Jarett Kobek, Foto: Jamal Tuschick
Jarett Kobek, Foto: Jamal Tuschick

13. November 2016

Textland

Der Facebook-Faktor

In „Ich hasse dieses Internet” erinnert Jarett Kobek daran, dass die amerikanische Verfassung das Selbstverständnis von Sklavenhaltern spiegelt.

Er trägt Stiefel und diese halben Handschuhe, die den Fingern alle Freiheiten lassen und gut zu brennenden Mülltonnen und Liedern von Bruce Springsteen passen. Jarett Kobek sieht aus wie der Emissär einer Widerstandsgruppe, die sich auf der Flucht vor den Schergen eines totalitären Regimes in irgendwelche Berge zurückgezogen hat. Kobek lebt aber in Los Angeles vermutlich auch nicht anders als kalifornische Airbnb-Desperados in Berliner Arbeitscafés mit wireless local area network.

Das Versenden und Empfangen von Nachrichten begreift er als Berufstätigkeit. Ich sehe ihn bei Uslar & Rai, Edgar Rai war mit dem Star bis eben in Frankfurt auf der Messe und jetzt moussieren in dem Berliner Buchladen genauso viele Leser wie in den Boxen von Suhrkamp und S. Fischer. Der digitale Bohèmien ist ein Spiderman der Vernetzung auf sämtlichen Easyjetrouten. Was er unterwegs preisgibt, wird ihn schon noch in Schwierigkeiten bringen – und vielleicht auch der Twitter-Empörungsindustrie Treibstoff liefern. Als Mahner in der Wüste könnte einem Kobek leid tun, bei all den lustvoll-widerstandslos Dependenten. Sie schaffen erst mal Inhalte für Zuckerberg & Co. Die Fotos werden garniert weiter verbreitet, ohne den Content Slaves je abgekauft worden zu sein. Das regt Kobek auf.

Rai, selbst Autor, zitiert die „Zeit”, die Kobeks „Suada auf Speed eine literarische Abrissbirne” nannte. Jemand fragt: Warum Fiktion in Anbetracht der Chancen, die einem Besserinformierten der Essay bietet? Kobek: In einem Roman muss man nicht fair sein.

Im Februar 2016 erschien die literarische Schmährede in einem Verlag, der die Peinlichkeiten des Selbstverlagswesens kaum kaschieren konnte. Kobek schickte Bret Easton Ellis ein Exemplar. Ellis ließ sich damit im Bett erwischen. Sofort stellte sich im Internet die Frage, ob Kobek der amerkanische Houellebecq sei. Kobek stellt fest, in den letzten fünf Tagen häufiger fotografiert worden zu sein als in den fünfundzwanzig Jahren zuvor. Womöglich braucht man das schmucklos geschriebene, laut Kobek katharsisfreie Buch für die Vermarktung gar nicht. Der Titel kursiert auf Hemden, dessen Träger sich als Botschafter selbst akkreditieren.

Es gibt den Titel auf Klopapier. Dem Schwindel des Erfolgs entgeht der Autor nicht. Er meint, auch ein Blindband mit diesem Titel hätte sich als Abwehrzauber gegen „die Epidemien der Smartphones” verkaufen lassen. Kobek bezichtete sich an anderer Stelle selbst der Heuchelei, in Berlin bleibt er in der Pose des Wutbürgers, der seine hyperbolischen Einlassungen als viszerale Reaktionen verstanden wissen will. Kobek beschreibt den Gegenstand seines Hasses (unter Einschluss von San Francisco, dem Schauplatz des Romangeschehens) als gescheitertes Gebiet (failed area) und Dystopie – zwei Modebegriffe, die durch zig Debatten geistern. Er raunt: Kümmert euch lieber um eure Freunde (anstatt auf Twitter gemein zu sein). Die Vorliebe für echtes Fleisch und Blut ist auch modisch. Bei Douglas Coupland in den Neunzigern wollten noch alle Nerds so künstlich wie möglich sein und mit richtigen Menschen möglichst wenig gemeinsam haben.

Jarett Kobek, „Ich hasse dieses Internet – Ein nützlicher Roman”, S. Fischer Verlag, 368 Seiten

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erstellt am 13.11.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.