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Sicher gab es Leute, für die der klassische Kanon von Monteverdi bis Strawinsky auf CDs eine Frage des repräsentativ ausgestatteten Haushalts war. Aber es gab auch solche, für die das nachvollziehende Hören der Tonkonserven ein ästhetisches Training bedeutet und deshalb ein Bedürfnis ist. Beide sind nun offenbar von den zuständigen Plattenfirmen weltweit genügend bestückt. Und nun? Hans-Klaus Jungheinrich hat sich umgehört.

Neue Klassik-CDs

Goldesels Erben

Tempora mutantur. Wir sehen, wie sich alles um uns herum rasend verändert, und die meisten Älteren mögen es nicht besonders. Ähnlich ging es wohl unseren Vorfahren, die auch nicht begeistert davon waren, die Bäume verlassen und mit nur zwei Gliedmaßen auf dem Erdboden balancieren zu müssen. An einen solchen Punkt kam um 1990 die mächtige Tonträgerindustrie – mit dem Unterschied, dass sie, Goldesel im Futter, den evolutionären Schritt in eine neue Entwicklung offenbar nicht schaffte. Sie illusionierte ihren Rezepturen gleichsam ewige Gültigkeit. Der in den frühen 1980er Jahren vollzogene technologische Schwenk von der Vinyl- zur Silberscheibe versprach: das ganze Repertoire noch einmal; vermeintliche Wohlgebettetheit durch den Doppelschlag Umwälzung sämtlicher Musikschätze und volle Neuproduktion. Profitabilität ohne Ende. Dann kam das Internet.

Inzwischen ist alles im Fluss. Auch als klingender Datenstrom erobern Online-Produkte den Markt. Momentan floriert die Download-Praxis; sie wird aber gewissermaßen von links und rechts stranguliert – von neuen streaming-Entwicklungen wie von einer sich behauptenden CD-Präsenz, die bezeichnenderweise im E-Musik-Bereich stabil bleiben könnte (die modische Marktnische für Vinyl betrifft in erster Linie die Popmusik). Die noch vorhandenen, aber geschrumpften Tonträger-Konzerne betrachten ihre E-Departments (sie machen zwischen 5 und 10 Prozent des Gesamtvolumens aus) eh nur als lästige Anhängsel der U-Aktivitäten. So fällt ihnen dafür auch nichts anderes ein als das für den U-Sektor Probate: Stars raushauen auf Deubel komm raus.

Ach, der Freund gepflegter Musikkonserven kann sich einen nostalgischen Rückblick nicht verkneifen. In den 1960er und 1970er Jahren schien der Höhepunkt editorischer Euphorie erreicht. Eine glanzvolle Firmen-Quadriga beherrschte den deutschen E-Markt: CBS coverte die in Amerika ansässig gewordene internationale Interpreten-Elite; DECCA und EMI leisteten für die Operndistribution Bedeutendes; die Deutsche Grammophon mit ihrem legendären gelben Etikett war die Erlesenheits-Manifestation schlechthin, sozusagen das fischerdieskaumäßige Nonplusultra der diskographischen Klassikervermittlung. Zusammen mit den ebenfalls munteren Philips-Editoren sorgten sie für einen imposanten Ausstoß von kompositorischen Gesamtausgaben und Interpreten-Lebenswerken; da die raumsparende CD noch nicht erfunden war, ergaben sich zig-Festmeter von LP-Batterien. Eine innenarchitektonisch nicht ganz unproblematische Pracht. Ich kenne Musikfreunde, die dafür ihre Einfamilienhäuser aufs abenteuerlichste zusätzlich unterkellert haben.

Optik ist alles

Etliche dieser Labels sind ganz verschwunden, andere nur mit Mühe noch sichtbar. So kredenzt die Deutsche Grammophon hauptsächlich noch (Klassik-)Starparaden. Etwa ein Recital des Pianisten Benyamin Nuss (DG 476 4872) mit dem nicht gerade phantasievollen Motto „Exotica“. Immerhin eine reizvolle Zusammenstellung von Piècen aus dem weiteren Umkreis des „Impressionismus“. Die drei Sätze der zerrupften Debussy’schen „Estampes“ durchziehen die Folge als motivischer Faden. Was der Pianist manuell draufhat, kann er bei Balakirews teuflisch schwieriger „Islamey“-Fantasie zeigen.

Bei Veröffentlichungen dieser Art ist die optische Präsentation besonders instruktiv. Nuss posiert so vor seinem Konzertinstrument, dass dieses wie die Flügel eines leicht dämonisierten Engels aussieht, der sich anschickt, damit in eine rötliche Unendlichkeit fortzuschweben. Der Geiger Daniel Hope darf bei derselben Firma auf bewährtere Männlichkeitsmuster zurückgreifen. Natürlich auf die variable Ansehnlichkeit eines Drei- bis Fünftagebartes. Sein Instrument hat auf den Fotos eben jenen Grad von leichtgewichtiger Anmut, die Hopes Spiel – solide, aber unaufregend – vermitteln möchte. Ist denn zwischen Nigel Kennedy und Anne-Sophie Mutter noch ein Plätzchen frei für geigerische Talentiertheit? Gleich vier CDs barocken bis romantischen Inhalts lassen sich dazu befragen (DG 479 6370 684). Sammelsurien dieser Art heißen in der Branche „Alben“ (oder im Jargon: „Albums“). Ein Musterexemplar dafür ist die DECCA-CD mit der Blockflötistin Lucie Horsch und Musik von Vivaldi (483 0896). Wenn der Kalauer erlaubt ist: pfiffig gepfiffen. Als Einstimmung versteht das Label aber auch, wie image-genau man eine solche Künstlerin (mit roter Baskenmütze eine schöne Mischung von flott und bieder) offerieren muss, so dass sie zielsicher bei „ihrem“ Publikum ankommt.

Da ist man denn doch erstaunt, dass die Deutsche Grammophon doch nochmal den Mumm hat, etwas herauszubringen „wie in alten Zeiten“ (und auch das Coverfoto dazu sieht zeitlos-seriös aus): Johann Sebastian Bachs Französische Suiten, gespielt von dem wunderbaren alten Pianisten Murray Perahia (DG 479 6565), so etwas wie eine bescheidene, aber gewichtige „Gesamtausgabe“, eine große Insel innerhalb des Kontinents Bach. Und mit welch subtiler Noblesse Murrahia diese sechs Werke spielt! Fein nuanciert und atmend, dabei aber ohne auffällige „Weichzeichnung“, rekurriert er ebensowenig auf demonstrative „Original“-Rhetorik wie auf mechanistische Virtuosität. Das (leider etwas verbrauchte) Attribut „spirituell“ passt hier haargenau. Ebenfalls an alte, qualitätsbewusste Zeiten erinnert eine Veröffentlichung von Sony (der CBS-Erbin) mit dem exzellenten Münchner Kammerorchester und Werken von Anton und Paul Wranitzky (Sony Classics 88875127122).

Ebenfalls ins Tschechische führt das Signet Supraphon, auch ein ganz alter Bekannter. Es präsentiert zwei Werke von Bohuslav Martinů, die Kurzoper „Ariane“ und das bedeutende Doppelkonzert für 2 Streichorchester, Klavier und Pauken (SU 4205) mit hochkarätigen Solisten und den Essener Philharmonikern unter der Leitung von Tomás Netopil. Unter den Plattenmarken ein alter Name ist auch Thorofon. Hier brachte jetzt der rührige Peter Paul Pachl eine Anthologie meist kleinformatiger Werke (Melodramen und Intermezzi) aus dem 19. Und 20. Jahrhundert unter (CTH2633-3). Pachls besondere Domäne ist die deutsche Musik um 1900, und so figuriert aus dieser Periode als Glanzstück der unterschätzten Gattung Melodram das „Hexenlied“ (1902) von Max von Schillings, von Pachl selbst vorgetragen ohne geölte Berufssprecherroutine, aber mit lebhaftem und dramatisch differenziertem Ausdruck. Man staunt, wie souverän der Komponist die formale Seite meistert: Über lange Passagen lässt er die spannende Story Ernst von Wildenbruchs unbegleitet erzählen. Die Musik gibt manchmal nur fragmentarische Markierungen, verdichtet sich aber später und gewinnt Kontur auch in Zwischenspielen an einigen Nahtstellen. Faszinierend die Jugendstil-Nähe zur wenige Jahre jüngeren „Salome“ : frömmlerisch asketisches Christentum trifft auf unverstellte weibliche Sinnlichkeit und Verführungsmagie – diese wird, wie bei Strauss, durch überquellende Melodik „geadelt“.

Selbsthilfe-Projekte und Kleinlabels

Kein Buchautor muss bei einem „normalen“ Verlag mühsam ansuchen, wenn er die nötigen Moneten aufbringt, um bei speziell dafür sich anbietenden Geschäftsbetrieben Druck- und Veröffentlichungskosten zu übernehmen. Ein vergleichbares Geschäftsmodell praktizierte Thorofon, und heute, da die CD-Herstellung billig und sozusagen in der Wohnküche möglich ist, wird in unzähligen Fällen zur „Selbsthilfe“ gegriffen. Namhafte Orchester sehen dergestalt gar nicht ein, warum sie sich etwaige Profite mit Konzernen teilen sollten, und edieren auf eigene Faust. Allen voran natürlich die Berliner Philharmoniker, die mit symphonischen Repräsentier-„Alben“ auch um bibliophile Dignität ringen. Eine dieser typischen Orchester-Editionen ist der Titel „Karneval der Tiere“ der Wiener Symphoniker (WS 010). Das bekannte zoologische Opus von Saint-Saens wird dabei von Willi Weitzel kindertümlich aufbereitet auf eine Weise, die nicht nach jedermanns Geschmack ist. Gegen die schlagkräftige Einspielung des geist- und ereignisreichen „Young Person’s Guide to the Orchestra“ von Benjamin Britten lässt sich aber nicht das Geringste sagen.

Nach dem Sturz der Konzerne und neben den eben apostrophierten „Selbsthilfe“-Projekten sind nach wie vor die Kleinlabels eine Bastion unverbrüchlicher Klassik-CD-Kultur. Vielleicht der Größte unter den Kleinlabels hierzulande ist cpo, erfolgreich nicht zuletzt durch seine äußerst geschickte Kooperation mit den verschiedensten veranstalterischen Partnern. Ich kenne zwar die Bilanzen der Firma nicht, doch vermute ich, dass angesichts des beträchtlichen Veröffentlichungsvolumens viel kompensatorische „Querfinanzierung“ stattfindet, ja, dass die CD-Produktion insgesamt auch vom Distributionsgeschäft des angeschlossenen jpc-Versandhauses profitiert. Absolut bewundernswert ist jedenfalls das klare programmatische Konzept des cpo-Chefs Burkhard Schmilgun, das Akzente setzt auf Barockmusik und wenig bekannte Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts, wobei es „unter der Hand“ auch zu kompendiösen, gesamtausgabenähnlichen Unternehmungen kommt (Allan Pettersson, Franz Schmidt, Bachs Orgelwerk, Max Reger, klassische Operette u.a.). Auffällig ist die Bevorzugung der „gemäßigten“ gegenüber der „radikalen“ Moderne. Das könnte man gutwillig als dem Nachholbedarf geschuldet und als Akt historischer Gerechtigkeit deuten. An dieser Stellen will ich nur an einen von vielen aktuellen cpo-Titeln erinnern: Johann Christoph Pachelbels Orgelwerke Vol. II mit Weihnachtlichem und Psalmliedbearbeitungen, kompetent und klanglich weit aufgefächert auf verschiedenen Orgeln gespielt von Jürgen Essl, Michael Belotti und James David Christie (cpo 777 557-2). Vom Konstrukteur J.S. Bach aus gesehen ist der etwas ältere Pachelbel auf weite Strecken ein besinnlich vor sich hin phantasierender Improvisator. Wohl der Erfinder des berühmten endlos ausspinnbaren Organistengarns.

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erstellt am 11.11.2016

Daniel Hope
It's me (The Baroque & Romantic Albums)
4 CDs
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Lucie Horsch
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Murray Perahia
Johann Sebastian Bach: Französische Suiten
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Anton & Paul Wranitzky
Cellokonzert op. 27 / Violinkonzert op. 11 / Symphonie op.16/3
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Bohuslav Martinu
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Auf dem Meer der Lust in hellen Flammen …
Melodramen und Intermezzi
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Thorofon, 2016

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Wiener Symphoniker
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Johann Pachelbel
Sämtliche Orgelwerke Vol.2
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cpo, 2016

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