dem Tempo der Großstadt anstehen. Er erhascht die Dinge im Flug; er kann sich damit in die Nähe des Künstlers träumen.“*

* Gesammelte Schriften 1.2, 543

Sprecht, Wörter!

21. November 2016

Not macht erfinderisch.
Erfindungen nötigen die Macht.
Macht erfindet die Not.

Politische Theologie

20. November 2016

Versöhnung: der Glaube, dass ein Widerstreit unterschiedlicher Ansichten befriedet werden kann.
Erlösung: die Hoffnung, dass das Leben von gegensätzlichen Überzeugungen befreit werden kann.

Was gibt’s Neues?

19. November 2016

Die Sehnsucht von Kultur verdichtet sich im Wunsch, Neues zu schaffen. Ihre Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass die Langeweile ihre selbstzerstörerische Kraft gar nicht erst entfalten kann.

Komm, spiel mit mir

18. November 2016

Wenn man das Spiel ernstnimmt, gewinnen beide, das Spiel und der Ernst. Wer mit dem Ernst spielt, verliert das eine wie das andere.

Verletzungsanfällig

17. November 2016

Jeder Beruf hat seine spezifischen Kränkungen.

Frei von der Leber

16. November 2016

Sie alle suchen das Gespräch, das noch nie geführt worden ist, eine ungeschützte und ungehinderte Kommunikation, frei von Ängsten, eingefahrenen Mustern, Hierarchien, Tücken und Machtgesten. Dabei ist es so einfach: Man müsste nur einmal aus der Rolle fallen.

Urteil über das Vorurteil

15. November 2016

So wie das Urteil eine Gedankenkette abschließt, setzt sich das Vorurteil an deren Beginn. Nur dass es keinen wirklichen ersten Schritt ins Offene darstellt, sondern mit der Behauptung einsetzt, man wisse schon, wie eine Sache ausgehen wird. Das Urteil ist das Ende eines Denkprozesses und der Anfang einer Handlung; das Vorurteil steht am Anfang einer Überlegung und beendet die Freiheit zu agieren.

Ja und Nein

14. November 2016

Die kürzesten Wörter, Ja und Nein, haben oft die längsten Wirkungen.

Moralfragen

13. November 2016

Erstes Gesetz im humanoiden Zeitalter:
In dem Maße, wie wir lernen, für Roboter eine Moral zu programmieren, fehlt sie dem Menschen. Der Lebendigkeit einer Maschine entspricht umgekehrt proportional das Maschinelle unseres Lebens.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 15.11.2016

In der Kolumne NOTIZEN schreibt der Philosoph Jürgen Werner täglich Gedankensplitter nieder, nicht auf Papier, aber in seinem Blog. Faust-Kultur gibt sie regelmäßig in Auszügen wieder. Die Kurzform ist die Kunst derer, die keine Zeit haben. Aber auch das Maß der Verdichtung, das ein Gedanke oder eine Beobachtung verträgt. So mag sich später entscheiden, ob der rasch skizzierte Satz nach einer Auslegung verlangt, die beiläufige Bemerkung vertieft werden will. Notizen sind unentschlossen. Am meisten faszinieren sie, wenn der Zufallsfund genau konstruiert ist und die knappe Art aussieht, als sei alles gesagt. Von Jürgen Werner ist jüngst im Frankfurter Verlag tertium datur das Buch »Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens« erschienen, ein Band, der mit erhellenden Reflexionen und aphoristischen Pointen dem Selbstverstehen des Menschen den Weg bereitet. (Texte © Jürgen Werner)