Thomas Rothschild analysiert in seiner Kolumne den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl und die Reaktionen darauf. Er macht auf das Versagen der Kommentatoren und der Meinungsforscher aufmerksam.

Kontrapunkt

Zorn und Unzufriedenheit genügen nicht

Die Kommentatoren geben sich schockiert, als hätte, was da passiert ist, außerhalb der Möglichkeiten des Vorstellbaren gelegen. So effektiv ist freilich die Schockstarre nicht, dass es ihnen die Rede verschlagen würde. Sie quatschen und quatschen wie zuvor. Und erklären den Sieg Trumps als Sieg des Populismus. Die Wahrheit ist: ein Rassist, Sexist und Antidemokrat wird Präsident der USA.

Und in Europa? In den EU-Staaten Ungarn und Polen wurden rechtsautoritäre Parteien von Mehrheiten und in demokratischen Wahlen an die Macht gebracht und werden sie dort gehalten. In Frankreich und in Österreich drohen Rechtsextreme durch eine Mehrheit ins Präsidialamt gewählt zu werden oder nur knapp zu unterliegen. Seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist Europa noch nie dem Faschismus so nahe gewesen wie in diesen Tagen.

Und welche Konsequenzen ziehen jene daraus, die uns seit Jahren predigen, dass die USA der Hort der Demokratie seien und dass es in unserem Interesse liege, wenn sie weltweit für Ordnung und, nun ja, eben Demokratie sorgten, die uns unangenagt von Zweifeln verkünden, das Vereinigte Europa biete eine Sicherung gegen Krieg, Nationalismus und Einschränkungen der Freiheit? Es ist an der Zeit, dass sie sich für ihren fortgesetzten Unsinn entschuldigen, ihre Unfähigkeit eingestehen, oder zumindest eine Anstandspause von, sagen wir, drei Jahren einlegen, in denen sie das Maul halten. Die nächsten Jahre werden schlimm genug sein. Wir wollen nicht auch noch die Kommentare derer hören müssen, die kein Schock davon abhält, ihre inkompetenten Ansichten zu veröffentlichen. Das ist die einzige Freiheit, auf die wir gerne verzichten.

Die Aufforderung zum Kuschen ergeht übrigens auch an die bestallten und gut bezahlten Wahlprognostiker. Auch sie überschlagen sich jetzt im Nachhinein mit Erklärungen dafür, dass sie fast allesamt falsch lagen bei ihren Voraussagen für die amerikanische Präsidentschaftswahl. Dabei ist es ja nicht das erste Mal, dass sie sich „geirrt“ haben. Erst kürzlich haben sie prognostiziert, dass der Brexit keine Mehrheit bekommen würde. Nun gibt es gute Argumente dafür, dass Meinungsumfragen und Wahlprognosen für die Demokratie eher schädlich sind als hilfreich. Aber wenn sie auch noch falsch sind, sollte man neu über ihre Funktion und ihre Notwendigkeit nachdenken. Wer sich nicht von einem Arzt operieren lassen will, der nachgewiesenermaßen wiederholt falsche Diagnosen gestellt hat, sollte auch den Meinungsforschern endlich den Boden oder zumindest die Öffentlichkeit entziehen. Bei Brecht heißt es: „Zorn und Unzufriedenheit allein genügen nicht, so etwas muss praktische Folgen haben.“

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erstellt am 11.11.2016

Die weinende Liberty ist eine Nachzeichnung des Bildes »Oh America« (1989) der britischen Anarcho-Punk-Künstlerin Gee Vaucher, die 1945 in London geboren wurde.