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Filmstill »Peter Handke. Bin im Wald – Kann sein, dass ich mich verspäte«

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke, in den 1960er Jahren durch seine „Publikumsbeschimpfung“ und „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ noch Popstar des Literaturbetriebs, kehrte nach seinem anfänglichen Erfolg schon bald dem Rummel den Rücken. Heute lebt und arbeitet er in seinem Haus in einem Pariser Vorort, einem stillen Ort, der bestimmt ist vom Leben und Schreiben, von Sprachlichem und Nicht-Sprachlichem. Kompromisslos in seiner Sprache ist der Schriftsteller bis heute geblieben, auch vielfältig in der Art seines Schreibens, mit Prosa, Theater, Drehbüchern, Gedichten, Essays und Übersetzungen. Die Filmemacherin Corinna Belz hat Handke in seinem Haus in Chaville besucht, ihn befragt und gefilmt, um den Kosmos seiner Texte, Sätze und Notate sowie seinen zahlreichen Polaroids nachzuspüren. Belz ist durch ihren preisgekrönten Film „Gerhard Richter. Painting“ von 2011, in dem es vor allem um Malerei geht, bekannt geworden. Sie ist prädestiniert, kreative Prozesse ins Bild zu setzen: Im gerade angelaufenen Handke-Film geht es um das Sichtbarmachen des Schreibens. Petra Kammann hat sich die Frankfurter Premiere angeschaut.

Film

Geglückte Tage

Filmstill »Peter Handke. Bin im Wald – Kann sein, dass ich mich verspäte«

Schon die behutsam gefilmten Anfangsszenen nähern sich auf indirekte Weise dem zurückgezogen lebenden Schriftsteller an. Die Kamera richtet sich auf die alltäglichen, fast rituellen Verrichtungen des Autors, sie zeigt ihn bei seinen Beobachtungen, bei dem, was er aus winzigen Eindrücken macht, wie er sie in Reflexionen, Selbstreflexionen und Sprache verwandelt. Dafür findet Corinna Belz die passenden Bilder und Einstellungen. Es beginnt schon damit, wie Handke die ihm fremde Person Corinna Belz ins Innerste seines Hauses einlässt. Sie wiederum lässt den Betrachter ohne die geringste Spur von Voyeurismus an ihren Beobachtungen teilhaben. In dem verwilderten Garten, der fast für einen Film über einen impressionistischen Maler als Stillleben arrangiert sein könnte, scheint die Zeit still zu stehen. Nur ein paar Kastanien, Trauben, Äpfel und Pilze liegen auf einem etwas vergammelten Gartentisch. Handke sitzt lässig da, macht sich Notizen. Der Zuschauer wird zum stillen Zeugen dieser Handlung…

In dieser „kleinteiligen Welt“ treten wir mit Handke in das Innere des Hauses ein, wo er ganz selbstverständlich auf dem Fußboden Pilze sortiert. Dann werden wir für die kleinen Geräusche des Alltags sensibilisiert: Wir vernehmen sein Schrabben und Schneiden der Pilze, während er sinniert. In seiner Welt, der „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ muss man Zeit mitbringen. Sie scheint weit weg von der hektischen, technisierte Welt, die anderswo stattfindet. Natürlich schreibt Handke auch im 21. Jahrhundert noch mit der Hand, mit Bleistift oder Kuli auf Papier, manchmal simultan in seine ständigen Begleiter, die Notizhefte, und sitzt nicht etwa vor dem Computer. Bei einem Blick in sein Arbeitszimmer liest der Schreiber auch selbst Textpassagen aus „Der geglückte Tag“: „Es geschieht, daß das geschärfte Gehör für meine Arbeit mich zugleich öffnet für die Geräusche meiner Umgebung. An dem geglückten Tag wird eine Gewohnheit ausbleiben, wird eine Meinung verschwinden, werde ich überrascht sein, von ihm, von dir, von mir selbst. Im Haus werde ich einen übersehenen Winkel entdecken, in dem man ja wohnen kann.“ Immer wieder lässt die ruhige Kameraführung einen Raum frei für die Gedanken, die den bewusst formulierten Sätzen nachhängen.

Während Handke völlig entspannt auf seinem Sofa liegt, liest er weiter: „Und am Ende des Tages hätte dieser nach einem Buch gerufen, mehr als nur einer Chronik, Märchen des geglückten Tages; und ganz am Ende wäre noch das glorreiche Vergessen gekommen, dass der Tag zu glücken habe. Hast Du schon einen geglückten Tag erlebt?“ Und abrupt klappt er das Buch zu, will nicht in einen Dialog eintreten.

Unmerklich blendet Belz Personen des Familienmenschen Handke ein, wie die von ihm getrennt lebende Ehefrau, die Schauspielerin Sophie Semin, die sich zunächst über einen Telefonanruf ankündigt und die der Schriftsteller dann nach einer Fahrt mit der RER durch die verregnete Dunkelheit in einem Bistro in Paris erwartet. Im Garten ihres eigentlich gemeinsamen Hauses äußert sie sich auf so diskrete wie zugewandte Weise, warum ein Zusammenleben der beiden nicht funktionieren kann, dazu müsse man ein eben Schloss mit zwei Flügeln haben, aber das habe man ja nicht.

Überforderung und Glück

In Wien treffen wir auf Handkes Tochter Amina. In den 1970er Jahren war er nämlich alleinerziehender Vater der kleinen, 1969 geborenen Tochter gewesen und hat dies in dem Buch „Kindergeschichte“ verarbeitet, wo er sowohl von der Überforderung, als vor allem aber auch vom Glück spricht – „allein die Tatsache Kind strahlte Heiterkeit aus die Unschuld war eine Form des Geistes“. Belz konfrontiert den Zuschauer u.a. mit einem von Handke selbstgemachten Polaroid aus dieser Zeit und auch Amina selbst mit dieser Aussage und lässt sie dazu Stellung beziehen: „Ja, die Kindergeschichte ist natürlich Literatur…“

Und als Belz ihr unterstellt, die heute in Wien lebende Tochter kenne ihren Vater doch am besten, weil sie am längsten mit ihm zusammengewohnt habe, antwortet sie: „Ich hab manchmal das Gefühl, ich kenn ihn überhaupt nicht. Ich hab keinen Vergleich.“ Umgekehrt muss es wohl auch so sein. Da wundert sich der Vater über den roten Mantel der Tochter, worauf sie das lakonisch kommentiert, er sei eben von C&A. Und als er ihr beichtet, dass er darunter gelitten habe, ihr einmal eine Ohrfeige verpasst zu haben, kontert sie. Das sei für sie viel weniger schlimm gewesen als das Fortgehen ihrer Mutter. Die Kluft der Missverständnisse bleibt im Raume stehen.

Immer wieder gelingt es der Regisseurin durch ihre behutsame Art, dem Schriftsteller intime Aussagen zu entlocken, sei es zu seinem Schreiben, sei es zu seiner seelischen Verfassung. Dabei ist er so scheu wie widerspenstig. Darin ist er sich treu geblieben, auch wenn er heute leicht bedauernd bemerkt, dass er gerne doch noch frecher wäre, so wie in den Sechzigern, als er das Enfant terrible war.

Die Filmemacherin verbindet einige ihrer Aussagen mit konkreten Passagen aus seinem Werk, in dem sie aufscheinen. Sie setzt sie so in Szene, indem sie mit Schriften innerhalb des Bildes arbeitet. An anderen Stellen filmt sie die Titel des Handke‘schen Gesamtwerks auf den Buchrücken eines Bücherstapels so ab, dass der Lese- und Wissenseifer des Betrachters angestachelt wird. Man kann sie vervollständigen. Bei den Zitaten fragt man sich: Stammt dieser Satz nicht aus der „Niemandsbucht“ oder aus „Wunschloses Unglück“? So fängt die Filmemacherin auf geschickte Weise einen Teil des literarischen Gesamtwerks ein und beteiligt den Betrachter.

Im Zentrum steht jedoch vor allem die Beobachtung des Autors, dem wir beim Verfertigen seiner Gedanken zuschauen. Er nimmt sich dafür die Zeit, die er braucht, um den Dingen auf den Grund zu gehen, spricht scheinbar ins Unreine, nimmt nach einer Pause wieder den Gedanken auf. Und er scheint dafür alle Zeit dieser Welt zu haben, er ist gleichwohl aber auch imstande, die andauernde Zeit auszuhalten, wodurch der Zuschauer den Prozesses der Geburt eines entstehenden Gedankens mitverfolgen kann. Eine ähnliche Anstrengung erleben wir ganz nah, wenn wir ihn dabei beobachten, wie er für einen Stickvorgang so verzweifelt wie selbstironisch versucht, einen Faden in ein Nadelöhr einzufädeln, nur eines der Bilder für die Sisyphos-Arbeit des Dichters.

Dafür nimmt er den „Kampf“ mit der Nadel auf, schneidet den Faden schräg und wir werden Zeuge seines Selbstgesprächs: „Ein paar Mal hab ich es geschafft im Leben, Jesus Christus! Na, da genügt ein kleiner, der nicht durchgeht. Ich sammle immer elf Gebote, die es noch nicht gibt: Du sollst Zeit haben. Du Arschloch. Ah, jetzt ist er gerissen, auch das noch. Und das geht jetzt durch, aber da kann man grad drei Stiche machen. So, immerhin… man sieht eigentlich kaum was.“ Dabei ist die Kamera wie so oft im Film auf seine Hände gerichtet, Hände, die tätig werden wollen, die schreibend Themen herbeizitieren und zu umkreisen scheinen wie die über die Texte gemalte Spiralen. Besonders spannend sind jene Momente, in denen Belz mit ihm über sein Verständnis von Sprache und Literatur spricht und er um Formulierungen ringt.

Filmstill »Peter Handke. Bin im Wald – Kann sein, dass ich mich verspäte«

Wie Lichtjahre entfernt

Belz bezieht aber auch die kleinen und großen Skandale ihres Protagonisten ein, woraus wir ebenfalls fast beiläufig auch Biografisches über den Autor erfahren: den 24-jährigen Handke, wie er 1966 in Princeton ein Treffen der Gruppe 47 aufmischt, wo alle intellektuellen Alphatiere wie Marcel Reich-Ranicki, der Verleger Siegfried Unseld, Peter Weiss, Uwe Johnson beieinander waren. Aufsehenerregend war sein selbstbewusster Auftritt, als er der Gegenwartsliteratur „Beschreibungsimpotenz“ vorwarf ebenso wie bei der provokativen Aufführung seines Theaterstücks „Publikumsbeschimpfung“ im Frankfurter TAT. Die eingeblendeten Ereignisse in schwarz-weiß aus der Zeit wirken wie Lichtjahre entfernt und dennoch äußerst lebendig, genau so wie Polaraoids von Handkes Sehnsuchtslandschaften oder die eingefügten Filmszenen aus früheren Filmklassikern. Da schaut den U-Bahnfahrer Handke in Paris plötzlich auf dem Bahnsteig die junge Hannah Schygulla mit wehmütigem Blick an…

Und natürlich darf auch die Serbien-Kontroverse aus den 90er Jahren nicht fehlen, als er während des Balkankrieges den serbischen Nationalismus verteidigte. An dieser Stelle blendet Corinna Belz ein Gespräch mit Sophie Semin ein, die voller Sympathie für ihn Stellung bezieht und vom Abschied eines Landes spricht. Zu all dem äußert Handke Stellung, wobei es ihm fern liegt, politische Statements abzugeben, so wenig, wie seine Unterschrift unter ein politisches Pamphlet zu setzen oder alles zu erklären, so als wollte er die Spur des Mysteriösen, die er hinterlässt, nicht zerstören. Er selbst antwortet auf drängende Fragen eher lakonisch ausweichend und versucht vielmehr, unbegangene Wege aufzuzeigen, so, wenn er in seinem Garten ganz improvisiert einen neuen Weg mit Muscheln säumt.

Ist Handke nun ein weltfremder oder weltabgewandter Schriftsteller? Im Gegenteil. Handke hat es schon früh in die Welt hinausgezogen und hat seine Leser mit seiner ihm eigenen Sprache mit auf die Reisen genommen. Corinna Belz reagiert darauf angemessen, indem sie den Handke‘schen Kosmos mit den verschiedensten Medien und Sehnsuchtsbildern seiner selbstgemachten Polaroids und anderen Einsprengseln zusammenwachsen lässt. In seinem idyllischen Garten lässt sie ihn schreiben: „Ich find das eine Gnade, dass man überhaupt am Leben ist. Wir leben heute – wenn nur Frieden wäre in der Welt – wir leben in einer Zeit, wo alles wieder möglich ist. Wir leben in einer, abgesehen was jetzt Geschichte ist, ob Libyen, Syrien oder Jugoslawien, die Geschichte ist ein Monstrum. Die Geschichte hat nie recht. Aber wir leben in einer Zeit, wo wir eigentlich viel mehr von uns machen könnten, aus uns herausschaffen könnten, als wir tun.“

Anlässlich seines 70. Geburtstags lässt Handke sich in einem ORF-Interview, das nicht Bestandteil des Films ist, über das Schreiben und ,Nixtun’ aus und gesteht, dass er ein Müßiggänger sei. So erklärt sich vielleicht auch der Titel des Films: Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte. Handke hatte ihn auf einem Zettel an die Eingangstür gepinnt, als er sich mit Corinna Belz zum Gespräch verabredet hatte. Sie zeigt uns in ihrem geglückten, weil so adäquaten Dokumentarfilm, wie produktiv so ein Müßiggang sein kann, wenn man sich nur von den Gegebenheiten inspirieren lässt, genau genug hinschaut, hinhört und imstande ist, die Dinge zu verwandeln und den Scheinwerfer in eine andere Richtung zu drehen. In den vier Jahren des Entstehens dieses eindrucksvollen Dokumentarfilms wuchs aus dem dokumentarischen Material ein neuer Kosmos mit einer neuen Qualität, der Auskunft über den Vorgang des Lebens und des Schreibens gibt.

Peter Handke. Bin im Wald – Kann sein, dass ich mich verspäte.
Regie: Corinna Belz. 89 Min.

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erstellt am 14.11.2016

Filmstill »Peter Handke. Bin im Wald – Kann sein, dass ich mich verspäte«

Corinna Belz und Raimund Fellinger

Die Regisseurin Corinna Belz und Handkes Lektor Raimund Fellinger, Foto: Petra Kammann

Zur Person

Corinna Belz studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Medienwissenschaften in Köln, Zürich und Berlin. Als Autorin, Regisseurin und Produzentin war sie an zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen beteiligt. Zu ihren Arbeiten zählen die Dokumentarfilme „Die wirklichen Dinge passieren in der Nacht“ (1992, Co-Regie: Marion Kollbach), „Leben nach Microsoft“ (2001, Co-Regie: Regina Schilling), „Ein anderes Amerika“ (2002) sowie „Drei Wünsche“ (2004). 2009 war Belz an der Dokumentation „24h Berlin“ beteiligt. 2009 realisierte eine abendfüllende Kinodokumentation über den Künstler Gerhard Richter: „Gerhard Richter – Painting“ startete im Spätsommer 2011 in den deutschen Kinos und wurde 2012 mit dem Deutschen Filmpreis in Gold als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Filmtrailer »Peter Handke. Bin im Wald – Kann sein, dass ich mich verspäte«